Über das Gehen: Antikapitalistische Fortbewegung

Unser Autor geht genauso gerne durch die Welt, wie er alle Vorbeigehenden beobachtet. Oft ist das Gehen auch politischer als gedacht.

Es sind mehrer Füße, barfüßig zu sehen

Die längste Wanderung unseres Autoren war von der Wesermarsch bis in die Toskana Foto: imago

Das Gehen ist eine olympische Disziplin, eine extrem hässliche, bei der es um die größtmögliche Schrittgeschwindigkeit geht, bis zu 14 km/h. Wenn man normal geht, schafft man etwa 4 km/h. Bei beiden Fortbewegungsarten bewegt man sich schrittweise in aufrechter Haltung auf den Füßen fort, wobei ein Fuß immer den Boden berühren muss. Das gilt für Zweibeiner, bei Vierbeinern müssen es drei Füße sein. Das Laufen ist demzufolge kein (schnelles) Gehen mehr, wohl aber das Marschieren und das Promenieren.

Der Nazioffiziersliterat Ernst Jünger schrieb: „Der Bürger promeniert, der Arbeiter marschiert.“ Für jenen schuf der Kulturwissenschaftler Lucius Burckhardt eine ganze „Promenadologie“, für diesen – in seiner soldatischen Form – entwarf der Filmregisseur Marek Piwowsky einmal eine Reihe neuer Marschierungsweisen für die antikommunistische polnische Armee – ausgehend von einem Monty-Python-Sketch über eine Reihe neuer Gehideen des „Ministry of Silly Walks“.

Das Logo zeigt ein Fahrrad

Die Bundestagswahl ist eine Klimawahl. Ab dem 28. Juni stellen wir deswegen eine Woche unsere Berichterstattung unter den Fokus Mobilitätswende: Straßenkampf – Warum es eine Frage der Gerechtigkeit ist, wie wir mobil sind. Alle Texte: taz.de/klima

Wenn man wie ich seit 53 Jahren Fußgänger ist, der einige Tausend Kilometer hinter sich hat (mein längster Gang war von der Wesermarsch in die Toskana), dann sieht man, wie jeder Passant anders geht: schlurfend, hinkend, torkelnd, stolz, eitel, herrisch, wild entschlossen, verzagt, zusammengesackt, auf hochhackigen Schuhen stolpernd, mit dem Hintern wackelnd oder mit großen Schritten, mit kleinen, trippelnd.

Manchen sieht man dabei auch noch ihren Gemütszustand direkt an: zielorientiert, ratlos, ortsunkundig, gedankenverloren, gelangweilt, grübelnd, wütend, weinend, verbissen. Oder ganz im Gegenteil: die Umgebung aufmerksam studierend – Bäume, Blumen, teure Autos, die Architekturen der Häuser, die Geschäfte, ihre Reklame und ihre Auslagen. Der dandyhafte Schriftsteller Tom Wolfe gab als sein Hobby „Schaufensterbummeln“ an. Aus Kneipen kommende Gruppen gehen laut schnatternd und lachend nach Hause. Vogelbeobachter gehen vorsichtig und schweigend, ihr Fernglas oder Spektiv griffbereit. Hundebesitzer gehen sehr gerne, ebenso wie Wasservogelfütterer, ganz früh am Morgen los. Diese haben oft eine Jutetasche mit altem Brot dabei, jene ein paar Plastiktüten für die Kacke ihres Hundes.

Nachtschwärmer gehen ziellos herum

Pariser Wissenschaftler erforschten „Nachtschwärmer“, die ziellos herumgehen. Dabei haben sie das Gefühl, durch die ganze Stadt zu streifen, in Wirklichkeit verlassen sie jedoch ihre Wohngegend nachts so gut wie nie. Leute, die ihnen in einer fremden Gegend entgegenkommen, machen ihnen Angst. Von zwei Papuas weiß ich, wenn ihnen in Papua-Neugineas Hauptstadt Port Moresby ein (weißer) Australier entgegenkommt, dass sie dann die Straßenseite wechseln. Das mache ich hier nachts gelegentlich auch.

Für den, der sich auf das Gehen selbst konzentrieren will, empfiehlt sich der Vipassana Walk, eine Form der Meditation: Es ist ein langsames, gewöhnliches Gehen, bei dem man auf die Füße, die den Boden berühren, achtet, genauer: auf den Kontakt der Füße mit der Erde. Eine andere Variante praktizieren die Jainas, indische Bettelmönche, die beim Gehen darauf achten, dass sie keine Insekten zertreten und sogar den Pfützen ausweichen, um das Wasser nicht zu beunruhigen.

