Friedensgespräche für die Ukraine: Erweiterte Kampfstrategie
Russland erreicht nicht wie gewünscht seine Kampfziele – und wählt seine Angriffsziele gezielter aus. Zusätzlich zu den üblichen Bombardierungen.
Z ugegeben, der Mann hat Humor: Juri Uschakow, außenpolitischer Berater von Wladimir Putin, hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vorgeschlagen, zu einem Treffen mit dem Kremlchef nach Moskau zu reisen. Sollte Selenskyj auf diese Offerte eingehen, könnte er es wohl bei dem Erwerb eines One-Way-Tickets bewenden lassen. Womit wir beim Thema Friedensgespräche wären. Diese sogenannten Verhandlungen, die seit Monaten stattfinden – zuletzt und auch demnächst wieder in Abu Dhabi – verdienen diesen Titel nicht. US-Außenminister Marco Rubio hat am Mittwoch dieser Woche scharfsinnig festgestellt, dass der Status des Donbass nach wie vor ein Problem sei und von einer Brücke gesprochen, die die Beteiligten noch nicht überquert hätten.
Aus gutem Grund: Da Moskau unbeirrt an seiner Forderung festhält, den im Osten der Ukraine befindlichen ganzen Donbass eingemeinden zu wollen, würde dieser Schritt nur eins bedeuten. Millionen Ukrainer*innen ins Verderben zu stürzen und Russland einen Freifahrtschein für künftige Feldzüge auszustellen. Offensichtlich dämmert es Moskau, dass dieses Maximalziel – eine Anmaßung an sich – auf dem sogenannten Verhandlungsweg so einfach wohl nicht zu erreichen ist. Ergo wird die Kampfstrategie entsprechend erweitert – soviel Flexibilität muss ein.
Offensichtlich reicht es nicht mehr, die Ukraine Nacht für Nacht mit Bomben- und Drohnenterror zu überziehen – mit dem Nebeneffekt, dass die Menschen den Kältetod sterben. Vielmehr werden die Angriffsziele sorgsamer ausgesucht – wie zuletzt ein Passagierzug in Charkiw.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Und die westlichen Verbündeten Kyjiws? Sie reden und reden … Die Einlassungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, ein EU-Beitritt der Ukraine 2027 sei unmöglich, braucht niemand. Dass dem so ist, weiß übrigens auch Selenskyj ganz genau. Doch für ihn steht der EU-Beitritt synonym für Sicherheitsgarantien. Davon ist im Moment leider wenig zu hören, dabei sind sie für Kyjiw existenziell. Worauf warten wir? Auf noch mehr Tote und weiter sinkende Temperaturen? Es ist eine Schande!
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert