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Das Fahnenmeer auf dem Maidan in Kyjiw ist derzeit schnee­bedeckt. Hier ist ein zentraler Trauerort entstanden Foto: Dzvinka Pinchuk

Umgang mit Trauer in der UkraineWo der Verlust das Leben bestimmt

Seit Krieg herrscht, ist das Sterben alltäglich geworden. Trauerbegleitung, digitale Erinnerungsorte und „Death Cafés“ helfen Hinterbliebenen.

Aus Kyiw

Julia Belzig

V on draußen hört man das Geratter der Generatoren, während Darja Bondar drinnen im Café in Kyjiw von ihrer Arbeit erzählt. Die Notstromversorgung ist in diesem vierten Kriegswinter überlebenswichtig geworden. Den Menschen ist kalt.

Viele haben keinen Strom, keine Heizung. Auch Darja Bondar will Menschen Wärme geben, den trauernden Menschen, von denen es in der Ukraine derzeit so viele gibt. „Sie geben mir etwas Kaltes, Hartes und Gefrorenes, und ich wärme es für sie auf“, sagt Bondar.

Darja Bondar arbeitet als sogenannte Death Doula. Im Englischen wird „Doula“ oft als Begriff für Hebamme benutzt. Eine Death Doula ist eine Person, die Menschen nicht in das Leben hinein-, sondern aus ihm hinausbegleitet. Bondar will die Trauer lösen, sie unterstützt sterbende Menschen oder die Angehörigen von Verstorbenen. In der Ukraine arbeiten bislang nur einige Dutzend Death Doulas, ihre Tätigkeit ist nicht staatlich verankert oder gefördert.

In ihren Sessions bietet Bondar Gespräche über Ängste an, Rituale zum Abschiednehmen oder Körperarbeit. Oft gehe es einfach darum, frei weinen zu können, sagt sie. 60 Minuten pro Sitzung plant Bondar für Gespräche ein oder 90 Minuten für Körperarbeit. Alles beginnt mit der grundlegenden Frage, wovor die Pa­ti­en­t*in­nen am meisten Angst haben, erst danach beginnt die eigentliche Arbeit. Ziel sei, die Trauer aufzugeben.

Nicht nur Verlust um Menschen beschäftigt

Das kann online oder offline geschehen, mit Pa­ti­en­t*in­nen aus der Ukraine oder auf der ganzen Welt. Die ukrainischen Death Doulas beschäftigen sich neben vertrauten Fragen rund um Trauer auch noch mit ganz anderen Szenarien: Mit dem Verlust einer Stadt, die nicht mehr existiert.

Mit dem Verlust des alten Lebens, den Routinen und der Beständigkeit aus der Zeit vor dem Krieg. Mit der Ungewissheit über das Schicksal nahestehender Menschen. So berichtet Darja Bondar von der Witwe eines Soldaten, dessen Körper nicht geborgen werden konnte.

Sie wollte wieder am Leben teilhaben, wusste aber nicht, wie sie ihren Mann loslassen soll. Wie trauert man um einen Menschen ohne Grab, ohne Abschied, ohne die üblichen Rituale? Bondar schlug etwas Neues vor: 40 Tage lang sollte die Frau ihrem verstorbenen Partner Briefe schreiben. Und die Briefe verbrennen, wenn sie bereit dafür war.

Die Zahl 40 ist nicht zufällig gewählt: Bestimmte orthodox geprägte Glaubensvorstellungen besagen, dass die Seele nach 40 Tagen übergeht in eine andere Welt. Am dritten Tag vollzieht sich der Abschied vom Körper, bis zum neunten Tag, so der Glaube, verweilt die Seele zwischen Himmel und Erde, besucht vertraute Orte, steht den Lebenden noch nahe. Erst am 40. Tag gilt der Übergang als abgeschlossen. Mit ihm endet die intensivste Phase der Bindung zwischen Lebenden und Toten.

Sie begleitet als Death Doula Menschen im Sterbe- und Trauerprozess: Darja Bondar Foto: Dzvinka Pinchuk

Der Tod ist allgegenwärtig

Seit beinahe vier Jahren lebt die Ukraine mit dem permanenten Abschied. Der Tod ist allgegenwärtig, und gleichzeitig wird offen nur wenig darüber gesprochen, was diese kollektive, ununterbrochene Trauer auslöst innerhalb der Gesellschaft. In dieser Leerstelle entstehen neue Formen, mit dem Unbegreiflichen umzugehen: kleine, intime, oft selbstorganisierte Räume, in denen Menschen versuchen, einen gemeinsamen Umgang zu finden.

