Verkehrssicherheit in Berlin: Weniger Unfälle, mehr Tote
Die Zahl der Unfälle ist leicht gesunken, aber Berlins Straßen bleiben insbesondere für Radfahrer und Fußgänger gefährlich. Der Senat will mehr Blitzer.
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Ein Versprechen, das die vorgestellten Zahlen freilich entkräften. Von der Vision Zero – dem Ziel, dass im Straßenverkehr keine Menschen mehr tödlich oder schwer verletzt werden – ist Berlin meilenweit entfernt. Allein in den ersten acht Wochen dieses Jahres wurden schon vier Menschen bei Verkehrsunfällen getötet. Im vergangenen Jahr waren es 55 Verkehrstote, der zweithöchste Stand der letzten zehn Jahre. Polizeipräsidentin Slowik Meisel spricht von einer „schrecklichen und alarmierenden Zahl“.
Dabei trifft es vulnerable Gruppen weiterhin am häufigsten. Nahezu zwei Drittel der 2024 getöteten Menschen waren Fußgänger*innen (24) und Radfahrer*innen (11). Und rund die Hälfte der tödlich Verletzten war älter als 65 Jahre.
Für die Grünen-Verkehrspolitikerinnen Antje Kapek und Oda Hassepaß ist diese Bilanz „eine Katastrophe“. „Wir müssen die Schwächsten schützen“, fordern die Abgeordneten, dafür brauche es „mehr Blitzer, sichere Radwege, geschützte Übergänge und konsequente Kontrollen“.
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Fünf Schwerverletzte pro Tag
Tatsächlich ist die Gesamtzahl der Unfälle 2024 im Vergleich zum Vorjahr minimal zurückgegangen, trotz steigenden Verkehrsaufkommens. Doch es gab gleichzeitig mehr Unfälle mit Personenschaden, bei denen 1.920 Menschen schwer verletzt wurden – im Schnitt mehr als fünf Schwerverletzte pro Tag.
Die drei häufigsten Unfallursachen bleiben Fehler beim Abbiegen, Missachtung der Vorfahrt und zu schnelles Fahren. Überhöhte Geschwindigkeit ist zugleich die häufigste Ursache für Unfälle mit Toten. Die Geschwindigkeitsüberwachung sei deshalb „ein großes Thema“, erklärt Slowik Meisel. Im vergangenen Jahr seien sechs stationäre Blitzer neu in Betrieb genommen worden – insgesamt seien es jetzt 47, die durch 27 mobile Anlagen ergänzt würden.
Die Bußgeldstelle ist überlastet
Mehr Blitzer aufzustellen, hilft jedoch nicht allein. Die Verstöße müssen auch geahndet werden, doch die zuständige Bußgeldstelle ist seit Jahren überlastet. 2023 etwa hatte nur die Hälfte der Blitzerfotos einen Bußgeldbescheid zur Folge. „Das ist eine riesige Aufgabe, die die Kollegen da machen“, räumt Spranger ein. Hoffnungen setzt sie nun in 32 zusätzliche Personalstellen, die bei der Bußgeldstelle eingerichtet werden sollen.
Die Innensenatorin will in Zukunft verstärkt mobile Blitzer einsetzen und betont mit einem kleinen Seitenhieb in Richtung Finanzverwaltung, es handele sich bei deren Anschaffung um ein lukratives Geschäft. 200.000 Euro koste eine solche Anlage, „und jede davon lohnt sich für den Landeshaushalt“. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 112 Millionen Euro durch Blitzer eingenommen.
Kritik an Eigenverantwortung
Gleichzeitig will Verkehrssenatorin Ute Bonde die Präventionsangebote für die besonders gefährdeten Gruppen ausbauen. Dafür hat sie kürzlich das „Verkehrssicherheitsprogramm 2030“ vorgelegt, es enthält 60 Maßnahmen in sieben Bereichen sowie ein Bekenntnis zu einer umfassenden Auswertung von Unfällen.
Der Fahrrad-Verband ADFC hat seine Zweifel an der Wirksamkeit des Programms. Analysen allein sorgten nicht für sicheren Verkehr, es komme vielmehr auf die Umsetzung an: „Zur Sicherung von Knotenpunkten braucht es jetzt konkrete Finanzierungszusagen“, sagt die politische Referentin Marlene Alber. Zudem sieht sie den starken Fokus auf die Prävention kritisch: „Mobilitätsbildung an Kitas und Schulen ist wichtig, aber das Leben von Kindern darf nicht nur von ihrem individuellen Verhalten abhängen.“
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