Vegetarische Kantine beim Autobauer: VW ohne Currywurst ist wie …

Der Autokonzern verbannt das Fastfood aus der Kantine seines Markenhochhauses. Dabei ist das „Volkswagen Originalteil“ auch außerhalb beliebt.

Zwei Würste mit der Aufschrift Volkswagen Originalteil über Kreuz, links oben das VW-Logo

Steht in der offiziellen VW-Teileliste: die Currywurst Foto: Julian Stratenschulte/dpa

HAMBURG taz | Die Currywurst gehört bei Volkswagen zur Unternehmenskultur. Trotzdem streicht der Konzern die Wurst vom Speiseplan seiner Zentrale. Wie der Autobauer bestätigte, wird im sogenannten Markenhochhaus in Wolfsburg nach dem Ende der Werksferien nur vegetarisch oder vegan gegessen. Ab und zu mal gibt es auch Fisch.

Die eigene Currywurst gehört zu VW wie der Golf, nur dass sie ein Jahr älter ist. Seit 1973 produzieren zwei Dutzend Werksschlachter die Curry-Bockwurst – damals noch aus Schweinen vom Bauernhof auf dem Fabrikgelände. Jede Wurst ist mit dem Aufdruck „Volkswagen Originalteil“ versehen und hat ebenso wie das dazu gehörige spezielle Ketchup eine Teilenummer (199 398 500 A und B).

Mittlerweile ist die Wurst über den Betrieb hinaus begehrt. Sieben Millionen Currywürste haben die Volkswagenfleischer 2019 in Därme gestopft, die wiederum in 550 Tonnen Ketchup getunkt wurden. Die Wurst enthält nach Firmenangaben weder Glutamat noch Phosphat noch Milcheiweiß und kommt mit halb so viel Fett aus wie die durchschnittliche Currywurst.

Sie kann bei Heimspielen des VfL Wolfsburg geordert werden und ist bei einigen Edeka-Supermärkten in Niedersachsen gelistet. Kunden zufolge schmeckt sie zwar mehr oder weniger wie andere Currywürste. Aber es ist eben klar, dass sie bei VW selbst hergestellt wird und damit ein Stück Niedersachsen ist.

Vegetarisches Essen beliebt

Eine Kantine ohne Currywurst, in diesem Fall vegetarisch, hat VW bereits in Hannover ausprobiert – erfolgreich, wie die Geschäftsführung und der Betriebsrat versichern. „Viele Beschäftigte wünschen sich vegetarische und vegane Alternativen“, sagt VW-Pressesprecher Christoph Ludewig. Wer gerne Wurst essen wolle, müsse nur in die Kantine auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehen.

„Es ist nicht das Ende der Currywurst“, versichert auch Betriebsrat Heiko Lossie. Die Wurst ist so beliebt, dass es Ende vergangenen Jahres zu einem kleinen Aufstand kam, nachdem die Currywurst-Selbstbedienung eingestellt worden war. Die Geschäftsführung fürchtete, dass sich die Beschäftigten an den Greifzangen mit Corona infizieren könnten. Daraufhin wurden die Würste wieder von Tresenkräften ausgegeben.

Dass es im Markenhochhaus nur noch Vegetarisches und Veganes geben soll, findet Lossie unter Marketing-Gesichtspunkten richtig. So können sich auch Leute aus entfernten Werks­teilen dort gezielt zum fleischfreien Essen verabreden. Zwar böten auch die anderen Betriebsrestaurants in der Regel ein vegetarisches Gericht an, aber bei dem im Markenhochhaus sei das jetzt ganz klar.

Lossie pocht darauf, dass es sich nicht um eine schnöde Kantine handelt, sondern um ein Betriebsrestaurant – eines von 30 unterschiedlicher Art auf dem riesigen Werksgelände. Betreiber ist die Service Factory von VW, deren Mitarbeiter Lossie zufolge ebenso wie die Fleischer „zur Familie“ gehören und nach IG-Metall-Tarif bezahlt werden.

Currywurst ist eher was für Handarbeiter

Der Betriebsrat begrüßt jedenfalls die Experimente mit den vegetarischen Kantinen mit Anspruch. „Wir sind auch nur ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Lossie. Das Restaurant im Markenhochhaus liegt zentral. Für Lossie liegt es aber auch deshalb nahe, den vegetarischen Schwerpunkt dorthin zu legen, weil der „indirekte Bereich“ mit den Bürojobs hier untergebracht ist. Die Currywurst sei eher dort gefragt, wo Hand angelegt werde, etwa in Halle 54, in der der Golf produziert wird.

Aus Unternehmenssicht hat das fleischfreie Angebot auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun. „Weniger Fleischverzehr pro Woche hilft auch der Umwelt“, sagt Unternehmenssprecher Ludewig. Es handele sich um eine Erweiterung des Angebots, bei dem nicht einfach stumpf Fleischersatz angeboten werden solle, sondern eigenständige Alternativen. „Da kann man ganz gezielt gucken: Was kann die vegetarische Küche“, sagt Betriebsrat Lossie.

Firmensprecher Ludewig betont, dass Volkswagen auch bei Fleisch und Wurst auf die CO2-Bilanz, also den Klimaschutz, achte. „Das Fleisch soll vor allem regional eingekauft werden“, sagt er, womit VW fast wieder bei der eigenen Schweinezucht aus der Nachkriegszeit landet.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de