Trauer ist eine universelle Erfahrung, und doch erlebt jeder Mensch sie anders. In der Ukraine ist die individuelle Emotion jedoch kaum vom kollektiven Kontext zu trennen: Persönlicher Verlust ist eingebettet in eine gemeinsame Erfahrung von Krieg und Gewalt.

Laut dem Kyiv International Institute of Sociology haben 80 Prozent der Ukrai­ne­r*in­nen ein enges Familienmitglied oder ei­ne*n Freund*in, der oder die in diesem Krieg verletzt oder getötet wurde. Und laut der Internationalen Organisation für Migration haben mehr als 10 Millionen Ukrai­ne­r*in­nen ihr Zuhause und ihre Heimat verlassen, was etwa einem Viertel der Bevölkerung entspricht.

Trauer in der Sowjetzeit

Dazu kommt, dass Trauer in der Ukraine lange als persönliches Problem betrachtet wurde. Die Kultur, nicht über Tod und emotionales Leid zu sprechen, sei ein Erbe der Sowjetunion, sagt Darja Bondar. Damals seien viel Wissen der Vorfahren und Rituale verschiedener Regionen verloren gegangen. Es galt harte Zeiten auszuhalten, anstatt nach Hilfe zu fragen – etwas, das als Zeichen von Schwäche hätte wahrgenommen werden können.

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Ältere Rituale zeigen, dass Trauer in der Ukraine nicht immer so privat war wie heute. So gab es in der ukrainischen Trauerkultur lange eine Figur, die heute fast verschwunden ist: das Klageweib. Sie wurde zu Beerdigungen gerufen, um laut zu weinen, den Tod zu benennen, die Lebensgeschichte der Verstorbenen zu erzählen und den Schmerz hörbar zu machen.

Ihr Klagen hatte eine klare soziale Funktion: Trauer wurde kollektiv ausgesprochen, nicht im Stillen verhandelt. Angehörige mussten ihren Schmerz nicht allein und nicht sofort selbst ausdrücken. Klage war kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil eines gemeinschaftlichen Übergangs.

Nach einer zerbombten Nacht setzt kurzzeitig große Erleichterung ein: nicht ich, nicht heute

Doch der Krieg hat auf individueller Ebene auch Folgen, die man vielleicht nicht erwartet: So beobachtet Darja Bondar, dass die Menschen bewusster, konzentrierter und intensiver lebten. Das Leben werde nicht kleiner, sondern dringlicher, Prioritäten werden klarer, Präsenz wird größer. Dass Leben und Tod nah beinanderlägen, merke man hier auf einem ganz neuen Level.

Nicht ich, nicht heute

Denn nach einer zerbombten Nacht, in der die Shahed-Drohnen und Iskander-Raketen durch die Luft zischen, die Sirenen heulen und Menschen in ihren Häusern oder unterirdischen Schutzräumen um ihr Leben bangen, setze kurzzeitig eine große Erleichterung ein: nicht ich, nicht heute.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Krieg könne dabei helfen, wirklich zu verstehen, dass und wie man leben wolle, sagt Bondar. Eine Frau habe ihr beispielsweise berichtet, ihr sei erst durch den Krieg klar geworden, dass sie sich von ihrem Ehemann trennen möchte. Eine andere Frau erzählte der Reporterin, dass sie endlich eine Hündin adoptiert habe. „Ich wollte schon einen Hund haben, seit ich klein bin. Ich könnte morgen schon tot sein und das nie gemacht haben.“

Auch das sei Teil ihrer Arbeit als Death Doula: Gemeinsam mit den Pa­ti­en­t*in­nen herauszufinden, wie genau sie eigentlich weiterleben wollen. Darja Bondar selbst glaubt, dass im Thema Tod auch viele Fragen rund um das Leben stecken: „Die Nähe von Tod erinnert mich immer daran, gut zu leben.“

Darja Bondar weiß, wovon sie spricht: Mit 21 Jahren verlor sie ihren Vater an Krebs, kurz darauf ihre Mutter, ebenfalls Krebs. Als sie 25 war, erkrankte sie selbst an Schilddrüsenkrebs. In der Zeit nach dem Verlust ihrer Eltern sei sie sehr einsam gewesen, habe nicht gewusst, wie sie leben wolle, erzählt sie. Als sie selbst schwerkrank wurde, habe sie ihr Schicksal zunächst akzeptiert, dann aber einen großen Drang entwickelt, zu überleben.

