Überlebende über NS-Zeit und das Danach: „Nach 1945 waren die Lehrer Nazis“

Die Jüdin Marione Ingram hat den Hamburger Feuersturm erlebt und im Versteck überlebt. Heute agitiert sie in den USA gegen Rassismus. Ein Protokoll.

Porträt von Marione Ingram

Engagiert wie einst ihr Vater: Marione Ingram Foto: Michael Milde

Die Diskriminierung begann sehr früh in meinem Leben. Als ich drei Jahre alt war, sagte meine Freundin Monika, die im selben Haus wohnte, sie würde nie mehr mit mir spielen, weil ich ein „Judenschwein“ sei. Ich wusste gar nicht, was sie meinte, und habe zu meiner Mutter gesagt: „Ich hab ein Bad genommen, ich bin doch nicht schmutzig. Und ich bin doch kein Schwein, sondern ein Mädchen.“ Meine Mutter hat mir dann erklärt, das wir jetzt diskriminiert würden, dass ich niemandem sagen darf, was ich zu Hause höre. Sie hat mich nie mehr allein nach draußen gelassen.

Im selben Jahr wurde mein Vater an eine Straßenlaterne gefesselt und fast totgeschlagen. Mein Vater war kein Jude, und sie wollten, dass er seine jüdische Frau verlässt. Er hat sich geweigert, und da wollten sie ihn zwingen, zur Luftwaffe zu gehen. Er ist aber in den Untergrund abgetaucht. Er war Kommunist – aber nur bis zum Hitler-Stalin-Pakt. Dann hat er damit aufgehört.

Ich wusste schon früh, dass ich vorsichtig sein musste. Im Nachbarhaus zum Beispiel wohnte ein siebenjähriger Junge. Seine Eltern waren vielleicht Antifaschisten, jedenfalls kamen Leute von der Gestapo und sagten zu ihm: „Wenn du erzählst, was deine Eltern reden, kriegst du ein Fahrrad.“ Das hat er getan. Da haben sie die ganze Familie abgeholt und umgebracht.

Das muss 1940 gewesen sein. 1941 wurden mein Onkel und andere Verwandte meiner Mutter nach Minsk deportiert. Eine Woche später meine Oma, einen Tag vor meinem sechsten Geburtstag. Keiner ist zurückgekommen. Auch für uns wurde es immer gefährlicher, weil auch die jüdischen PartnerInnen in „Mischehen“ nicht mehr geschützt waren. Irgendwann haben meine Eltern entschieden, dass wenigstens eine von uns überleben sollte: meine Schwester Helga. Sie war blond und blauäugig, sah sehr „arisch“ aus und würde nicht auffallen.

Mein Vater hat sie in Hamburg-Rahlstedt bei Familie Pimber untergebracht. Sie waren Kommunisten und Antifaschisten, aber nicht speziell pro-jüdisch. Deshalb hat mein Vater ihnen erst nicht gesagt, dass Helga Jüdin war. Die Pimbers hatten keine eigenen Kinder und haben sich total in Helga verliebt. Sie hatte es gut bei ihnen. Irgendwann musste mein Vater ihnen dann doch sagen, dass seine Familie jüdisch ist und versteckt werden muss.

Das war kurz nach einem einschneidenden Erlebnis: Eines Tages, im Sommer 1943, sagte meine Mutter, ich solle meine jüngste Schwester Rena in ihrem Kinderwagen zu einer Cousine meines Vaters in einem anderen Stadtteil bringen. Das kam mir komisch vor, weil ich ja eigentlich nicht rausgehen durfte. Unterwegs kam ich an einem Park vorbei mit einem Schild, auf dem stand „Nur für arische Kinder“. Ich hab die Zunge rausgestreckt und bin auf die Schaukel geklettert. Während ich schaukelte, dachte ich: Irgendwas stimmt nicht zu Hause. Ich hatte auch gehört, dass meine Mutter weinte.

Ich bin sofort zurückgegangen. Die Wohnungstür war nur angelehnt. Ich habe sie mit aller Kraft aufgedrückt – und dann roch ich Gas und fand meine Mutter im Gasofen. Ich hab sie rausgezogen, habe die wegen der Bombenangriffe geschlossenen Vorhänge und Fenster geöffnet. Ich hab ihr Rena auf die Brust gelegt, hab ihren Namen gerufen. Ich hab Kartoffeln gekocht, hab alles Mögliche versucht. Endlich sah ich, dass sie wieder atmete.

