piwik no script img

Verschärftes Asylgesetz in SchwedenTrennung verfolgter Familien

Schweden plant ein Asylrecht, das Familiennachzug erschweren und Aufenthalt beschränken soll. Ein „Scheißgesetz“, sagt die Linkspartei.

Reinhard Wolff

Aus Stockholm

Reinhard Wolff

„Ihr habt Blut an den Händen“ stand auf einem Plakat, „Schande!“ auf einem anderen. Dem Protestaufruf vor dem Reichstag in Stockholm, zu dem Flüchtlings- und Kinderhilfsorganisationen, die schwedische Kirche, das Rote Kreuz und andere aufgerufen hatten, waren am Dienstag Hunderte DemonstrantInnen gefolgt. Ihr Protest galt einem Gesetz, das zeitgleich im Parlament verhandelt wurde und das Asylrecht weiter verschärft.

Mehrheitlich verabschiedeten die Abgeordneten der rot-grünen Regierungsparteien zusammen mit den Konservativen und den rechtspopulistischen Schwedendemokraten eine Gesetzänderung, mit der sich Schweden laut Regierungschef Stefan Löfven „auf dem Minimumniveau der Asyl- und Flüchtlingspolitik in der EU positioniert“.

Mit der Neuregelung, die am 20. Juli in Kraft tritt, wird vor allem die bislang dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für anerkannte Asylsuchende auf drei Jahre beschränkt, der Familiennachzug so erschwert, dass nach Einschätzung der Kinderhilfsorganisation Rädda Barnen nun zwei Drittel aller unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge auch nach Erhalt eines Bleiberechts erst einmal ihre Eltern und Geschwister nicht nachkommen lassen können.

Schweden könne es sich nicht leisten, großzügiger als andere EU-Länder zu sein, begründete Justiz- und Migrationsminister Morgan Johansson die „notwendigen und vorbeugenden“ Verschärfungen, ansonsten laufe man Gefahr, in eine ähnliche Situation wie im vergangenen Jahr zu geraten. 2015 waren 163.000 Asylsuchende nach Schweden gekommen, in Relation zur Einwohnerzahl so viele wie in keinem anderen EU-Land. Nach der Einführung von Grenzkontrollen war diese Zahl seit Jahresbeginn massiv gesunken, derzeit stellen im Schnitt nur noch 60 bis 70 Flüchtlinge pro Tag einen Asylantrag, so wenig wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Auch andere Länder sollen handeln

Diese aktuellen Zahlen spielten keine Rolle, erklärte Johansson. Ministerpräsident Löfven verteidigte die Neuregelung: „Wir wollen damit auch erreichen, dass andere Länder mehr tun.“ Formal soll die jetzige Regelung zunächst bis 2019 gelten, mehrere PolitikerInnen kündigten bereits an, ein Zurück zur Asylpolitik der Vergangenheit werde es nicht geben.

Neben der Linkspartei stimmte die liberale Zentrumspartei gegen die Verschärfungen, Christdemokraten und Liberale enthielten sich. Kritisiert wurde von diesen vor allem, dass die schwedische Politik die Integration erschwere und zu einer dauerhaften Trennung von Familien führe, was gegen die UN-Kinderrechtskonvention verstoße.

Christina Höj Larsen, Abgeordnete der Linkspartei, sprach von einem „Scheißgesetz“ und einer „Schande“, und die Zentrumsparlamentarierin Johanna Jönsson kritisierte es als „höchst inhuman“, verfolgten Familien kein Zusammenleben zu ermöglichen.

Schweden steht mit den Verschärfungen in Nord­europa nicht allein. Auch in Finnland, Norwegen und Dänemark sind Maßnahmen zur Bleiberechtsbegrenzung und zur Einschränkung des Angehörigennachzugs beschlossen oder in Vorbereitung.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

3 Kommentare

 / 
  • Jens Frisch

    Auch auf die Gefahr hin, dass Fakten "rechts" sind:

     

    "Folge jahrzehntelanger liberaler Zuwanderungspolitik: 58 Prozent der schwedischen Sozialleistungen gehen an Migranten."

     

    ( https://www.bayernkurier.de/ausland/7032-gescheiterte-zuwanderungspolitik : Zugegeben: CSU Hauspostille! Fraglich, ob die Daten stimmen, könnten allerdings einiges erklären!)

  • noevil

    Da möchte ich heute nicht einmal mehr in Urlaub hin fahren. Dabei waren die Skandinavier als freundlich und offen bekannt und beliebt

     

    Möchte wissen von wievielen und mit welchen ungeprüften Ängsten man sich dort vor sich her treiben lässt. Schade!

  • Tino Trivino

    EINFACH nur Krank!!!! um so Reicher.. um so Kálter werden wir!!!