Ukraine richtet Wärmestuben ein: Sorge vor dem Winter

Russische Raketen zerstören das ukrainische Energiesystem weiter. In Kiew kommt es zu Stromausfällen. Präsident Selenski kündigt 4.000 Wärmestuben an.

2 Kinderfiguren auf einer Wippe, Panzersperren im schnee, nächtliche Kulisse von Kiews Unabhängigkeitsplatz

Banksy bei Minusgraden am Platz der Unabhängigkeit in Kiew am 21. November Foto: Maxym Marusenko/Nur/afp

KIEW taz | In Kiew und anderen Städten der Ukraine liegt Schnee, vielerorts liegen die Temperaturen bei unter null Grad, während russische Raketen das ukrainische Energiesystem noch weiter zerstören. So kam es am Mittwoch durch massive russische Raketenbeschüsse in der Region Kiew zu massiven Stromausfällen. In der Hauptstadt Kiew fiel die Wasserversorgung aus.

Das ukrainische Energiesystem ist laut Premier Schmyhal bereits bis zur Hälfte zerstört. Es stellt sich also die Frage, wie lange Staat und Kommunen noch eine weitgehend reibungslose Versorgung mit Strom gewährleisten können. In der ukrainischen Politik sieht man dem Winter mit Sorge entgegen. Gegenüber der Bild-Zeitung befürchtet Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko flächendeckende Stromausfälle in Kiew.

Und dann, so Klitschko, müssten Teile der Stadt evakuiert werden. So weit allerdings wolle man es nicht kommen lassen. In seiner abendlichen Ansprache an das Volk kündigte Präsident Selenski am Dienstag die Einrichtung von „Punkten der Standhaftigkeit“ an. In diesen etwa 4.000 Wärmestuben soll die Bevölkerung Schutz suchen können.

„Wenn es erneut zu massiven russischen Angriffen kommt und die Stromversorgung nicht innerhalb weniger Stunden wiederhergestellt werden kann, stehen diese Punkte der Standhaftigkeit sofort zur Verfügung“, zitiert die Zeitung NV den Präsidenten. Man müsse auf jedes Szenario vorbereitet sein. „Ich bin zuversichtlich, dass wir diesen Winter gemeinsam überstehen werden, wenn wir uns gegenseitig helfen“, betonte der Präsident.

Derzeit, so NV, stehen der Ukraine über 4.000 derartige Notfallzentren zur Verfügung, weitere seien in der Planung. Dort gäbe es, so Selenski, Strom, Mobilfunk, Internet, Heizung, Wasser und eine Apotheke. Unterbringen werde man diese Punkte in Regional- und Bezirksverwaltungen, Schulen oder etwa Gebäuden des staatlichen Notdienstes.

Noch laufen die Heizungsanlagen

Bisher laufen die Heizungsanlagen der Häuser in der Hauptstadt noch rund um die Uhr. Und auch in Charkiw, der zweitgrößten Stadt in der Ukraine, funktioniert die städtische Zentralheizung. Dort ist man auch etwas optimistischer, was den Winter anbelangt.

Der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, äußerte sich auf seinem Telegram-Kanal, dass man die letzten sieben Tage fast nur daran gearbeitet habe, die zerstörten Objekte der Infrastruktur wieder in Gang zu setzen. Gleichzeitig äußerte er vor dem Hintergrund der Notbeleuchtung in der Stadt seine Besorgnis über die wachsende Zahl von Verkehrsunfällen. „Gehen Sie mit einer Taschenlampe über die Straße, und leuchten Sie sich bitte dabei selbst an“, empfiehlt er den BewohnerInnen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sei angesichts der russischen Angriffe auf das ukrainische Stromnetz wegen des bevorstehenden Winters in großer Sorge, berichtet AFP. „Dieser Winter wird für Millionen von Menschen in der Ukraine lebensbedrohlich sein“, zitiert AFP den WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge. In diesem Winter gehe es um das Überleben.

Die Schäden an der ukrainischen Energieinfrastruktur, die durch die zahlreichen Raketenangriffe verursacht wurden, hätten bereits schwere Auswirkungen auf das Gesundheitssystem und die Gesundheit der Bevölkerung, sagte Kluge. Die WHO habe seit Beginn der russischen Invasion im Februar auch bereits mehr als 700 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in der Ukraine registriert. Dies sei ein „klarer Verstoß“ gegen das humanitäre Völkerrecht, so Kluge laut AFP. Das EU-Parlament stufte Russland am Mittwoch als „terroristische Mittel“ nutzenden Staat ein.

Auch für Soldaten wird der Winter hart

Doch was bedeutet der Winter für die Soldaten an der Front? Allen Soldaten werde der Winter das Leben schwer machen, meint die Rentnerin Nadja aus Kiew. „Doch die russischen Soldaten werden es noch etwas schwerer haben als die ukrainischen“, so Nadja. Die Ukrainer hätten den Vorteil, dass sie sich auf ihrem eigenen Gebiet befinden. Sie kennen sich dort aus und haben Rückhalt in der Bevölkerung. Diesen hätten die russischen Soldaten nicht mehr.

Inzwischen habe sich auch in russlandfreundlichen Kreisen herumgesprochen, dass Russland den Krieg verlieren werde. Dies würde auch bedeuten, dass die aktuell russisch besetzten Gebiete eines Tages wieder von der Ukraine kontrolliert werden. Und wer wolle schon den Russen mit Lebensmitteln und einer Unterbringung helfen, wenn wenige Wochen später die Ukrainer die Ortschaft kontrollieren? „Alle Ukrainer, die den Russen freiwillig geholfen haben, werden dann vor Gericht gestellt“, so Nadja. Da diese Perspektive für niemanden attraktiv ist, fehle nun den Russen der Rückhalt in den von ihnen besetzten Gebieten.

Ähnlich sieht dies der Charkiwer Journalist von der Plattform assembly.org.ua, Stanilaw Kibalnyk. „Die russischen Männer, die kürzlich im Rahmen der Teilmobilmachung in Russland eingezogen worden sind, waren ja schon auf den Herbst nicht vorbereitet“ meint er. „Wie sollen sie dann erst, schlecht motiviert, den Winter überleben?“ fragt er sich. „Deren Kampfmoral ist so niedrig. Ein erster Frost könnte ihrer Kampfmoral den Rest geben“, so Kibalnyk.

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