Damals wohnte sie noch im Norden Russlands. Mit ihren Eltern war die gebürtige Ukrainerin im Alter von zwei Jahren dorthin gezogen. Als russische Truppen im März 2014 völkerrechtswidrig die Krim besetzten, wusste Bondar, dass sie Russland verlassen will. „Ich habe den Putinismus gesehen, das politische Geflecht, die Propaganda. Ich konnte es nicht mehr.“

Um Traurende zu begleiten muss man kein Therapeut sein

Die Fortbildung einer Death Doula ist vergleichsweise kurz. Bondar absolvierte dafür eine achtwöchige Online-Ausbildung an der Universität von Vermont. Der Unterschied zu einer therapeutischen Behandlung, sagt sie, liege in der Fähigkeit, mit einer Person gemeinsam zu arbeiten, ohne zu kommentieren, einzuordnen, zu urteilen. Selbstverständlich würde auch die Arbeit von Psy­cho­lo­g*in­nen und Psy­cho­the­ra­peu­t*in­nen gebraucht. Um eine trauernde Person begleiten zu können, müsse man aber kein Therapeut sein, sondern einfach ein Mensch.

Sie will Erinnerungskultur stetig erweitern: Haiane Avakian, Gründerin des Portals memoria.ua Foto: Dzvinka Pinchuk

Eine Patientin aus Saporischschja beschrieb ihr gegenüber Angstzustände, wenn die Explosionen in ihrer Stadt für einige Tage ausblieben. Weil die Stille bedrohliche Fragen mit sich bringe: Was passiert als Nächstes? Bedeutet die Pause, dass ein noch massiverer Angriff bevorsteht? Darja Bondar befürchtet, dass diese Ängste bei vielen Menschen in der Bevölkerung auch nach dem Ende des Krieges bleiben könnten.

Bewusste Erinnerungskultur

Der kollektive Verlust in der Ukraine ist allgegenwärtig, man bemerkt ihn, sobald man in das Land einreist. So laufen im Zug auf der Strecke Przemyśl–Kyjiw ununterbrochen kleine Clips auf dem Anzeigebildschirm, der an der Decke befestigt ist. In einem Video wird vor Minen gewarnt, die von russischen Soldaten in Kuscheltieren platziert würden und in Sandkästen auf Spielplätzen herumlägen.

Darauf folgen kurze Videoclips, in denen verstorbene Sol­da­t*in­nen zu sehen sind, mit Namen, Foto, Dienstgrad und Biografie. Bis der Zug in Kyjiw angekommen ist, wiederholen sich einige der Anzeigen und Werbevideos. Die Gesichter der toten Sol­da­t*in­nen hingegen wiederholen sich nicht – stattdessen kommen immer neue dazu.

Diese Praxis ist Teil einer bewussten Erinnerungskultur: Der Verlust ist nicht anonymisiert, sondern wird sichtbar gemacht, auch im Alltag, etwa auf Bahnfahrten. Erstellt wurden die Anzeigen in der Bahn von den Menschen hinter der Plattform memorial.ua. Haiane Avakian, die Gründerin, arbeitete ursprünglich als Journalistin in Bachmut. Die Stadt in der Oblast Donezk ist mittlerweile fast komplett zerstört. Von den rund 80.000 Ein­woh­ne­r*in­nen sind nur wenige geblieben. Avakian gehört zu den geschätzt 3,7 Millionen Binnenvertriebenen des Landes.

In ihrem Büro in Kyjiw erzählt Avakian, dass es für sie mit der Erinnerungsarbeit angefangen hat, als sie zum ersten Mal über die zivilen Opfer während der Eroberung der Stadt Mariupol berichtete. Sie begann, deren Namen herauszufinden und zu dokumentieren. Heute gilt die Memorial-Plattform als das größte digitale Archiv dieses Krieges.

Ihre Mission: die Geschichten von getöteten Sol­da­t*in­nen und Zi­vi­lis­t*in­nen sammeln und erzählen. Die Todesfälle werden teils vom Team selbst recherchiert, teils wenden sich die Familien direkt an die Plattform, um ihre Angehörigen zu melden. Hinter der Initiative steht ein kleines Team mit Redaktion, das über Spenden und nichtstaatliche Förderungen finanziert wird.

