Unterricht in der Coronakrise: Schule als Feldversuch

Noch vor den Ferien den Vollunterricht erproben? An die Lehrer:innen über 60 denkt dabei niemand.

Aufgestellte Stühle in einem Klassenzimmer

Klassenzimmer in NRW: Bald sollen die Stühle hier wieder besetzt sein Foto: Jonas Güttler/dpa

Welche Corona-Ansteckungsgefahr von Kindern ausgeht, darüber streiten derzeit Virolog:innen. Dennoch haben die Bundesländer erstaunlich wenig Bedenken, auch ohne wissenschaftliche Gewissheit die Schulen für ein großes Experiment zu öffnen: Führt die Rückkehr zum normalen Unterricht dazu, dass sich das Corona-Virus wieder stärker ausbreitet? Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein haben sich schon bereit erklärt, diese Wette einzugehen. Auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) forderte am Wochenende, nach den Sommerferien zum „vollen Unterricht“ zurückzukehren.

Man kann Verständnis für diesen Schritt aufbringen, schließlich ist der Leidensdruck in den Familien und bei den Schüler:innen hoch. Und die Infektionszahlen, da sind sich die Virolog:innen einig, geben das Wagnis auch her. Der Kieler Infektionsmediziner Helmut Fickenscher plädiert sogar für eine schnelle „Erprobungsphase“ noch vor den Ferien. Und legitimiert damit die Ankündigung der Schleswig-Holsteiner Regierung, die Grundschulen schon ab kommender Woche komplett zu öffnen. „Das ist besser, als nach den Ferien ohne eine solche Erprobungsphase ins neue Schuljahr zu starten“, sagte Fickenscher der dpa.

Klingt plausibel. Doch leider wird in dem großen Feldversuch eine Gruppe gar nicht berücksichtigt: die der Lehrer:innen. Wie wenig ernst die Politik deren Sorgen nimmt, hat man zuletzt in Nordrhein-Westfalen gesehen. Dort verpflichtete FDP-Schulministerin Gebauer auch Lehrer:innen über 60, mündliche Abiturprüfungen abzunehmen. Das sorgt für Irritation – und führt unter Umständen dazu, dass sich Lehrkräfte aus Selbstschutz krankmelden.

In Zeiten überalteter Kollegien keine rosige Aussicht. Statt ihr Personal zu verprellen, könnten sich die Ministerien ja um zeitweisen Ersatz bemühen. Etwa bei gesunden Lehramtsstudierenden, die statt im digitalen Frust-Semester ihre Zeit lieber an einer Schule verbringen würden. Man müsste sie halt anständig bezahlen. Aber am Geld kann es in Zeiten von Corona-Staatshilfen in Milliardenhöhe ja nicht liegen.

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Seit 2013 für die taz tätig, derzeit als Bildungsredakteur sowie Redakteur im Ressort taz.eins. Andere Themen: Lateinamerika, Integration, Populismus.

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