Wandbilder für die Revolution: Viva la Commune!

Paris ist die Hauptstadt des Protests. Viele Bewegungen beziehen sich mit Graffiti noch heute auf die Commune von 1871.

Friedhofsmauer mit Gedenktafel

Die „Mur des Fédérés“ auf dem Friedhof Père Lachaise im Osten von Paris Foto: Christian Böhmer/dpa

Wie bei früheren Revolutionen dienten auch in der Zeit der Pariser Kommune 1871 Plakate und Graffiti zur Information und Mobilisierung der Stadtbewohner:innen. Nach der „Blutwoche“ vom 21. bis 28. Mai, in der Regierungstruppen den Aufstand endgültig niederschlugen, wurden all diese „revolutionären Wandbilder“ getilgt.

Auf dem Cover der neuen Edition von Le Monde diplomatique ist ein leerer Parkplatz zu sehen.

Dieser Artikel stammt aus der neuen Edition Le Monde diplomatique. Nach fünf Jahren Macron und zwei Jahren Pandemie scheinen Frankreichs Grundsätze von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit fragil geworden zu sein. Das Editionsheft widmet sich den großen politischen und sozialen Fragen, nimmt aber auch den Alltag zwischen Haute Cuisine und Hypermarché in den Blick.

112 farbige Seiten, broschiert, 9,50 Euro

monde-diplomatique.de/edition-lmd

Doch bald begannen die Mauern der Hauptstadt erneut zu sprechen: Während das Kriegsgericht in Versailles in über vier Jahren rund zehntausend Urteile fällte, tauchten in Paris immer wieder anonyme Ehrungen der Aufständischen und Anklagen gegen die Sieger auf. Auf die Außenmauer der Pépinière-Kaserne im 8. Arrondissement schrieb 1872 eine „Gruppe republikanischer Soldaten und Volksfreunde“: „Armee von Versailles, Verteidiger des Despotismus und unseres armen Frankreichs: Ihr seid die Mörder des Volks, der Blutfleck auf Eurer Stirn wird niemals verschwinden“.1

Auch das von der Kommune zerstörte Stadtpalais von Regierungschef Adolphe Thiers, das man auf Kosten der Steuerzahler wiedererrichtet hatte, geriet 1873 ins Visier der Graffitischreiber: „Volk von Paris, dieses Haus wurde zum Preis deines Bluts erbaut“.

Im 12. Arrondissement gedachte man der Toten: „Ehre den mutigen Ferré, Rossel, Crémieux und Dombrowski, die für die Kommune gestorben sind“. Solche Inschriften machten im Jahr 1872 bis zu 23 Prozent der von der Polizei sorgfältig dokumentierten „Schmierereien“ aus. Später wurden es weniger, und der Kampf der Worte verlagerte sich auf den Friedhof Père-Lachaise, wo an der Mur des Fédérés Blumenkränze niedergelegt wurden, von denen die Polizei die als aufrührerisch geltenden Spruchbänder abriss.

Im Mai 1936 gedachten Hunderttausende der Commune

Nach 1920 galt die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) als wichtigste Bewahrerin des Gedenkens an die Kommune. Der Gang zur Mur des Fédérés war ein wichtiges Ritual; im Mai 1936 versammelten sich dazu über 500.000 Menschen. In Flugblättern, Artikeln und Anzeigen wurde die Kommune häufig zitiert und auch in Liedern besungen. Doch man feierte sie kaum noch in Gestalt urbaner Graffiti – auch die PCF nutzte diese Aktionsform wenig.

1968 prangte dann ein großer Schriftzug „VIVE LA COMMUNE“ in der Rue de la Sorbonne. Das war nur folgerichtig, denn die Kommune spielte für den Mai 1968 eine wichtige Rolle – man zeigte Filme und brachte die Kommune-Zeitung Le Cri du Peuple erneut heraus. Die Repressionen gegen die Protestbewegung von 1968 wurden häufig – gern auch etwas übertrieben – mit denen von 1871 verglichen: „Die Versailles-Partei hat kein Recht, von Reformen und Fortschritt zu sprechen“, schrieb etwa der Soziologe Alain Touraine am 30. Juni 1968 in Le Monde.

