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Was von Walfried bleibt

Haushaltsauflösungen sind eine gute Gelegenheit, Schätze vor dem Müll zu bewahren. Und sich darüber Gedanken zu machen, was sie jemandem mal bedeutet haben könnten

Von Birger Stepputtis (Text und Foto)

Sie hieß Walfried. Diese Erkenntnis ereilt mich, während ich einen der drei Holzkleiderschränke im Schlafzimmer der Verstorbenen durchsuche. In der Hand wiege ich einen kleinen ledernen Anhänger, in dem hinter einem Sichtfenster Walfrieds Vor- und Nachname und ihre Adresse fein säuberlich notiert sind. Die Adresse gehört zu eben dem viergeschossigen Mehrfamilienhaus, in dessen oberer Etage ich gerade im heiligsten Rückzugsraum einer mir völlig unbekannten, mutmaßlich alten und nun verstorbenen Frau stehe.

Später werde ich herausfinden, dass Walfried eigentlich ein männlicher Vorname althochdeutscher Herkunft ist. Haben mich in der Wohnung meine Geschlechterklischees benebelt, weil ich mir keinen Opa mit den Seidentüchern und Fellmützen vorstellen konnte, die jetzt mir gehören? Oder ist Walfried vielleicht der längst beerdigte Ehemann der jüngst gestorbenen Witwe? Für mich bleibt Walfried eine alte Dame, die bis zuletzt ihren Alltag in einer Obergeschosswohnung ohne Fahrstuhl verlebt hat.

Eine Freundin hatte auf Kleinanzeigen von der Haushaltsauflösung erfahren und mir eine Nachricht gesendet, da mein Partner und ich uns für Trödel begeistern. Walfrieds Wohnung ist nur wenige Querstraßen entfernt und der Verwüstung anheimgefallen: Überall liegt Styropor von einer abgerissenen Deckenverkleidung, Mülltüten stehen umher, im Wohnzimmer wird eine Schrankwand durch mehr oder weniger gezielte Tritte zerlegt. Ich solle mich umsehen, sagt man mir, ich könne alles haben außer einiger Elektrogeräte in einer Ecke der Wohnung. Kostenlos. Ich beginne also im ersten von drei Räumen, einen Schrank zu durchsuchen.

In meinem Kopf höre ich die Stimme einer alten Frau, sehe sie ob des Zustands ihres Zuhauses die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, während ich hin und wieder etwas in meinen Rucksack stecke: „Wie die Aasgeier machen sich diese Banditen über meine Schätze her.“ So jedenfalls fühle ich mich ein wenig: Wie ein Aasgeier, der kaum den letzten Atemzug abwarten kann und sich schon über seine Beute hermacht. Dabei rette ich doch eigentlich ihre Schätze vor der Vernichtung. Aber darf ich Spaß dabei empfinden?

Ich stecke Walfrieds umfangreiche Sammlung an Knöpfen aller denkbaren Farben, Materialien und Texturen ein, ihre mechanische Körperwaage, einen extravaganten Retro-Regenschirm. Eine DDR-Wärmelampe verräume ich in eine Plastiktüte, die ich vom Boden aufhebe, weil der Rucksack schon voll ist.

Was haben all diese Dinge Walfried wohl bedeutet? Hat ihr Besitz sie glücklich gemacht? Wann hat sie zuletzt eines der Bücher gelesen, die ich hinter einer Doppeltür im Schrank finde? Ein Potpourri uralter Reclam-Klassiker packe ich ein, unter anderem Goethes Faust von 1945, gedruckt noch vor Kriegsende, einen Naturführer für unseren Kleingarten, auch eine genau einhundert Jahre alte Antiquität: ein Heimatbuch mit Bildern, Texten und Gedichten über den Harz von 1926.

Eine umfangreiche Knopfsammlung, eine mechanische Körperwaage, ein extravaganter Retro-Regenschirm

Hätte ich es nicht genommen, es wäre mit den verbliebenen, den verlassenen Büchern kurz darauf in einer Plastiktuppe voll mit Walfrieds Dingen verschwunden, einhundert verlorene Jahre. Auf Seite 109 entziffere ich: „Kämpfe brachte das Leben, viel Krankheit, unsägliche Mühen: Christus, der ist mein Heil, Heil nur bringt der Tod.“ Ob wohl Walfried ihren Tod herbeigesehnt hat, ob sie Furcht hatte davor?

Während ich ihren Besitz nach „wertvoll“ und „vernichtenswert“ sortiere, muss ich ständig daran denken, wie es bloß so weit kommen konnte, dass ein wildfremder Entrümpelungstrupp Walfrieds Wohnung demoliert und die Überbleibsel ihres Lebens später in einem großen Transporter zum Recyclinghof bringen wird. Dass ihre goldverzierten Blümchenteller zerschellt auf dem Boden einer weiteren Tuppe im Wohnzimmer liegen, umgeben von wahrscheinlich jahrzehntealten Möbeln und einem Nähtisch mit grüner Metallnähmaschine, die diesen Tag nicht überleben werden.

