Um Hilfe bitten: Wieso ist es nur so schwer?

Um Entschuldigung bitten, kann ich gut. Doch im Um-Hilfe-Bitten bin ich noch Anfängerin. Und auch Hilfe anzubieten will gelernt sein.

Illustration von jungen Menschen, die sich gegenseitig helfen eine Treppe hochzugehen

Es muss schon schlimm sein, bis ich mir endlich eingestehe, dass ich Hilfe brauche Foto: Alice Mollon/imago

Ich starte die Kolumne mal, indem ich meine treuen Le­se­r*in­nen um Entschuldigung bitte. Auch wenn es heute eigentlich um etwas anderes geht. Nämlich um Hilfe bitten. Aber zuerst die Entschuldigung. Ich habe mir vor ein paar Wochen alle meine Kolumnen durchgelesen und festgestellt, dass es thematisch ganz schön wild zugeht und der Kolumnenname „Bei aller Liebe“ etwas irreführend ist, da es – wie Sie sicher wissen – nicht immer um Liebe geht.

Oft geht es um Rassismus und entgegen dem, was viele Twitter-Poet*innen meinen, ist auch Liebe leider nicht die Lösung gegen Rassismus. Jedenfalls entschuldige ich mich für die emotionale Achterbahnfahrt, die meine Kolumne thematisch darstellt. Zurück zum ursprünglichen Thema: Um Hilfe bitten. Ich habe es eben bewiesen: Es fällt mir viel leichter, um Entschuldigung zu bitten als um Hilfe. Ich entschuldige mich ziemlich oft, weil ich oft danebenliege und es mir offen gestanden überhaupt nichts ausmacht, um Entschuldigung zu bitten.

Also in Sachen „um Entschuldigung bitten“ bin ich definitiv ein Profi. Doch wenn es darum geht, um Hilfe zu bitten, werde ich zur Anfängerin. Es muss schon schlimm sein, bis ich mir endlich eingestehe, dass ich Hilfe brauche. Es kann eine Gardinenstange sein, die ich seit April 2018 anbringen will, es kann um ein Paket gehen, das jemand für mich abholen soll, es kann aber auch um größere, schwerere Dinge gehen: Ich brauche jemanden zum Reden. Mir geht’s nicht gut.

Ich habe letzten Oktober mit Therapie begonnen. Das war das erste Mal, dass ich mich nicht geschämt habe, um Hilfe zu bitten. Ich würde von mir selbst behaupten, dass ich gerne helfe (Vermutlich sagt das je­de*r über sich) und dass ich mich freue, wenn ich andere unterstützen kann und dass es auch die Freundschaften oder Beziehungen nicht verändert. Warum fällt es mir dann so schwer, um Hilfe zu bitten?

Es ist nicht Rocket Science, wie man so schön sagt. Ich möchte nicht schwach erscheinen, und um Hilfe bitten erscheint mir schwach? Aber das kann nicht alles sein. Ich wurde in dem Glauben erzogen, dass stark sein und anderen helfen das wichtigste im Leben sei. Was ich mir nicht eingestehen wollte, ist, dass Helfen mich selbst größer und stärker fühlen lässt. In manchen Situationen kann Helfen auch etwas Paternalistisches und fast Gönnerhaftes haben. „Schau mal, du kleines hilfsbedürftiges Ding, ich helfe dir mal.“

Die Person, die hilft, bestimmt in der Regel auch die Bedingungen. Das hat meiner Meinung nach wenig mit dem rein altruistischen Helfen zu tun. Oft sieht man das, wenn Menschen aus Hilfsbereitschaft, aber vor allem aus einem großen Aktionismus heraus Kleidung in Krisengebiete schicken, obwohl die Menschen Telefonkarten oder Geld brauchen. Ich habe festgestellt, dass ich auch nicht davor gefeit bin. Ich helfe gerne, aber oft zu meinen Bedingungen. Verdammt, das heißt, ich muss jetzt zwei Dinge lernen: Um Hilfe bitten und die richtige Hilfe anbieten.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Journalistin, Speakerin und freie Kreative. Kolumne: "Bei aller Liebe". Foto: Pako Quijada

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de