Der kollektive Verlust in der Ukraine ist allgegenwärtig, auch im Zug Foto: Dzvinka Pinchuk

Neben der Dokumentation sammelt die Plattform verifizierte Informationen zu den Opfern und bietet Angehörigen Orientierung, Sichtbarkeit und Zugang zu weiterführender Unterstützung. Es sei wichtig, Erinnerungskultur weiterzudenken, auch digital, findet Haiane Avakian. „So können Erinnerungen aufhören, hinter Friedhofsmauern zu leben, und sind nun auch für Kinder und Enkelkinder zugänglich.“

Der Tod auf Tiktok?

Sie und ihr Team hätten lange überlegt, ob memorial.ua auch auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok stattfinden solle. Hat der Tod dort etwas zu suchen? Sie entschieden sich dafür, und die Resonanz ist groß: Der Kanal, auf dem oft Hinterbliebene über ihre geliebten, verstorbenen Menschen erzählen, hat mehrere zehntausend Follower*innen.

Es gibt zahlreiche andere digitale Beispiele weltweit, bei denen Gedenken, Kriegsopfer oder Erinnerungen online sichtbar gemacht werden, die Besonderheit von memorial.ua ist, dass sie während des Kriegs, nicht erst danach dokumentiert werden. Haiane Avakian betont immer wieder die Verluste, aber auch die Notwendigkeit ihrer Arbeit: „Fast je­de*r denkt regelmäßig an Menschen, die gestorben sind.“ Das Feedback war bisher positiv: „Angehörige haben ein großes Bedürfnis, zu gedenken, weil es ihnen hilft, den Verlust zu verarbeiten und weiterzuleben.“

Fast je­de*r kann in die Kartei aufgenommen werden. Nur die Namen von Menschen, deren Verwandte in den besetzten Gebieten leben, werden aus Sicherheitsgründen derzeit nicht veröffentlicht. Auch Menschen, die als vermisst gelten, werden nur aufgenommen, wenn eine Beerdigung stattgefunden hat oder Sol­da­t*in­nen ihrer Einheit vor Gericht den Tod bestätigt haben.

Haiane Avakians Traum ist es, in fünf bis zehn Jahren einen physischen Ort zu schaffen, ein modernes Museum, das digitale und interaktive Technologien miteinbezieht. Es gibt viele Ideen, beispielsweise künstliche Intelligenz zu nutzen, um Menschen oder konkrete Ereignisse zu rekonstruieren und greifbar zu machen. Doch natürlich gebe es ethische Herausforderungen, die bedacht werden müssen. Schritt für Schritt, sagt sie: „Es ist wichtig, nichts zu überstürzen, denn wir behandeln hier ein sensibles Thema, eine schmerzhafte und offene Wunde.“

Sie lädt in Kyjiw zu sogenannten Death Cafés ein: Nataliia Vainilovych Foto: Dzvinka Pinchuk

Sechs Mal auf YouTube gelöscht

Die digitale Erinnerung an die Gefallenen in der Ukraine ist allerdings fragil. Im Jahr 2023 wurden die Instagram- und Facebook-Accounts von memorial.ua zunächst mehrfach blockiert und im Dezember schließlich ohne konkrete Begründung dauerhaft gelöscht. Nach öffentlichen Protesten wurden sie wenig später wiederhergestellt.

Auf YouTube hat memorial.ua den Kampf um Sichtbarkeit verloren: Mindestens sechsmal wurde der Kanal dort gelöscht und bis heute nicht wiederhergestellt, offiziell wegen „Spam und Betrug“, ohne dass die Vorwürfe nachvollziehbar erklärt wurden – ein schmerzhafter Verlust, wie Haiane Avakian sagt: „Das war ein wichtiger Kanal, wir haben dort die Geschichten von mindestens 400 Menschen gesammelt, die von Russland getötet wurden.“

Für sie ist klar, dass dahinter koordinierte Meldungen von russischer Seite stecken, digitale Formen des Gedenkens gezielt zu sabotieren: „Es ist sehr offensichtlich, dass Rus­s*in­nen Angst davor haben, dass ihre Kriegsverbrechen dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht werden, weil sie diese Informationen vor ihren eigenen Leuten verstecken wollen.“

Die Toten werden bewusst ins Zentrum gerückt

Umso sichtbarer wird die Erinnerung im öffentlichen Raum. Der Maidan Nesaleschnosti, der zentrale Platz Kyjiws, auf dem ein Fahnenmeer entstanden ist, gilt als einer der eindrücklichsten öffentlichen Trauerorte des Landes. Die Fahnen mit Gesichtern gefallener Soldaten auf einem blau-gelben Hintergrund schaukeln im Wind, viele der Verstorbenen lächeln in ihren Uniformen, besonders die jungen, auf diese selbstverständliche, offene Art, mit der man lächelt, wenn man eigentlich noch das ganze Leben vor sich hat. Die Menschen kommen hier vorbei, um zu erinnern, legen Blumen oder Fahnen nieder, zünden Kerzen an. Die Toten werden nicht an den Rand der Stadt verdrängt, sondern bewusst ins Zentrum gerückt.

Denn das Bedürfnis, an physischen Orten miteinander ins Gespräch zu kommen, bleibt trotz digitaler Angebote bestehen. Nataliia Vainilovych, Theatermacherin und Dozentin an der Nationalen Technischen Universität in Kyjiw, setzt sich dafür ein, dass mehr dieser Räume entstehen. Sie ist seit 2025 Gastgeberin eines sogenannten Death Cafés. Das sind Zusammenkünfte von Menschen, denen es nicht um akute Trauerbewältigung geht, sondern einfach darum, sich über das schwierige Thema Tod auszutauschen.

Jüngere besuchen die Cafés häufiger als Ältere

Für Vainilovych bedeutet, über den Tod zu sprechen, trotz aller Notwendigkeit auch Anstrengung, weshalb sie die Veranstaltung in unregelmäßigen Abständen abhält. Nachdem im Winter 2022 ihre Mutter gestorben war, kurz vor der Vollinvasion, war sie selbst auf der Suche nach einem Ort, an dem sie über ihre Trauer sprechen konnte. Sie stieß auf das Konzept des Death Cafés. Für sie selbst sei der Tod so omnipräsent, dass sie mit ihrer 86-jährigen Großmutter darüber scherze, wer von beiden zuerst stirbt.

Vainilovychs Death Café hat keinen festen Ort, manchmal lädt sie auch zu sich nach Hause ein. Teilnehmende bringen Essen mit, die Veranstaltungen sind für alle Altersgruppen offen. Jüngere kommen häufiger als Ältere – wohl deshalb, weil sie offener für informelle Gesprächsformate sind und weniger auf traditionelle Trauerrituale zurückgreifen. Im Krieg trauern viele zudem nicht nur um Verstorbene, sondern auch um verlorene Zukunftspläne, Sicherheit und ein früheres Leben. Für diese oft diffusen, kollektiven Verluste bieten Death Cafés einen passenden, niedrigschwelligen Raum.

Vainilovych sieht ihre Aufgabe als Gesprächsmoderatorin – jede und jeder dürfe erzählen und laut nachdenken, auch über den eigenen Tod. Im Death Café werde auch schon mal darüber reflektiert, welche Bestattungszeremonie man für sich selbst wünsche, sagt Vainilovych. Und obwohl sie das Death Café unregelmäßig veranstalte und ihre Veranstaltungen kaum bewerbe, steige die Nachfrage immer mehr.

Der Krieg zwingt Trauer in der Ukraine in neue Räume und schafft damit eine Topografie, die es vorher nicht gab. Diese Räume werden auch jenseits der Landesgrenzen spürbar. Über eine Million Ukrai­ne­r*in­nen leben in Deutschland, die Mehrheit von ihnen ist wegen des Krieges geflüchtet. Wie gehen sie, weit weg vom Krieg, weit weg von ihrer Heimat, mit Trauer und Verlust um?

Viktoriia Paniotova verließ ihre Heimatstadt Donezk im Jahr 2011. Sie spricht auf sanfte Art und Weise über den Krieg und ihren Bruder, der Soldat der ukrainischen Armee ist. Und den Rest ihrer Familie, die 2014, mit Beginn des Krieges in der Ostukraine, alles zurückließ und aus dem umkämpften Gebiet von Donezk nach Kyjiw flüchtete. In ihr Heimatland zurückzukehren, ist für die 31-Jährige derzeit schwer vorstellbar, vor allem, weil sie sich um die Sicherheit ihres kleinen Kindes sorgt.

In ihrer hellen Praxis in Berlin-Prenzlauer Berg empfängt sie viele internationale Patient*innen, auch Ukrainer*innen. Paniotova ist studierte Psychologin, sie macht derzeit eine Fortbildung in Gestalttherapie, hat Trainings in Schocktrauma und Kriseninterventionen absolviert. Für sie spielt Trauer eine zentrale Rolle. Es geht nicht nur um die Trauer über verstorbene Menschen, sondern auch um den Verlust des alten Lebens, das nie wieder so sein wird wie zuvor.

