: Vom Ende einer Beziehung
Eine 15-Jährige wird von ihrem Exfreund, einem Asylbewerber, erstochen. Hat der Staat versagt?
Von Christoph Schmidt-Lunau
Der Parkplatz am Rand der pfälzischen Kleinstadt Kandel ist am Donnerstagnachmittag eine Gedenkstätte. Mehr als einhundert Menschen sind gekommen, darunter viele Kinder und Jugendliche. Zwei Tage zuvor war in dem angrenzenden Drogeriemarkt ein 15-jähriges Mädchen von ihrem gleichaltrigen Exfreund, einem Asylbewerber aus Afghanistan, mit einem Küchenmesser tödlich verletzt worden. Die Menschen hier trauern mit den Eltern, die ihr einziges Kind verloren haben. Viele stellen Kerzen auf. Es ist ein stilles Gedenken, ohne Reden.
Unmittelbar nach der Tat hatte ein Mann an gleicher Stelle schrille Töne angeschlagen und eine angeblich verfehlte Flüchtlingspolitik für das Geschehen verantwortlich gemacht. Allerdings ohne große Resonanz. Die Menschen vor Ort reagieren besonnen. „Fremdenfeindliche Parolen in die Welt zu setzen ist der falsche Weg“, so Verbandsgemeindebürgermeister Volker Poß, SPD.
Am Donnerstag hatten Polizei und Staatsanwaltschaft über die Hintergründe der Messerattacke informiert. Demnach ist der inzwischen 15-jährige Jugendliche Anfang 2016 illegal nach Deutschland eingereist. Als Asylbewerber registriert, wurde er zunächst in Germersheim untergebracht. Seit zwei Monaten lebt er mit anderen Jungen in einer betreuen Wohngemeinschaft in Neustadt an der Weinstraße. Der Täter und sein späteres Opfer hatten sich in der Schule kennengelernt. Sie waren ein paar Monate lang ein Paar. Doch Anfang Dezember kam es zum Bruch. Das Mädchen wollte die Beziehung beenden, der junge Mann wollte sich damit nicht abfinden. Er bedrohte seine Exfreundin in sozialen Medien und am Telefon. Die Eltern wandten sich Mitte Dezember an die Polizei und zeigten ihn an. In einer „Gefährderansprache“ forderten die Beamten ihn auf, sein Verhalten zu ändern. „In aller Regel fruchtet das“, sagte Polizeivizepräsident Eberhard Weber. In diesem Fall leider nicht.
In sozialen Netzwerken wird nun mit kräftiger Hilfe der AfD Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. Der Vizedirektor des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Dominic Kudlacek, warnt vor Pauschalisierungen. Gewaltbereitschaft sei keine Frage des Passes. Zwar sei die Zahl der jungen ausländischen Tatverdächtigen zuletzt gestiegen, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung aber ebenfalls. Auch deutsche Jugendliche der gleichen Altersgruppe würden häufiger kriminell. „So tragisch es für die Angehörigen auch ist, ich sehe nicht, dass die Behörden hier etwas falsch gemacht haben“, sagte Kudlacek zur taz. Gegen einen Stalker, der mit Gewalt drohe, könne die Polizei zwar auch schärfere Maßnahmen einleiten, bis hin zur Einweisung in die Psychiatrie. Es sei vor einer solchen harten Maßnahme aber immer eine Abwägung vorzunehmen.
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