Unterschiedliche Zeitgefühle: Fränkische Pünktlichkeit
Unser Autor hat es oft mit überpünktlichen Gästen zu tun. Als professioneller Gastgeber hat er gelernt, damit umzugehen, wenn die Uhren anders ticken.
S teckt Ihnen die Zeitumstellung auch noch in den Gliedern? Weil die Uhr eine Stunde nach vorne gestellt wurde, verlasse ich mit dem Hund seit Tagen wieder im Dunkeln das Haus und trotte durch die Weinberge in den dämmernden Morgen. Das Aufwachen gelingt nur, wenn im Halbdunkel doch ein Feldhase aufschrickt, durch die Rebzeilen flieht und der Hund überlegt, hinterherzusetzen. Ich habe die letzten Tage schon ein paar Hasen flitzen sehen, mein Hund hat nicht einmal hochgeschaut. Ich bin überzeugt: Frühjahrsmüdigkeit ist eine Nebenwirkung der Zeitumstellung.
Das Gefühl für Zeit ist aber eigentlich ein sehr individuelles und dann auch noch abhängig von ganz situativen Parametern. Ein Beispiel: Seitdem man die Uhr nicht mehr nach der Bahn stellen kann, sind auffällig viele Menschen in meiner Umgebung dazu übergegangen, früher zum Bahnhof aufzubrechen als notwendig. So als ob man durch persönliche Überpünktlichkeit beeinflussen könnte, dass der ICE nicht ganz so spät einfährt.
Wegen eines solchen Verhaltens kam es übrigens vor zwei Jahren auf dem Münchner Flughafen schon mal zu überlangen Warteschlangen und verpassten Flügen. Niemand beim Personal war darauf eingestellt, dass eine ganze Masse von Passagieren schon sechs Stunden vor ihrem Abflug durch die Sicherheitsschleusen wollte. Sie verstopften dann den Check-in für viele derjenigen, die sich wie empfohlen lediglich drei Stunden vor Departure Time zum Gate bewegten.
Der Gastgeber hat sich anzupassen
Bei uns im Gasthaus führt dieses neue Sicherheitsdenken nur dazu, dass Gäste schon mal eine Stunde eher eintreffen, weil sie – ganz unverhofft – einen unpünktlichen früheren Zug erwischt haben. Aber es ist eben so: Als professioneller Gastgeber hat man sich einfach daran zu gewöhnen, dass bei vielen Menschen die Uhren anders ticken.
Bei den Franken habe ich festgestellt, dass deren innere Uhr häufig um 45 Minuten vorgeht, also zumindest hier bei uns auf dem Land. Deswegen muss man schon ab 17.15 Uhr gewärtig sein, dass es an der Gasthaustür klingeln kann, obwohl draußen groß dransteht, dass wir ab 18 Uhr geöffnet haben.
Ich nenne dieses Zeitgefühl fränkische Pünktlichkeit. Ein schönes Beispiel dafür ist der Taxifahrer, der neulich um 19.30 Uhr bei uns aufgetaucht ist. Die Gäste, die ihn im Vorhinein bestellt hatten, waren eben erst mit ihrer Vorspeise fertig geworden. Als sie das Missverständnis aufklären wollten – „Wir hatten Sie um 21 Uhr bestellt!“, schaute der Fahrer auf die Uhr und antwortete gelassen: „Ist ja nur noch eine Dreiviertelstunde“. Und ich ging in die Küche und gab Gas.
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