Ukrainischer Autor Andrej Kurkow: „Wir dürfen nicht die sowjetische Methode wiederholen“
Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow im Gespräch über sein neues Kriegstagebuch, seine Familiengeschichte und Boule für Veteranen.
taz: Herr Kurkow, viele Autor*innen halten wie Sie den Kriegsalltag in Tagebüchern fest oder schreiben Kriegslyrik. Warum wird diese Literatur in der Ukraine und auch im Ausland gerade so viel gelesen?
Andrej Kurkow: Innerhalb der Ukraine ist die Hochphase dieser Literatur meines Erachtens schon wieder vorbei. Die Ukrainer erleben den Krieg täglich, sie wollen nicht auch noch darüber lesen. Krimis und Liebesgeschichten ausländischer Autoren verkaufen sich gerade gut. Auch in vielen anderen Ländern lässt das Interesse an den Kriegsaufzeichnungen nach.
taz: Welche Funktion hat diese Art von Literatur?
Kurkow: Ein gutes Beispiel ist das Buch des jungen Dichters Artur Dron, das derzeit sehr populär ist in der Ukraine. Er war Soldat, wurde verwundet und demobilisiert. Bücher werden in der Ukraine oft kaum lektoriert, eigentlich ist dies ein großes Problem. In seinem Fall ist es gut. Sein Buch ist direkt, ehrlich, emotional; es gibt Wiederholungen. Aber sie erfüllen eine Funktion, wenn er etwa über den Tod des geliebten Sanitäters Doc schreibt. Die Leser wollen keine Fakten, keine Statistiken, sie suchen nach der menschlichen Geschichte.
taz: Sie leben heute wieder in Kyjiw und in dem Dorf Lasariwka nahe der Hauptstadt. Pendeln Sie zwischen diesen Orten?
Kurkow: Ja, meine Frau und ich verbringen in der Regel fünf Tage auf dem Land und zwei Tage in Kyjiw. Auf dem Land ist es ruhiger, wir hören nur gelegentlich Drohnen und können dort besser schlafen. In Kyjiw war das zuletzt nicht möglich.
taz: Welches waren für Sie besonders aufwühlende Momente in diesem Krieg?
Kurkow: Den ersten Tag des Kriegs werde ich nie vergessen. Die Explosionen um 5 Uhr. Ich stand 40 Minuten vor dem Fenster und schaute auf die leere Straße. Dann kamen weitere Explosionen um 6 Uhr. Ich musste erst realisieren, dass jetzt wirklich Krieg ist. Ein paar Tage später fuhren wir auf der Autobahn Richtung Westen, tausende Autos vor uns und hinter uns. Wir fuhren an Orten wie Bucha und Hostomel vorbei und hörten die Schüsse und Explosionen. Der Krieg wurde schnell zu etwas Alltäglichem: Man verstand, es würde weitergehen. Ich erzähle im zweiten Tagebuch auch die Geschichte unserer Freunde Walentin und Tanja, einem Arzt und seiner Frau. Er war nach Deutschland geflüchtet und ist dort, in der Fremde, gestorben. Seine Frau wollte mit seiner Asche nach Kyjiw zurückkehren, um die Urne zu bestatten. Sie konnte nicht zurück, weil Kyjiw heftig bombardiert wurde. Irgendwann schaffte sie es schließlich, die Asche zurückzubringen. Diese Geschichte hat mich sehr mitgenommen.
taz: Sie schildern auch immer wieder subversive und witzige Aktionen der Ukrainer. Verschaffen diese Erleichterung?
Kurkow: Wenn man den Krieg als neue Normalität akzeptiert, versucht man unbewusst etwas Skurriles darin zu finden. Man reißt Witze, erzählt absurde Geschichten. Wobei das heute weniger passiert als zu Beginn des Krieges. Aber es gibt immer wieder bewegende Geschichten. In einem Nachbardorf unseres Landwohnsitzes in Lasariwka habe ich zum Beispiel gesehen, dass es dort eine Pétanque-Mannschaft gibt. Ich wunderte mich ein bisschen darüber. Dann erfuhr ich, dass Pétanque ein beliebter Sport unter Veteranen geworden ist. Der Kapitän der Veteranen-Mannschaft hat mir später stolz das Emblem seiner Mannschaften gezeigt – ein lustiges Logo mit einer Ente. Sein Team heißt „Wilde Ente“.
taz: Sie sind ethnischer Russe und bezeichnen sich gleichzeitig als überzeugten Ukrainer. Wie ist Ihr familiärer Hintergrund?
