Vom 11. September zu Corona: Mutter der „alternativen Fakten“

Die Behauptung, 9/11 sei ein „Inside Job“, war die erste große Internet-Verschwörungsthese. „Alternative Fakten“ wurden massentauglich.

Alex Jones, ein älterer Mann mit ungepflegtem Dreitagebart schreit mit wutverzerrtem Gesicht. Er trägt eine Cap, auf der Steht "Join or Die". Um Ihn herum viele trainierte Männer in schwarzer Kleidung.

Öfter mal laut am Schreien: Verschwörungserzähler Alex Jones Foto: imago-images

Es war das bislang erfolgreichste Geschäftsjahr des Internets. Zwischen 350 und 500 Millionen Menschen nutzten 2001 das wenige Jahre zuvor als Knotenverbindung zwischen US-Universitäten entwickelte Datennetz. Heute sind es über vier Milliarden Nut­ze­r*in­nen weltweit.

Die damals noch neue Kommu­ni­kationstechnologie machte möglich, dass schon unmittelbar nach den Anschlägen Ideen über den Terrorakt als „Inside Job“ der US-Regierung (oder des Mossad, der Geheimdienste oder aller zusammen) Verbreitung fanden. Die Vorstellung, dass alles in Wirklichkeit ganz anders ist, als es „die offizielle Version“ oder „die Mainstreammedien“ berichten, wurde mit 9/11 massentauglich.

Dieser Text ist Teil des taz-Dossiers zu den Terroranschlägen vom 11. September vor 20 Jahren. Der Schwerpunkt erscheint in der Ausgabe vom 31. August. Unsere Au­to­r*in­nen beschäftigen sich darin mit den Folgen des Anschlags. Wie haben sie ihn erlebt? Wie hängt 9/11 mit der Krise in Afghanistan zusammen? Welche Verschörungsmythen bestehen nach wie vor?

Tatsächlich gibt es direkte Linien von der 9/11- „Truth“-Bewegung zu den Quer­den­ke­r*in­nen und Co­ro­nal­eug­ne­r*in­nen von heute. Einer der Antreiber solcher Erzählungen war vom ersten Tag an der notorische US-Verschwörungsthesenverbreiter Alex Jones. Dessen Hauptmedium war damals das Radio – seine Show wurde von mehreren hundert Sendesta­tio­nen verbreitet, seine Webseite infowars.com war schon seit 1999 online und ist es bis heute.

Jones, einer der lautesten Verteidiger Donald Trumps, brach erst jetzt mit dem ehemaligen Präsidenten, als der bei einer Veranstaltung seine An­hän­ge­r*in­nen aufforderte, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Jones’ Website ist derzeit voll mit Fakenews über Zehntausende Impftote, die von den Mainstreammedien verschwiegen würden.

Auch Richard Gage ist bei beiden Bewegungen mit dabei. Der Architekt aus Kalifornien gründete 2006 die Gruppe „Architekten und Ingenieure für die Wahrheit über 9/11“, die im Wesentlichen argumentierte, der Einsturz der Doppeltürme des World Trade Centers und vor allem des nicht direkt getroffenen Nebengebäudes WTC 7 könne unmöglich die Folge der Flugzeugeinschläge sein – vielmehr habe eine kontrollierte Sprengung stattgefunden.

In der „Truther“-Szene gilt diese Idee inzwischen als unumstößliche Wahrheit, und auch für den Regisseur Spike Lee klang sie plausibel genug, dass er Richard Gage in einem für HBO produzierten Vierteiler zum 20. Jahrestag von 9/11 reichlich Platz einräumte. Erst nach Kritik in US-Medien erklärte Lee vor wenigen Tagen, die Folge zu überarbeiten.

Vom Statik- zum Pandemieexperten

Gage ist seit vergangenem Jahr offenbar auch Pandemie-Experte und erklärte in mehreren Podcasts, Covid-19 sei die Erfindung einer „zunehmend restriktiven und tyrannischen Regierung“, die die Bevölkerung „mit Impfstoffen vergiften will, die uns töten werden“. Bill Gates sei ein Eugeniker, der die Weltbevölkerung reduzieren wolle.

Auch in Deutschland sind die Überschneidungen offensichtlich. So saßen 2003 im Audimax der Humboldt-Uni in Berlin unter dem Veranstaltungstitel „Der inszenierte Terrorismus“ etwa Gerhard Wisnewski, Andreas von Bülow und Mathias Bröckers auf der Bühne. Wisnewski erklärte damals, es seien gar keine entführten Flugzeuge ins World Trade Center geflogen, sondern ferngesteuerte Drohnen.

Heute ist er Autor beim rechten, Verschwörungsideologien verbreitenden Kopp-Verlag und bei Jürgen Elsässers rechtsextremen Compact-Magazin. Er wettert gegen Covid-19-Impfungen und die „Coronadiktatur“.

Ex-Bundesminister Andreas von Bülow, der auch damals zu lange aus jeder Regierungsfunktion ausgeschieden war, als dass er noch Insider-Informa­tio­nen haben könnte, sah in 9/11 ein abgekartetes Spiel von Geheimdiensten. Anfang diesen Jahres trat auch er beim Kongress des Kopp-Verlages auf. Titel seines Vortrags: „Die Impfagenda des Bill Gates und sein Einfluss auf die WHO und die Pharmaindustrie“.

Dieselben Leute, dieselbe Denke

Ex-tazler Mathias Bröckers, der zunächst mit durchaus journalistischen Fragestellungen an die Anschläge herangegangen war und auf tatsächliche Ungereimtheiten und verfrühte Schlüsse hingewiesen hatte, verzettelte sich dann in den Wirren der „Truther“-Szene. Er gehört zu den Gründern und zum Freundeskreis des Rubikon-Verlags, auf dessen Homepage sich sowohl alles Mögliche zu 9/11 findet als auch Texte über und gegen die „Coronadiktatur“.

Bröckers wurde fester Gast von Ken Jebsens „KenFM“ – und schrieb ein Buch über den selbsterklärten großen Aufklärer Jebsen, der damals noch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Verschwörungsthesen über 9/11 verbreitet hatte und heute ein Medienstar der Coronaleugner-Bewegung ist.

Dieselbe Denke, dieselben Leute: Wie keine andere Verschwörungserzählung zuvor hat die Behauptung der „Wahrheit über 9/11“ dazu beigetragen, jene Parallelfaktenwelt hervorzubringen, die heute öffentliche Debatten so schwierig macht – und ihren gewaltvollen Ausdruck in „Lügenpresse!“-­Geschrei und Übergriffen auf Jour­na­lis­t*in­nen findet.

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