Für mehr Achtsamkeit

Eine derartige Achtsamkeit erreicht man hier vielleicht nur mit LSD: Ein Freund ging einmal auf einem solchen „Trip“ frohgemut durch den Berliner Tiergarten – über eine Wiese. Plötzlich bemerkte er, wie viele Pflanzen er bei jedem Schritt zertrat oder umknickte. Er blieb stehen und rührte sich nicht von der Stelle und dies für mehrere Stunden lang: bis die Wirkung der Droge nachließ und er sich – wieder fast im Zustand normaler Gleichgültigkeit – traute, weiterzugehen und sich nicht weiter kümmerte. Ich achte auf meinen Gängen immer besonders auf meine Schuhe, dass sie nicht geklebt, sondern genäht und immer gut eingefettet sind, damit sie mich lange begleiten können. Auch um meine Füße mache ich mir stets Gedanken und Sorgen.

Wer während der Nazizeit etwas zu verbergen hatte, nahm keine öffentlichen Verkehrsmittel, die oft kontrolliert wurden, sondern ging zu Fuß. Der Klavierstimmer Oskar Huth spricht in seinem „Überlebenslauf“ (2001) von einem „Monstermarsch“, der ihn kreuz und quer durch Berlin führte und das jahrelang, zuletzt bewaffnet. Er druckte heimlich Lebensmittelkarten, die er dann selbst einlöste, um über 100 Juden, die arme Arbeiter bei sich versteckt hatten, mit Butter u. a. zu versorgen. Die Reichen halfen niemandem, meinte er, und dass er zu wenig von diesen Canaillen umgebracht habe.

Ich fand bei meinen Märschen über Land überraschend viele zerfledderte Pornohefte und modische Frauenschuhe in den Straßengräben: Beides gehört wohl zusammen: Erst geilten sich die Männer mit den Heften auf und dann verfolgten sie spazieren gehende Frauen, die sich daraufhin ihrer Schuhe entledigten, um schneller flüchten zu können. Auch in der Stadt ist man vor solchen Scheißkerlen nicht sicher, die besoffen herumgrölen, alles verdrecken und überall hinpissen oder irgendwelche Leute überfallen, und sei es mit unsittlichen Anträgen, ich weiß das aus eigener Erfahrung als nächtlicher Fußgänger. Man sollte dem ganzen männlichen Amüsierpöbel verbieten, nach 22 Uhr noch aus dem Haus zu gehen.

Eine Katastrophe für die Wirtschaft

Das Gehen in welcher Form auch immer wird einem, mehr noch als von diesen „Men in Sportswear“, von den kapitalistischen Fortschrittlern verübelt. Für den General Direktor der internationalen Euro Exim Bank Ltd. sind Leute, die zu Fuß gehen, sogar schlimmer als Radfahrer, sie mieten sich nicht einmal ein E-Bike: „Ein Radfahrer ist bereits eine Katastrophe für die Wirtschaft des Landes: Er kauft keine Autos und leiht sich kein Geld, um zu kaufen. Er zahlt nicht für Versicherungen. Er kauft keinen Treibstoff, zahlt nicht für die notwendigen Wartungsarbeiten und Reparaturen. Er benutzt keine bezahlten Parkplätze. Er verursacht keine schweren Unfälle.

Er benötigt keine mehrspurigen Autobahnen. Er wird nicht fett. Gesunde Menschen sind weder gebraucht noch nützlich für die Wirtschaft. Sie kaufen keine Medizin. Sie gehen nicht in Krankenhäuser oder zu Ärzten. Dem Bruttoinlandsprodukt des Landes wird nichts hinzugefügt. Ganz im Gegenteil, jedes neue McDonald’s Restaurant schafft mindestens 30 Arbeitsplätze: 10 Kardiologen, 10 Zahnärzte, 10 Diätexperten und Ernährungsberater und all die Menschen, die im Restaurant arbeiten.“ Für letztere gilt im Übrigen, dass sie in einer Schicht bis zu 30 Kilometer gehen.

Man sagt, der aufrechte Gang wird zuletzt gelernt. Aber er wird auch zuerst wieder gebeugt: an der Schulbank, am Büroschreibtisch oder bei schwerer körperlicher Arbeit. Die englische Anthropologin Elaine Morgan hat die Theorie aufgestellt, dass es die Frauen waren, die sich als erstes aufrichteten, indem sie ins Wasser gingen, wo sie vor Raubfeinden sicher waren und Meeresfrüchte sammelten. Währenddessen bekamen sie eine glatte, unbehaarte Haut, veränderten sogar ihre weibliche Anatomie und wurden intelligent und verspielt. Ihre unter Wasser geborenen Kinder können sofort schwimmen. Das Gehen an Land müssen diese dagegen wie alle Kinder mühsam lernen. Und „irgendwann fallen sie alle um“, wie eine Altenpflegerin weiß.

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