Am nächsten Tag kam die Cousine zu uns und erzählte, dass ein Jude in ihrem Haus Selbstmord verübt hatte. Er hatte den Befehl bekommen, sich für die Deportation nach Theresienstadt zu melden. Da sagte meine Mutter: „Ich auch. Wir sollen uns in zwei Tagen melden.“ Die Cousine hat Rena genommen, wollte auch mich mitnehmen und in Sicherheit bringen. Ich habe mich geweigert und bin bei meiner Mutter geblieben.

Am nächsten Tag begannen die Bombenangriffe auf Hamburg, zehn Nächte und zehn Tage. Es nannte sich “Feuersturm“ oder „Operation Gomorrha“. Als eine Bombe unser Dach traf, sind wir runtergerannt, wollten wir in den Luftschutzkeller. Aber der Bunkerwart hat uns nicht reingelassen. Auch die anderen wollten das nicht, und ein grausamer Mann sagte: „Diese Juden sind verantwortlich für alles, die haben uns verraten, du musst sie rauswerfen.“

Danach sind wir Tag und Nacht durch die Flammen geirrt. Sind in eine Kirche gegangen, wurden rausgeworfen. Ich hab so viele Leichen gesehen, in ganz verschiedenen Formen – so, wie sie verbrannt waren. Ich hab auch gesehen, wie brennende Menschen in die Kanäle sprangen. Als sie wieder hochkamen, brannten sie weiter. Später hörte ich, dass die Engländer bei diesem Angriff wirklich Phosphor eingesetzt haben, was kriegsrechtlich verboten ist.

Ich selbst habe eine schwere Rauchvergiftung bekommen. Wir waren dann kurz in Hof, und wie wir zurück nach Hamburg kamen, weiß ich nicht. Ich habe klare Bilder vor Augen, weiß aber nicht, ob sie real sind: Ich saß mit meiner Mutter in einem Zug, in dem eine Frau ihr Kind bekam. Um sie herum standen Soldaten, und als das Kind geboren war, haben sie es aus dem Zug geworfen und die Frau geschlagen und beleidigt.

Das Schweigen der Mutter

Meine Mutter hat diesen Moment genutzt, um mich aus dem Zug zu werfen und selbst rauszuspringen. Ich wollte meine Mutter später immer fragen: War das so? Erinnere ich mich richtig? Aber sie hat sich ihr Leben lang geweigert, mit mir über diese Zeit zu sprechen. Obwohl wir sie doch gemeinsam erlebt hatten. Ich habe viele Jahre gebraucht, um ihr dieses Schweigen zu vergeben.

Nach der Rückkehr aus Hof wachte ich in einem Erdloch auf. Wir waren bei den Pimbers, die jetzt auch uns versteckten. Sie hatten einen kleinen Bauernhof mit einer Gartenhütte. Darin stand ein Bett, in dem meine Mutter, meine Schwester Rena und ich schliefen. In das Erdloch gingen wir, wenn Frau Pimber eine bestimmte Lampe einschaltete. Dann kamen Leute zu Besuch, und wir mussten verschwinden.

Wir blieben bis 1945 bei den Pimbers. Welches Risiko sie eingingen, hab ich erst als Erwachsene verstanden. Als Kind mochte ich Frau Pimber nicht. Sie gab uns wenig zu essen und war nicht nett zu meiner Mutter. Einmal, nachdem ich gesehen hatte, wie sie eine Katze ertränkte, bin ich – was mir streng verboten war – rübergehüpft zu einem Weizenfeld. Die Halme waren so hoch, dass man mich nicht sehen konnte. Und da waren so schöne Margeriten, dass ich meiner Mutter – sie hieß Margarete – welche bringen wollte. Ich pflückte und pflückte und dachte, sie wird sich freuen.

Auf dem Rückweg fiel mir ein, dass ich ihr die Blumen nicht geben konnte, denn dann würde sie wissen, dass ich nicht gehorsam war. Ich hätte fast geweint, aber dann habe ich mir auf dem Boden ein Bett aus den Blumen gemacht, mich hingelegt und in den Himmel und die Wolken geguckt. Und für einen Moment fühlte ich mich frei von Bomben und Frau Pimber und Angst.