Kurkow: Mein Vater stammte aus Rostow am Don. Er war Donkosake. Katharina die Große wollte das Kosakenheer im 18. Jahrhundert auflösen und unterwerfen, viele entwaffnete Kosaken wurden daraufhin Bauern oder Arbeiter. Andere gingen in den Nordkaukasus – wie die Vorfahren meines Vaters. Meine Mutter ist in Leningrad geboren, sie stammt aus einer Priesterfamilie. Mein Vater war zunächst Militärpilot in der Nähe von Leningrad und hat sie dort kennengelernt. Die Mutter meines Vaters lebte in Kyjiw, sie war Chirurgin und Direktorin eines Sanatoriums für Kinder mit Tuberkulose, eine berühmte Ärztin. Nachdem mein Vater das Angebot bekam, als Testpilot für die Antonow-Flugzeugfabrik zu arbeiten, zog unsere Familie nach Kyjiw. Da war ich zwei Jahre alt. Wir lebten einige Jahre bei meiner Großmutter. Aber meine Eltern haben nie Ukrainisch gelernt. Fast niemand sprach in Kyjiw in dieser Zeit Ukrainisch – außer vielleicht Professoren, Schauspieler und Schriftsteller.
taz: Politisch hatten Sie Differenzen mit Ihrem Vater, oder?
Kurkow: Ja. Mein Vater war überzeugter Kommunist. Aber er wollte nicht über Politik und Kommunismus reden. Für ihn war der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 dramatisch. Er glaubte weiter an die Idee der Sowjets, es seien bloß die Falschen an der Macht gewesen.
taz: Haben Sie damals etwas von dissidenten Gruppen mitbekommen, die das Ukrainische stärken wollten?
Kurkow: Ich hatte viel mit Dissidenten zu tun. Aber auch sie waren alle russischsprachig. Mein Bruder war auch Dissident.
taz: Hat er unter Repressionen gelitten?
Kurkow: Er selbst wurde einmal verhaftet. Zum Glück war meine Mutter eine angesehene Ärztin. Von dem Richter, der über den Fall meines Bruders entscheiden sollte, hieß es, er sammle leidenschaftlich Medaillen. Wir besaßen in unserer Familie viele Medaillen unseres Urgroßvaters, er hatte sie im Ersten Weltkrieg bekommen. Meine Mutter hat sie dem Richter geschenkt. So bekam mein Bruder nur zwei Jahre auf Bewährung. Später haben wir die Medaillen in einem Antiquitätenladen wiedergesehen.
taz: Sie schreiben weiterhin auf Russisch, aber auf Russisch erscheinen Ihre Bücher gar nicht mehr.
Kurkow: Genau. Meine Muttersprache ist Russisch, Ukrainisch lernte ich erst als 14-Jähriger in der Schule. Dokumentarische Texte schreibe ich inzwischen auch auf Englisch und Kinderbücher auf Ukrainisch. Prosa schreibe ich auf Russisch, da brauche ich Freiheit und die Sprache als Instrument. Dazu muss ich sie perfekt beherrschen.
taz: Findet man überhaupt noch russischsprachige Bücher in der Ukraine?
Kurkow: Sie sind in Online-Buchhandlungen erhältlich, in den Geschäften hingegen nicht. In Antiquariaten lassen sich jedoch nach wie vor ältere russischsprachige Bücher finden.
taz: Sie schreiben im zweiten Tagebuch: „Eine feindselige Einstellung gegenüber der russischen Kultur ist [auf ukrainischer Seite] zu einem festen Bestandteil des Russisch-Ukrainischen Kriegs geworden“. Wird es zum Problem, wenn die russische Sprache in der Ukraine geächtet wird?
Kurkow: Die erste Welle des Patriotismus ist meines Erachtens vorbei, inzwischen kehren einige zum Russischen zurück. Einige Leute begannen nach Beginn des Angriffskriegs auf Ukrainisch zu reden und wollten kein Russisch mehr sprechen. Die Entwicklung ist da aber nicht so eindeutig.
taz: Die Dekolonisierungsdebatte polarisiert in der Ukraine. Zuletzt diskutierte das Land über Statuen von Michail Bulgakow und Isaak Babel. Eine Babel-Skulptur soll entfernt werden, obwohl dieser selbst Opfer des Stalinismus war. Schießt die Dekolonisierung über ihr Ziel hinaus?