Die Kommune galt damals als Vorbild für direkte Demokratie und Selbstorganisation, sie war weniger „ein Modell, das exakt wiederholt werden sollte als eine Erinnerung daran, was die Protestierenden erreichen wollten – und was geschehen konnte“, analysiert die Historikerin Ludivine Bantigny.2

Vorbild für den Pariser Mai '68

Zum 100-jährigen Jubiläum sang Jean Ferrat den Song „La Commune“, es erschienen unzählige Artikel, Essays und Romane sowie Neuausgaben der Lebenserinnerungen der Aufständischen. Man hielt spontane Gedenkveranstaltungen ab und die Kommune schaffte es sogar in die Fernsehnachrichten. Graffiti sah man hingegen nur wenige. Dazu muss man anmerken, dass diese Ausdrucksform nach der Eroberung der Mauern von 1968 (nach dem Motto „Weiße Mauern, stummes Volk“) wieder im Verschwinden begriffen war.

Der Künstler Ernest Pignon-Ernest feierte den Geburtstag der Kommune dennoch auf traditionelle Weise. In einer nächtlichen Aktion klebte er im März 1971 Siebdrucke von ermordeten Kom­mu­nard:­in­nen auf das Pflaster der Hauptstadt – unter anderem auf die Treppen, die am Montmartre hoch zur Kirche Sacré-Cœur führen. Damit zwang er die Vorübergehenden, sich noch einmal an die Gewalt zu erinnern, die vor einem Jahrhundert an diesen Orten stattgefunden hatte.

Nach 1971 nahmen die sozialen Bewegungen immer weniger Bezug auf die Kommune. Das lag zum einen daran, dass die PCF an Einfluss verlor. Zum anderen wurde der Aufstand um die Wende zum 21. Jahrhundert endgültig historisiert: Die Kommune wurde Unterrichtstoff in den Schulen, im Viertel Butte-aux-Cailles wurde ihr ein Platz gewidmet; der Platz am Fuße der Kirche Sacré-Cœur wurde nach der Kommunardin Louise Michel benannt. Doch je offizieller das Gedenken an die Kommune zelebriert wurde, desto weniger subversives Potenzial besaß sie noch für die radikale Linke.

Versuchte Vereinnahmung von rechts

Das änderte sich Anfang der 2010er: Zwischen 2011 und 2014 konnte man zunächst vereinzelte Verweise beobachten, meist aus der anarchistischen, antifaschistischen Linken, die sich gezwungen sahen, die Kommune gegen einen doppelten Angriff zu verteidigen. Zum einen gegen eine Interpretation der Kommune als Chaos und Entgleisung, wie durch den konservativen Historiker Jean Sévillia in seinem Buch „Historiquement correct“ (2003).

Sévillia schrieb von „72 Tagen der Anarchie, während derer ein aufständisches Regime mit Terror über die Hauptstadt herrschte“. Zum anderen versuchte ein Teil der extremen Rechten die Kommune zu vereinnahmen: Die identitäre Gruppe „Projet Apache“ hinterließ ab 2011 an Pariser Mauern Stencil mit dem Spruch „Die Bastard-Republik entstand aus dem Blut der Kommunarden“ und bezog sich damit in verdrehter Weise auf die anarchistische Tradition der Aufständischen.

In der öffentlichen Debatte tauchten erneut Fragen nach der Vertretung und Souveränität des Volks, nach Gewaltausübung und „echter“, direkter und sozialer Demokratie auf, die auch die Aufständischen von 1871 aufgeworfen hatten. In diesem Kontext entdeckte man am Morgen des 18. März 2014, dem 143. Geburtstag der Kommune, rot-schwarze Schriftzüge an der Kirche Sacré-Cœur: „Kein Gott, kein Herr, kein Staat“, „Feuer den Kapellen“ und „Es lebe die Kommune von 1871!“.

Bei den Protesten gegen die Reform des Arbeitsrechts 2016 spielten Spraye­r:in­nen eine zentrale Rolle. Sie störten die grafische Ordnung des öffentlichen Raums, indem sie Werbeplakate und Schaufenster von Banken und Versicherungen übermalten. Schnappschüsse ihrer Werke verbreiteten sich über die sozialen Netzwerke und trugen zu einer neuen Ästhetik des Protests bei. Die wochenlange Besetzung der Place de la République durch die Bewegung Nuit Debout begünstigte die symbolische Aneignung des öffentlichen Raums. Der Platz wurde in „Place de la Commune“ umgetauft, und am U-Bahn-Eingang prangte in roten Lettern: „… dass die Kommune wieder lebt“.