Jahre später bat mich mein Vater immer wieder, Frau Pimber zu schreiben und mich zu bedanken. Ich habe es nicht getan, und ich schäme mich dafür. Ich war in diesem kindlichen Verständnis gefangen, dass sie gemein war. Ich war zu jung, um ihr zu vergeben. Und als ich als ich alt genug war zu verstehen, war es zu spät, da lebte ise nicht mehr.

Fürsprecherin der Toten

Irgendwann war der Krieg aus. Ich war fast zehn und konnte endlich zur Schule gehen. Aber das war für mich fast noch schlimmer als die Zeit im Versteck: Alle Lehrer waren Nazis. In jeder Unterrichtsstunde hat irgendwer gesagt, dass Juden Untermenschen sind und zu dumm zum Lernen. Meine Kameraden haben mich geschlagen, angespuckt, beschimpft. Ich habe meinen Vater angefleht, mich nicht mehr hinzuschicken. Aber er sagte: „Weil so viele Millionen Menschen gestorben sind, bist du als Überlebende verantwortlich dafür, dass die Leute Bescheid wissen, damit es nicht wieder passiert.“ Aber ich war erst zehn, und viele Jahre lang habe ich meinen Vater gehasst, weil er darauf bestand, dass ich Fürsprecherin all der Holocaust-Toten wurde. Heute bin ich froh, dass er mir beigebracht hat, für andere zu kämpfen.

Nach dem Krieg waren wir im „Warburg Children’s Health Home“ in Blankenese. Es war das Heim einer zionistischen Gruppe, die jüdische Kinder aufnahm. Die meisten kamen aus Bergen-Belsen. Helga, Rena und ich waren die einzigen, die noch Eltern hatten. Alle anderen waren ganz allelin. Dort wurden wir zum ersten Mal wie Kinder behandelt. Wir hatten genug zu essen, wurden geliebt und umhegt.

Während unserer zwei Jahre dort baute mein Vater Holzhäuser für Flüchtlinge, und meine Mutter arbeitete mit Displaced Persons – DPs –, die aus KZ und Verstecken kamen und ihre Verwandten suchten. Bis sie es eines Tages nicht mehr ertrug. Sie hatte eine Nervenzusammenbruch und sagte: „Ich will kein deutsches Wort mehr hören, kein deutsches Gesicht mehr sehen, lass uns weggehen aus Europa.“ Mein Vater sagte: „Aber wir müssen doch all die kleinen Nazis aufspüren, die noch in den Schulen und anderen Institutionen arbeiten.“ Es endete damit, dass sie sich gütlich scheiden ließen. Denn mein Vater verstand, warum sie gehen musste. Und meine Mutter begriff, dass er den Kampf gegen die Nazis nicht einfach aufgeben und weggehen konnte.

Meine Mutter ist 1950 mit Rena nach New York gegangen. Ich kam zwei Jahre später nach, einen Monat vor meinem 17. Geburtstag. Heute bin ich frei, in New York zu sein und zu wissen: Jüdin zu sein ist in Ordnung. Man kann hier alles sein – nur nicht schwarz. Das habe ich durch eine Begegnung mit einer jungen Schwarzen gelernt, die, hoch qualifiziert, nur miese Jobs bekam. Seither engagiere ich mich gegen Rassismus, für die Bürgerrechts-, Frauen-, LGBT-, für die Friedens- und Klimabewegung. Solange es nötig ist.

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86, Hamburgerin, erlebte die Deportation der gesamten Verwandtschaft ihrer jüdischen Mutter. Der „Feuersturm“ bewahrte sie vor der Deportation, die Familie überlebte in einem Versteck. Mit 17 folgte sie ihrer Mutter in die USA, wo sie seither als Autorin, Künstlerin und Gartendesignerin lebt. Von 2000 bis 2007 lebte sie in Hamburg, um ihr Buch „Kriegskind. Eine jüdische Kindheit in Hamburg“ zu schreiben, das 2016 auf Deutsch erschien. Sie engagiert sich in der Bürgerrechts-, der Antirassismus, der Antikriegs, der Frauen- und LGBT-Bewegung, für Klimaschutz und gegen Trumpismus.

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