Virus-Mechanismen: Nach der Seuche ist vor der Seuche

Ein unsichtbarer Erreger, Ansteckung, Angst, Isolation: In der Coronakrise sind dieselben Mechanismen wirksam wie bei Cholera oder Spanischer Grippe.

menschen sitzen auf Stühlen, die weit auseinander gerück sind

Bloß nicht zu nahe kommen: Menschen warten auf ihre Essensbestellung Foto: Chaiwat Subprasom/dpa

HAMBURG taz | Ein kleines Ding mit enormen Auswirkungen, so ein Virus: Schlüpft noch durch Filter, an denen die Bakterien scheitern. Besteht überhaupt aus wenig mehr als den Zutaten für seine eigene Reproduktion, aus seinem eigenen Bauplan.

Umso mehr ist so ein Ding, das die Wissenschaft gar nicht zu den Lebewesen zählt, auf eine Umgebung angewiesen, die ihm diese Vermehrung ermöglicht: einen Wirt, der ausführt, was das Virus an Programm mitgebracht hat, eingeschleust, -geschmuggelt.

Nicht aufzuspüren, ja unsichtbar, aber aus diesem Verborgenen hoch wirksam. Virus war der metaphorische Name der Wahl für einen Typ von Programmen, die mit der privaten Nutzung von Computern aufkamen: sich selbst verbreitende Software, die die Gerätschaften nichtsahnender Nutzer*innen befiel, ansteckte; aufmerksam auf sich machend nur insofern, als manche dieser ungebetenen Codezeilen ja gerade beauftragt waren, eine sehr drastische Wirkung zu entfalten.

Dass das klassische Virus in diesem Sinne längst ein Auslaufmodell ist, verdrängt vom noch mal sehr viel effizienter sich vervielfältigenden „Wurm“: Fachleute interessiert so was, für alle anderen ist der Unterschied wohl egal, sind auch „Wurm“ oder „Trojaner“ – Viren.

Ein kleines Ding ohne Absichten oder eigenen Willen, das doch zur Prüfung werden kann für allerkomplexeste Systeme oder gleich eine ganze Weltgemeinschaft: Wie sehr sie eine Gemeinschaft ist, auch dafür ist Corona ja eine Anlass zur strengen Überprüfung. Braucht es wirklich nicht mehr als so eine schwer zu ortende Gefahr, um infrage zu stellen, was in Jahrzehnten an Einigung und Annäherung erreicht wurde? Oder zeigen sich unter den Bedingungen der Pandemie längst vorhandene Risse nur besonders deutlich?

Ihr-und-wir-Denken wird schnell reaktiviert

Es scheint so, betrachten wir, was sich in den vergangenen Wochen in Europa abgespielt hat – oder auch zwischen den sonst zu gern Gemeinsamkeit behauptenden Nachbarn Hamburg und Schleswig-Holstein. Wenig scheint schneller wieder reaktiviert als ein geradezu tribalistisches Ihr-und-wir-Denken.

Bezeichnend, wenn auch nur ein Nebenaspekt: Dass der Ursprung dieser oder jener Krankheit zuverlässig beim anderen angesiedelt wird, ist keine Erfindung eines xenophoben heutigen Regenten in Wahlkampfnöten, der immer schon etwas gegen China hatte – auch die „Spanische“ Grippe war ja nicht spanisch.

Wär’s angesichts sehr vieler sehr echter Tragödien, sehr realen Leids nicht so vermessen, dann ließe sich in dieser drastischen Ernüchterung ein Wert ausmachen. Deutlich ist in diesen Tagen ja die Ungleichheit geworden, über deren angebliches Verschwinden so gern sonntagsgeredet wird. Und das nicht erst im Rückblick auf einen 128 Jahre zurückliegenden Cholera-Ausbruch. 1892, in einer Stadt wie Hamburg, tötete jener Erreger ja sehr deutlich entlang der sozialen Schichtgrenzen, die auch welche auf dem Stadtplan waren.

Ein Test ist so ein Virus nicht nur im Großen. Auch das ganz Intime ändert sich ja durch so eine Bedrohung, die sich ausgerechnet über Kontakt und über Nähe verbreitet. Waren diese nicht, als Antidot zur Einsamkeit, bis eben noch, was uns den Tod länger vom Hals halten sollte?

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Wollte irgendwann mal Geisteswissenschaftler werden, ließ mich aber vom Journalismus ablenken. Volontär bei der taz hamburg, später stv. Redaktionsleiter der taz nord. Seit Anfang 2017 Redakteur gerne -- aber nicht nur -- für Kulturelles i.w.S.

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