Vorwürfe gegen Ex-HSV-Sportvorstand: „Eindringliche Schilderungen“
Stefan Kuntz, bis Ende 2025 Manager des Hamburger SV, ist mit Vorwürfen konfrontiert. Es geht um sexuelle Belästigung in mehreren Fällen.
Die Überraschung war groß, als zu Jahresbeginn der Hamburger SV die Nachricht verbreitete, Sportvorstand Stefan Kuntz habe aus persönlichen und familiären Gründen um die Auflösung seines Vertrages gebeten. Nach langen tristen Jahren der Zweitklassigkeit schien vielen die Verbindung zwischen Kuntz und dem HSV ein Glücksfall zu sein. Gleich nach seinem ersten Dienstjahr gelang der Aufstieg. In den Medien war noch im Dezember 2025 ausführlich über eine anstehende Vertragsverlängerung mit Kuntz spekuliert worden.
Nun meldet die Bild-Zeitung, was die Hintergründe für die plötzliche Demission des Sportvorstands gewesen sein könnten. Kuntz wird wohl von mehreren Mitarbeiterinnen des Fußballbundesligisten sexuelle Belästigung vorgeworfen.
In dem Bericht heißt es, der HSV lasse die Vorwürfe von einer Hamburger Anwaltskanzlei prüfen und habe den Frauen Vertraulichkeit zugesichert. Eine Vereinsangestellte habe sich Anfang Dezember an den Aufsichtsrat gewandt. Als der Klub mit der Prüfung begann, habe sich eine weitere Mitarbeiterin gemeldet, die ähnliche Vorfälle geschildert habe.
Stellungnahme des Hamburger SV
Bild berichtet aus dem Umfeld des Vereins, die Aussagen beider Frauen gälten den Anwälten als glaubwürdig. „Vor allem die eindringlichen Schilderungen der zweiten Mitarbeiterin sollen bei der Bewertung entscheidend gewesen sein.“ In mindestens einem Fall soll eine Frau berichtet haben, sie habe sich durch Äußerungen des Fußballmanagers zum Oralverkehr gedrängt gefühlt. Mittlerweile sollen sich noch weitere weibliche Klubangestellte gemeldet haben.
Offiziell hält sich Verein zurück, es gibt bislang diese Stellungnahme: „Wir möchten uns weiterhin auf die Aussage beschränken, dass Stefan Kuntz den Aufsichtsrat aus persönlichen familiären Gründen gebeten hat, zum 31.12.2025 auszuscheiden.“
Anzeige wegen Stalking
Auch Stefan Kuntz selbst will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Es heißt, er habe bei der Staatsanwaltschaft Hamburg Anzeige gegen Unbekannt gestellt. Da gehe es um Stalking, denn er habe seit Juli 2025 anonyme Nachrichten zugeschickt bekommen, die ihn beunruhigten. Die Anzeige habe er Anfang Dezember gestellt, etwa zu dem Zeitpunkt, als sich die erste Vereinsmitarbeiterin gemeldet hatte.
Kuntz hat verlauten lassen, er kenne die genauen Vorwürfe, die die Frauen erheben, nicht. Mit Verweis auf sein persönliches Umfeld heißt es, er habe bislang keine Gelegenheit zu einer Stellungnahme bekommen. Eine Aufforderung zu Oralverkehr habe es nicht gegeben. Von einer Verleumdungskampagne sei im Umfeld von Kuntz die Rede, berichtet die Bild-Zeitung. Durch den Aufhebungsvertrag und die so erfolgte Trennung spare der Verein Geld in siebenstelliger Höhe.
Noch Anfang Januar hatte Bild von einem „schweren Krankheitsfall im engen Familien-Kreis“ berichtet, der Grund für die Demission gewesen sei. Von Kuntz war dieses Zitat verbreitet worden: „Manchmal gibt es wichtigere Dinge als Fußball. Das ist nun bei mir der Fall. Mehr möchte ich dazu nicht sagen und bitte darum, dies zu respektieren.“ Im Anschluss hatte er dem HSV „für tolle anderthalb Jahre“ gedankt und „den Teams und der gesamten Geschäftsstelle weiterhin das Beste“ gewünscht.
Auf eine aktuelle Anfrage der Bild antwortete Kuntz’ Anwalt, sein Mandant habe den HSV damals „aus persönlichen familiären Gründen um eine kurzfristige Vertragsbeendigung gebeten“. Die Hamburger Morgenpost präzisierte, aus dem Umfeld von Kuntz heiße es, dieser habe dies so gewollt, weil er familär bedingt öfter an seinem Wohnort im saarländischen Neunkirchen gebraucht werde.
Nach Darstellung von Bild hat sich die Trennung allerdings anders zugetragen. Vor dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt – 1:1 am 20. Dezember – habe ein Teil des HSV-Aufsichtsrats um den Vorsitzenden Michael Papenfuß Kuntz in seinem Büro aufgesucht und mit den Vorwürfen konfrontiert. Zunächst habe Kuntz erklärt, sich vor dem Aufsichtsrat äußern zu wollen, doch letztlich sei ein Treffen von Kuntz’ Anwalt abgesagt worden.
Bislang ein Idol
Stefan Kuntz erfreut sich nicht nur beim HSV großer Beliebtheit. Ein Idol ist er beim 1. FC Kaiserslautern spätestens, seitdem er mit dem Team in der Rolle des Kapitäns 1991 Deutscher Meister wurde und zu Deutschlands „Fußballer des Jahres“ gewählt wurde. Als Trainer erarbeitete er sich später bundesweite Anerkennung, nachdem er mit der U21-Nationalmannschaft 2017 und 2021 zwei EM-Titel gewann. Lange Zeit war er als möglicher Nachfolger von Bundestrainer Joachim Löw im Gespräch.
Am Samstagnachmittag waren beim HSV noch die 1:2-Niederlage beim SC Freiburg und insbesondere die zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen der große Aufreger. Die Erschütterungen rund um die Vorwürfe gegen Stefan Kuntz werden den Verein in den nächsten Tagen deutlich intensiver beschäftigen.
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