piwik no script img

Umweltschützerin über PFAS-Chemikalien„Uns fehlt das Vertrauen in die EU-Kommission“

Lobbydruck bremse die Regulierung gefährlicher PFAS-Ewigkeitschemikalien, kritisiert die Umweltschützerin Hermann. Der Prozess sei intransparent.

Zugersee, Schweiz, Dezember 2025: Fischer dürfen wegen erhöhter PFAS-Werte Hecht und Egli nicht mehr als Lebensmittel verkaufen Foto: Gaetan Bally/Keystone/dpa

Interview von

Tim Feldmann

taz: Frau Hermann, die EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall will auf Studien warten, bevor sie einen Vorschlag vorlegt, sogenannte Ewigkeitschemikalien zu regulieren. Haben Lobbygruppen den Prozess ausgebremst?

Christine Hermann: Der Zeitrahmen war von vornherein unrealistisch. Entweder hatte die Kommission eine unrealistische Einschätzung davon, wie lange der Prozess dauert. Oder sie wollte Entscheidungen treffen, bevor der offizielle Prozess abgeschlossen ist. Die Industrie ist beunruhigt und wünscht sich Planungssicherheit. Aus solchen Gründen hat die Kommission schon bei vergangenen Beschränkungsverfahren länger gebraucht, als ihr rechtlich zusteht, um einen konsensfähigen Vorschlag vorzubringen.

taz: Hat die Kommission sich verschätzt, weil der Lobbydruck der Industrie so groß war?

Bild: privat
Im Interview: Christine Hermann

Christine Hermann ist Chemikalienexpertin der Organisation Europäisches Umweltbüro. Sie ist Beobachterin des EEB in den Komitees der Europäischen Chemikalienbehörde (ECHA).

Hermann: Ja, generell gibt es zu jedem Zeitpunkt des Prozesses Einflussnahme, zum Teil läuft das sehr intransparent. Im ganzen Vorlauf finden schon Diskussionen mit der Industrie und den Mitgliedstaaten statt, um einen konsensfähigen Vorschlag zu präsentieren. Wir haben da keine Einblicke. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass es Phasen gibt, in denen Industrieverbände an ihre Mitgliedstaaten herantreten und sagen: „Hey, wir haben hier ein großes Interesse, dass unsere Industrie nicht von der Regulierung betroffen sein wird.“

taz: Laut Kommissarin Roswall hat das PFAS-Verbot für sie eine hohe Priorität …

Hermann: Uns fehlt das Vertrauen in die EU-Kommission, dass sie ihr ursprüngliches Versprechen umsetzen will. Es gab die Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit, nach der man PFAS in allen nichtessentiellen Anwendungen verbieten oder beschränken wollte. Am tatsächlichen Vorschlag werden wir die Kommission letztendlich messen können.

taz: Weshalb müssen diese Chemikalien verboten werden?

Hermann: Ewigkeitschemikalien oder PFAS sind eine Gruppe von mehr als 10.000 Substanzen. Von denen wissen wir, dass sie eine gemeinsame Eigenschaft haben: ihre Langlebigkeit. Das heißt, die bauen sich nicht natürlich oder nur über enorm lange Zeiträume in der Umwelt wieder ab. Sie können darüber hinaus Krebs erregen, Embryonen oder das zentrale Nervensystem schädigen oder die Fruchtbarkeit einschränken.

taz: Wie lange werden uns die Ewigkeitschemikalien noch nachhängen?

Hermann: Selbst, wenn wir uns jetzt direkt global entscheiden würden, keine PFAS mehr zu produzieren, würden auch künftige Generationen noch mit ihnen zu tun haben. Gerade deshalb sollte gleich die ganze Stoffgruppe beschränkt werden. So schafft man regulatorische Klarheit, statt jede einzelne Substanz für sich zu bewerten.

taz: Warum ist die Kommission so ambitionslos?

Hermann: Die Kommission sieht sich in der schwierigen Situation, alle Interessen zu vertreten. Ich denke, aktuell sind zudem die Debatten um Verteidigungsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und so weiter überrepräsentiert. Dabei wird letztendlich die langfristige Wirkung, die etwa PFAS haben, aus dem Auge verloren.

taz: Gibt es andere Vorreiter bei der Regulierung oder müsste das die EU sein?

Hermann: Hier muss die EU Vorreiterin sein. PFAS sind ein globales Problem. Die EU sollte vorangehen und dafür sorgen, dass wir global weiterkommen in der Entwicklung von Alternativen. Wir sehen zum Glück, dass einzelne Mitgliedstaaten, wie Dänemark und Frankreich, bereit sind, PFAS als echtes Problem anzuerkennen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare