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Völkermord-Gedenken in BerlinAus der Mitschuld folgt Verantwortung

Initiativen erinnern an den Genozid an den Ar­me­nie­r*in­nen im Osmanischen Reich vor 111 Jahren. Der Gedenktag sollte Teil der deutschen Erinnerungskultur werden.

Am 24. April haben zahlreiche Menschen Blumen am armenischen Kreuzstein niedergelegt Foto: Julian Csép

Als Ani Petrosyan anfängt zu sprechen, bricht ihre Stimme. Sie schluckt, kämpft kurz mit den Tränen, fängt sich. Denn was sie erzählt, ist auch für sie selbst noch frisch. „Ich habe erst im vergangenen Jahr mehr darüber erfahren, wie meine Familie vor mehr als 100 Jahren versucht hat, sich in Sicherheit zu bringen“, sagt sie. Ihre Großeltern seien im Osmanischen Reich auf der Flucht gewesen vor dem Völkermord an den Armenier*innen. Damals verfolgten die Jungtürken die christlichen Minderheiten, sie vertrieben sie aus ihren Dörfern, schickten sie auf Todesmärsche und ermordeten sie. Geschätzt töteten sie bis zu 1,5 Millionen Menschen, neben den Ar­me­nie­r*in­nen vor allem auch Pon­tos­grie­ch*in­nen und Aramäer*innen.

Meine Vorfahren sind 400 Kilometer zu Fuß geflohen und haben den Grenzfluss unter Lebensgefahr überquert

Ani Petrosyan, Armenische Jugend Berlin-Brandenburg

„Meine Vorfahren sind 400 Kilometer zu Fuß geflohen, bis zum Grenzfluss, und sie haben ihn überquert, obwohl es lebensgefährlich war“, sagt Petrosyan. Mehrere ihrer Verwandten seien in dem Fluss gestorben. Sie erzählt, wie ihre Familie sich im ersten Dorf nach der Grenze in Armenien angesiedelt habe. Ein dann multikulturelles Dorf, weil auch andere Verfolgte dort Zuflucht suchten.

Ihre Geschichte erzählt Petrosyan am 24. April, dem offiziellen Gedenktag an den Völkermord an den Armenier*innen. Sie ist Co-Vorsitzende der Armenischen Jugend Berlin-Brandenburg (AJBB) und ihr Verein legt am Freitagabend am armenischen Kreuzstein an der Hedwigkirche in Mitte einen Kranz ab. Dort liegt neben brennenden Kerzen bereits ein großer Kranz der Armenischen Botschaft und zahllose einzelne Blumen. Zur Gedenkstunde des AJBB haben sich rund 50 Personen eingefunden. „Es bewegt uns sehr, dass so viele gekommen sind“, sagt Diana Piruzyan, ebenfalls Vorsitzende des AJBB. Mit einer so großen Anteilnahme hätten sie gar nicht gerechnet. Bei der Versammlungsbehörde hatten sie nur 15-20 Personen angemeldet.

Beachtlich ist auch die Zahl der Veranstaltungen, mit denen Initiativen in diesem Jahr in Berlin an den Völkermord erinnern. Schon am Donnerstagabend gab es von „Zeit zu reden“ eine Diskussion über den Genozid an den Ar­me­nie­r*in­nen und seine Bedeutung heute in der Spore in Neukölln, während der Verein Akebi zeitgleich gemeinsam mit dem Museum Charlottenburg Kurzfilme mit Bezug zum Völkermord und dem Gedenken daran zeigte und über den armenischen Intellektuellen und Journalisten Hrant Dink informierte.

Das Gorki-Theater erinnert seit Jahren an den Völkermord

Hrant Dink war 2007 in Istanbul auf offener Straße vor dem Redaktionsgebäude seiner Zeitung ermordet worden, auch weil er sich für das Gedenken an den Völkermord einsetzte. Das Gorki-Theater, das zuverlässig seit Jahren unter anderem mit Ausstellungen und Vorträgen an den Völkermord und an Hrant Dinks Todestag im Januar erinnert, zeigte am Freitagabend das Theaterstück „Donation“, das sich um den Völkermord und die Vertreibung von Ar­me­nie­r*in­nen 2023 aus Artzach dreht.

Deutschland hat den Völkermord anerkannt, aber bis heute ist es kein selbstverständlicher Teil der deutschen Erinnerungskultur

Asuman Kırlangıç, Akebi

Und am Samstagabend luden Akebi und das Haus der Kulturen ebenfalls zu armenischer zeitgenössicher Kunst ein. Akebi ist ein Zusammenschluss von Menschen mit armenischem, türkischen und kurdischen Hintergrund, die sich in Berlin für eine lebendige und den postmigrantischen Realitäten angemessene Erinnerungskultur einsetzen. Dort diskutierten auch der Journalist Tigran Petrosyan, die Historikerin Elke Shogig Hartmann und die Kunstwissenschaftlerin Banu Karacha darüber, was die Mitschuld Deutschlands an dem Genozid für die Erinnerungskultur heute bedeutet.

Denn das Deutsche Kaiserreich war als Kriegsverbündeter des Osmanischen Reichs maßgeblich an den damaligen Verbrechen beteiligt, verantwortliche Politiker erhielten in Berlin Zuflucht. Der Bundestag hat in einer Resolution 2016 die Vertreibung und Ermordung der Christen im Osmanischen Reich als Völkermord anerkannt und die deutsche Mitschuld festgestellt. Die Resolution fordert Deutschland auch dazu auf, sich um Erinnerung und Aufklärung zu bemühen.

„Deutschland hat vor den Völkermord und die eigene Mitschuld anerkannt“, sagt Asuman Kırlangıç von Akebi. „Aber der Völkermord ist bis heute kein selbstverständlicher Teil der deutschen Erinnerungskultur.“ Mit ihrer Arbeit wollten sie auch die Frage stellen, was es dazu brauche. Petrosyan forderte, dass der Völkermord endlich ein Thema an Schulen werden sollte – so wie in der Resolution vorgesehen. Das Wissen darum würde so selbstverständlicher werden. Hartmann forderte mehr Forschung an den Universitäten. „Verantwortung zu übernehmen heißt auch, armenisches Leben zu schützen“, als Minderheit seien Ar­me­nie­r*in­nen auch heute vielfach bedroht, sagte sie.

Ein Garten für die Feministin Mari Beylerian

Am Haus der Kulturen der Welt wird ein sichtbares Zeugnis des Gedenkens bleiben. Seit Samstag ist ein Teil des Gartens an der Spree nach Mari Beylerian benannt, einer armenischen Feministin, die wohl unter den rund 200 Intellektuellen war, deren Verhaftung in Konstantinopel am 24. April 1915 als ein deutlicher Beginn des Völkermords gilt. Schon 1895 hatte sie gegen die Verfolgung von Ar­me­nie­r*in­nen im osmanischen Reich protestiert und sich für die Rechte von Frauen eingesetzt. Vermutlich wurde sie in der Haft ermordet, erklärt Lusin Reinsch von Akebi bei der Einweihung des Gartens.

„Eine Anerkennung von einem Völkermord bleibt leer, wenn sie nicht von konkreten Maßnahmen des Erinnerns und Gedenkens und der Übernahme von Verantwortung begleitet wird“, betont Reinsch. Und sie sagt auch: „Niemand aus der armenischen Community hätte es sich wohl vor zehn Jahren träumen lassen, dass wir in diesem Jahr so viele Veranstaltungen haben wie dieses Jahr.“

Eine Anerkennung von einem Völkermord bleibt leer, wenn sie nicht von konkreten Maßnahmen begleitet wird

Lusin Reinsch, Akebi

Das sei auch starken Part­ne­r*in­nen zu verdanken, die sich langfristig dem Thema öffneten – wie etwa der Spore Initiative, dem Haus der Kulturen der Welt, die das Gedenken im zweiten Jahr im Folge einen Ort gibt, dem Gorki sowie seit dem vergangenen Jahr auch dem Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, die die Zusammenarbeit mit Akebi nun fortführen. Diese Unterstützung aus solchen Institutionen sei wichtig, damit das Erinnern am Ende doch auch zu einer Sache der gesamten Gesellschaft werde.

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