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Wahlen in JapanSehnsucht nach starker Führung

Martin Fritz

Kommentar von

Martin Fritz

In Japan hat die Dauerregierungspartei LDP es wieder mal geschafft, sich an der Macht zu halten – mit einfachen Botschaften und autoritären Tendenzen.

Japans Premierministerin Sanae Takaichi von der LDP ist die unbestrittene Wahlsiegerin der Parkamentswahlen Foto: Reuters

D as uralte Rezept der Liberaldemokratischen Partei (LDP), die Japan seit 1955 mit wenigen kurzen Unterbrechungen regiert, hat ein weiteres Mal funktioniert: Tausche den Vorsitzenden aus, damit die Wähler deine (Finanz-)Skandale vergessen, dann lässt sich die Macht zurückgewinnen.

Die LDP kürte Sanae Takaichi im Oktober zur neuen Chefin, weil der rechte Flügel sie als die einzige mögliche Erbin des Nationalisten Shinzo Abe betrachtete. Sie sollte die an Rechtspopulisten verlorenen Wähler zurückgewinnen. Das Kalkül ist perfekt aufgegangen: Takaichi hat laut den ersten Hochrechnungen womöglich mehr Mandate gewonnen als Abe zu seinen besten Zeiten.

Japan wählt traditionell konservativ. Die Studentenrebellion der 1960er Jahre änderte daran nichts. Anders als in Deutschland verhinderte das Establishment den Marsch von Aktivisten der damaligen Zeit durch die Institutionen. Japans rasant alternde Gesellschaft stärkte die Tendenz zur Beharrung.

Die soziale Tendenz zum Schweigen und zur Konfliktvermeidung stützte die politische Stabilität. Die Opposition nutzte den historischen Machtwechsel von 2009 nicht und wirkte in ihren Reaktionen auf die damalige Finanzkrise und die Atom- und Tsunami-Katastrophe inkompetent. Daher bekommen die Nachfolger der damaligen Demokratischen Partei bis heute keinen Fuß auf den Boden.

Viele Wähler werden es bereuen

Takaichis Erdrutschsieg erklärt sich auch daraus, dass Japan dem Trend in westlichen Demokratien zu einem nach innen gerichteten Nationalismus mit einer/m starken An­füh­re­r:in folgt. Die Wäh­le­r:in­nen entscheiden sich für Populisten wie Donald Trump oder eben auch Sanae Takaichi, weil ihnen das Gefühl gegeben wird, diese Führungsperson werde etwas gegen die Probleme unternehmen, sei es Inflation, Niedriglöhne oder Einwanderung.

Der Wahlkampf wird über soziale Medien mit einfachen emotionalen Botschaften geführt. Dabei gehen die ultrakonservativen Haltungen und autoritären Tendenzen dieser Po­li­ti­ke­r:in­nen unter. Viele Wähler werden ihre Begeisterung für Takaichi noch bereuen.

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Martin Fritz
Auslandskorrespondent Japan/Südkorea
Volontariat beim NDR. War Hörfunk-Korrespondent in Berlin während der deutschen Einheit. Danach fünf Jahre als Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Berichtet seit 2001 aus Tokio über Japan und beide Koreas.
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2 Kommentare

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  • "Das Kalkül ist perfekt aufgegangen: Takaichi hat laut den ersten Hochrechnungen womöglich mehr Mandate gewonnen als Abe zu seinen besten Zeiten."

    Wie jetzt? Ich habe bestimmt schon in einer vierstelligen Zahl an Taz-Artikeln gelesen, dass es immer dumm für Rechte ist, rechtsradikale Forderungen zu übernehmen, weil "die Leute dann lieber das Original wählen". Stimmt das etwa gar nicht in jedem Fall, sondern ist eine unterkomplexe Binsenweisheit, die Linke deshalb erzählen, weil sie hoffen, damit konservative Parteien in die Mitte zu ziehen?

  • "Viele Wähler werden ihre Begeisterung für Takaichi noch bereuen."



    Pures Wunschdenken. Japan ist deutlich konservativer als Europa.



    In Deutschland sind etwa 15% der Einwohner Ausländer, in Japan sind es 3% aktuell.



    Und Japan achtet extrem darauf wer ins Land gelassen wird. 83% der Ausländer die in Japan leben sind andere Asiaten.



    Danach kommt lange nichts und dann Brasilianer, was der Geschichte Japans mit Portugal verbunden ist.



    Andere Hautfarben sieht man fast nie.



    Und Muslime machen 0,2% der Bevölkerung aus...



    Schwarze Menschen tragen noch heute permanent Handschuhe in Japan - und zwar weiße. Auch Mützen in der Regel. Andernfalls wird Ihnen ungefragt durchs Haar gegruschelt oder Ihre Hände werden wahllos von anderen Menschen angefasst und gerubbelt - um die Farbe abzukriegen.



    Gut, das mit der Farbe abrubbeln hat Japan nicht für sich allein, dass ist auch in China Standard.



    Japans Bevölkerung hat kein Verlangen nach Öffnung. Dem demographischen Wandel tritt Japan durch Technologie entgegen. Roboter in Altenheimen und im Alltag sind gängig und nehmen rasant zu.



    Die Überschrift des Artikel trifft genau ins Schwarze, es herrscht eine "Sehnsucht nach starker Führung".