Kurkow: Sie ist vor allem kontraproduktiv. Es gab so viele Diskussionen auf Social Media über Bulgakow, das ist eine gute Werbung für seine Bücher! Die Bücher dieser Autoren werden dadurch eher mehr gelesen als weniger, das gleiche wird mit Isaak Babel passieren.
taz: Was wäre der richtige Umgang mit den Biografien von Babel, der in jungen Jahren für die Tscheka arbeitete, und Bulgakow, dem nun eine ukrainefeindliche Haltung nachgesagt wird?
Kurkow: Alles Gute und Schlechte, was auf ukrainischem Boden geschah, gehört zur ukrainischen Geschichte. Dasselbe gilt für historische Persönlichkeiten und Schriftsteller, die in der Ukraine lebten und wirkten. Wir müssen objektive Biografien veröffentlichen und diese Schriftsteller als Teil der ukrainischen Literatur und Kultur erforschen, ihren Einfluss und ihre Kreise untersuchen. Wir dürfen nicht die sowjetische Methode wiederholen, die biografische Fakten über wichtige historische Persönlichkeiten verschwieg, andere als übertrieben darstellte und wieder andere erfand. Bulgakow zu verteufeln ist töricht.
taz: In der Ukraine bleibt auch die Wehrgerechtigkeit ein großes Thema. Die Soldaten kämpfen teilweise seit Jahren an der Front, sind völlig erschöpft.
Kurkow: Zum Glück gibt es jetzt eine Reform des Wehrdienstes. Soldaten sollen einen Vertrag unterschreiben, in denen die Dienstzeit und Freistellungen festgelegt sind. Es gibt zurzeit eine Frontlinie, die 1.000 Kilometer lang ist, den Ukrainern fehlen einfach viele menschliche Kräfte. Natürlich sind die Soldaten, die seit 2022 kämpfen, wütend und schimpfen auf die Menschen, die in Kyjiw und Lwiw in Bars oder Cafés sitzen. Dazu kommt, dass die Kinder der heutigen politischen Elite noch immer verschont werden vom Kriegsdienst. Das ist einer Demokratie nicht würdig.
taz: Sie sprechen auch die Kollaboration mit den Besatzern in den inzwischen wieder befreiten Gebiete an.
Kurkow: Ja, auch darüber brauchen wir einen öffentlichen Diskurs. Ein Freund von mir, ein Renter, kehrte nach der Okkupation in sein Heimatdorf Andriivka bei Kyjiw zurück. Sein Haus wurde während der Besatzung leergeräumt. Sein Nachbar war während der Besatzung sehr freundlich zu den Russen, hat Wodka mit ihnen getrunken, ihnen wohl geholfen. Solche Fälle werden gar nicht erst untersucht. In Gebieten wie Saporischschja ist das Problem viel größer, weil manchmal 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung in den Dörfern dort bereit waren, mit Russen zu kollaborieren.
taz: Sie wollten nach dem 24. 2. 22 erst mal keine Fiktion mehr schreiben, sind nun aber zu ihr zurückgekehrt und haben Ihren Ermittler Samson reaktiviert (“Samson und das Galizische Bad“). Der Krimi spielt in der Zeit der ukrainischen Unabhängigkeit während des russischen Bürgerkriegs. Verhandeln Sie mit den historischen Parallelen zugleich die Gegenwart?
Kurkow: Ja, es gibt sehr viele Parallelen. Einmal die Gewalt von russischer Seite. Und auch damals versuchten die Menschen einfach zu überleben und waren dabei sehr kreativ. Wenn ich über 1919 schreibe, hilft mir das, die Gegenwart zu verstehen.
taz: Die Figur Samson hat ein abgetrenntes Ohr, bekommt dadurch aber die wundersame Fähigkeit, andere Menschen bei ihren Gesprächen abhören zu können. Wenn Sie diese Fähigkeit hätten, wie würden Sie sie nutzen?
Kurkow: Ich würde den Gesprächen zwischen Putin und Lawrow lauschen.
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