Dabei betont Paniotova, dass es einen großen Unterschied mache, ob sie mit einer Person spreche, die vor dem Krieg ausgewandert ist, oder mit Menschen, die wegen des Krieges fliehen mussten: „Für jene, die die bewusste Entscheidung getroffen haben, ihr Land zu verlassen, ist die Situation mit Kummer verbunden, aber sie haben meistens Struktur, eine Gemeinschaft, Arbeit.“

Geflüchtete, die abrupt alles hinter sich lassen mussten, erleben hingegen extreme mentale Belastung: „Da hat man keinen Raum und keine Zeit, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen.“ Es gehe auch um das Materielle, um das, was man hatte, um Sicherheit und um die kleinen Gewohnheiten des Alltags.

Das Schlimmste sei für viele Ukrai­ne­r*in­nen in Deutschland, dass sie sich nicht verabschieden konnten. Lange und gefährliche Reisen, Verwandte in besetzten Gebieten oder Ausreisebeschränkungen machen es oft unmöglich, in die eigene Heimat zu reisen und sich von Verstorbenen zu verabschieden. „Und das fügt dem Trauerprozess eine zusätzliche Ebene und Komplexität hinzu“, sagt Paniotova.

Viele fliehende Menschen müssten ihr Leben von Grund auf neu aufbauen: das Zuhause, Stabilität, Arbeit, Alltagsroutinen, oft ohne Partner oder soziale Netzwerke. Häufig spreche sie mit ukrainischen Müttern, die mit ihren Kindern geflüchtet sind, die Männer bleiben zurück. Ukrainern im wehrtüchtigen Alter ist es – wenn sie nicht mindestens drei Kinder unter 18 Jahren haben – seit Beginn des Kriegsrechts grundsätzlich verboten, das Land zu verlassen.

Eines der größten Themen, das Viktoriia Paniotova in dieser Arbeit begegnet sei, ist Schuld: das Gefühl, das eigene Leben zurückgelassen zu haben, während es für die Menschen in der Ukraine so viel gefährlicher ist. Von jenen, die online ihre Hilfe suchten, würde sie oft gefragt werden, wo sie lebe. Ihre ukrainischen Pa­ti­en­t*in­nen im Ausland wünschten sich eine Therapeutin, die ebenfalls in Sicherheit sei. Es würde sie sonst hemmen, mit dieser Therapeutin ihre Probleme zu besprechen.

Die Praxis ist ein geschützter Raum, in dem die Kli­en­t*in­nen ihre Gefühle ausdrücken können

Was in den Ukrai­ne­r*in­nen hierzulande vorgehe, könnten viele Menschen in Deutschland nur schwer nachvollziehen. „Die Mehrheit der Menschen versteht nicht, was wir durchmachen“, sagt Paniotova. In ihrer Praxis biete sie einen geschützten Raum, in dem die Kli­en­t*in­nen ihre Gefühle ausdrücken könnten. Für viele sei das der einzige Ort dieser Art. Meist seien Mütter mit ihren Kindern allein geflohen und fänden es schwer, mit anderen Menschen ohne Kriegserfahrung ihre Gefühle und Erfahrungen zu teilen. Denn die in der Ukraine verbliebenen Familienmitglieder wollen sie nicht damit belasten.

Grundsätzlich haben Ukrai­ne­r*in­nen in Deutschland Zugang zu regulärer psychotherapeutischer Versorgung. Ergänzt wird das durch psychosoziale Zentren, Beratungsstellen und spezielle Projekte mit ukrainischsprachigen Angeboten. In der Praxis ist das System jedoch überlastet, die Versorgung kann dem Bedarf nicht gerecht werden: Therapieplätze sind knapp, Wartezeiten lang, Dolmetscherleistungen werden oft nicht finanziert und das System ist für viele schwer verständlich.

Dadurch bleibt adäquate psychische Hilfe für viele Betroffene trotz formaler Ansprüche schwer erreichbar. Viktoriia Paniotova ist überzeugt: Die Trauer wird nicht enden, bevor der Krieg vorbei ist.

Mitarbeit: Dzvinka Pinchuk

Diese Reportage wurde durch die Initiative „Women on the Ground: Reporting from Ukraine’s Unseen Frontlines“ der International Women’s Media Foundation in Partnerschaft mit der Howard G. Buffett Foundation unterstützt.

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2 Kommentare

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  • Mich würde mal interessieren wie ukrainische Medien über die Massentötungen in Gaza berichten und/oder über den zB. Sudan .

  • Unglaublich sinnlos, hoffentlich findet das bald ein Ende.