Hat Walfried Kinder, andere Verwandte? Haben die keine Zeit, keine Muße, kein Interesse, sich mit dem zu beschäftigen, was Walfried in einem ganzen Leben angesammelt hat? Wie gehen wir um mit dem, was jeder Menschen einmal zurücklässt?

Die Zahl der Haushaltsauflösungen in Deutschland wird nicht erfasst, die Durchführung erfolgt in der Regel privat. Für die Hinterlassenschaften sind nämlich die Erben zuständig. Schlagen diese das Erbe aus, sind nicht auffindbar oder es gibt schlicht niemanden, geht der Nachlass an das entsprechende Bundesland. Dieses versteigert die Wertgegenstände, als wertlos Eingeschätztes wird entsorgt. Auch die Kündigung des Mietverhältnisses liegt bei den Erben. Fehlen diese, müssen Vermieter sich mit dem Nachlassgericht in Verbindung setzen. Die Wohnung einfach eigenmächtig zu räumen oder auch nur zu betreten wäre rechtswidrig.

Als Grund für eine Haushaltsauflösung kommt dabei nicht nur der Tod infrage. Möglich ist etwa auch der Antritt einer längeren Freiheitsstrafe, die dauerhafte Einweisung in eine Psychiatrie, eine Zwangsräumung wegen ausbleibenden Mietzahlungen oder der Umzug in ein Pflegeheim. Vielleicht konnte Walfried sich nicht länger selbst versorgen und die vielen Treppenstufen wurden ihr zu viel. Aber hätte sie dann wirklich all ihre Besitztümer einfach aufgegeben?

Fakt ist: Ich weiß es nicht. Was bleibt, ist ein Gefühl. Das Gefühl, dass dies die Wohnung einer verstorbenen Person ist.

Im Wohnzimmer liegt ein floraler Orientteppich bedeckt von Müll und Styropor, ein wundervolles Meisterwerk der Handwerkskunst. Ich frage, was damit geschehen wird: „Kommt weg, wie der Rest.“ Nachdem ich Besitzansprüche angemeldet habe, durchsuche ich das Schlafzimmer, fühle mich Walfried so nah wie sonst nirgends in der Wohnung, entdecke ihren Namen.

Im größten der drei Schränke liegen Handtücher, ein ganzes Fach voll. Zwei nehme ich mit, dunkelgrau-weiß-kariert mit roten Highlights. Der Rest landet später wohl im Müll.

Wie viele völlig intakte Handtücher werden wohl jeden Tag weggeschmissen, wie viele neu hergestellt? Etwa einhundertachtzigtausend Tonnen Textilien werden jedes Jahr in Deutschland entsorgt. Wenn es doch nur die paar Handtücher wären.

Die Küche ist leer, grüne Schränke ohne Leben. Im Bad ist nur ein kleiner Spiegelschrank verblieben. Ich nehme Walfrieds Solinger Nagelschere mit, unsere alte ist billig, die Schraube lockert sich beim Schneiden und muss ständig nachgezogen werden. Viele würden das vielleicht seltsam finden, ich nicht. Die Schere kommt später einmal unter heißes Wasser und wird dann benutzt.

Was ist das für eine Gesellschaft, die lieber wegschmeißt als weitergibt?

Als ich fertig bin, helfe ich noch ein wenig beim Tragen der Überreste des Wandschranks und sonstigem Zeug aus dem Wohnzimmer, solange, bis der Teppich freigelegt ist. Einem der Männer gebe ich meine Nummer, er will mir bei zukünftigen Haushaltsauflösungen Bescheid geben. Dann kommt mein Freund dazu, er muss mir beim Tragen helfen. Er spricht von Walfrieds Geist, hofft, dass dieser bereits weiterziehen konnte.

Dort liegt er nun also, wenn ich ins Schlafzimmer komme: der neue Teppich, Walfrieds treuer Begleiter, der den Raum in wissender Ruhe erstrahlen lässt. Wunderschönes Ding, das der Zufall uns zugetragen hat. Wie den tiefen Arbeitstisch vom Sperrmüll um die Straßenecke. Den Kleiderschrank von einem Mann hinterm Stadtrand, der vor einem Jahr gestorben ist. Dessen Sohn uns dazu zwei Polsterstühle geschenkt hat; und auch einen Teppich, kleiner und weniger edel als der von Walfried.

Was kann das für eine Gesellschaft sein, die viel zu häufig lieber wegschmeißt als weitergibt, weil das weniger kompliziert ist? Die goldverzierte Blumenteller in einer Tuppe zerklirren lässt, um sich bei Ikea ein Viererset graubeige Teller „Sandskädda“ für 9,99 Euro zu kaufen? Was ist das für eine Wirtschaft, die ständig produziert und entsorgt, weil sie sonst zusammenbricht?

Ich laufe barfuß über Walfrieds Teppich.

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