„Mai '68 ist uns egal, wir wollen 1871“

Im Frühjahr 2018 protestierten sowohl die Beschäftigten der französischen Staatsbahn SNCF gegen eine Reform ihres Unternehmens als auch Studierende und Schü­le­r:in­nen gegen eine Software namens Parcoursup, die den Hochschulzugang neu regeln sollte. Verweise auf den Mai 1968, der sich zum 50. Mal jährte, waren überall („Mai '68, sie erinnern, wir fangen nochmal an“) – doch auch die Kommune war präsent. Universitätsstandorte wurden in „Freie Kommune Tolbiac“ oder „Freie Kommune Censier“ umbenannt. Auf der Demonstration der Bahnbeschäftigten am 22. Mai 2018 sah man ein Plakat: „Mai '68 ist uns egal, wir wollen 1871“.

Im Vergleich zum faden '68 scheint der Verweis auf die Kommune das größere aufständische Potential zu haben. Wer sagt, „wir wollen 1871“, meint damit allerdings auch, dieses „wir“ sei zu einer bewaffneten Konfrontation bereit – und stützt sich damit im Übrigen auf ein falsches Bild vom Mai '68 als freundliche Rebellion von Bürgerkindern; doch das ist eine andere Geschichte.

Die gilets jaunes (Gelbwesten) bezogen sich 2018/19 hingegen stärker auf die Französische Revolution, der sie etwa die Idee der cahiers de doléances (Beschwerdehefte) entlehnten, als auf die Kommune. In ihrer gesellschaftlichen Zusammensetzung und politischen Kultur unterschieden sie sich deutlich von vorangegangenen sozialen Bewegungen. Obgleich die Kommune stets einen wichtigen Referenzpunkt der Arbeiterbewegung gebildet hatte, wurde sie in der Populärkultur sehr viel seltener aufgegriffen als die Französische Revolution. Doch der Auftritt autonomer Gruppen beim „Dritten Akt“ der Gelbwesten am 1. Dezember 2018 könnte das Auftauchen der ersten gesprayten Referenzen auf die Kommune erklären.

Die Gelbwesten bezogen sich stärker auf 1789

Beim „Vierten Akt“ am 22. Dezember 2018 hinterließ jemand ein Graffiti am Fuß der Kirche Sacré-Cœur: „Die Kommune von Paris 1781 [sic!] / Gelbwesten 2018“. Am 12. Januar 2019 prangte auf einem Bretterzaun, der die großen Kaufhäuser der Pariser Innenstadt schützen sollte, ein riesiger Schriftzug: „1871 Gründe, Macron zu ficken“. „Die Kommune wird wieder aufblühen“, „Es lebe die Kommune“ – mit jedem weiteren „Akt“ (häufig mit Anarcho-A geschrieben) fand man mehr Verweise an den Demorouten.

Später tauchten sie im Umkreis der Proteste gegen die Rentenreform auf, die am 5. Dezember 2019 ihren Anfang nahmen. Am Boulevard Magenta las man am 8. Dezember: „Beginnen wir mit einem Streik, enden wir mit der Revolution. 1871-2019. Wir sind da. GJ“ (GJ für gilets jaunes); und zwei Tage später reimte jemand am Boulevard Raspail: „On veut des thunes en attendant la Commune“ (Wir warten auf die Kommune, bis dahin wollen wir Knete).

All diese Zitate sind kaum mehr als die Anrufung eines Namens, aus der sich nicht herauslesen lässt, welches Wissen und welche Ideen sich damit in den verschiedenen sozialen Bewegungen verbinden. Sie legen jedoch Zeugnis dafür ab, dass die Gelbwesten ebenso wie die Geg­ne­r:in­nen der Rentenreform die – je nach Zielpublikum mobilisierende oder provozierende – Wirkung von 1871 kannten. „Die Kommune“ erscheint hier einfach als griffiges Synonym für „Aufruhr“ und „Revolte“.

2021 kam dem 150-jährigen Jubiläum der Kommune die Coronapandemie dazwischen. Doch da Graffiti eine der wenigen Aktionsformen darstellen, die man auch im Lockdown praktizieren kann, war bereits Monate zuvor auf einer Hauswand im Pariser Osten zu lesen: „150 Jahre / Holen wir uns unsere Kommune zurück / Wir werden nicht vergessen“.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

1 Die Graffiti-Beispiele aus der Zeit von 1871 bis 1879 stammen aus: Céline Braconnier, „Braconnages sur terres d’État. Les inscriptions politiques séditieuses dans le Paris de l’après-Commune (1872-1885)“, Genèses Nr. 35, Paris 1999.

2 Ludivine Bantigny hat in ihrem Buch „1968. De grands soirs en petits matins“, Paris (Seuil) 2018, einige Seiten der Erinnerung an die Kommune gewidmet.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist Dozentin für Zeitgeschichte an der Universität Gustave-Eiffel.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de