UN-Geberkonferenz für Afghanistan: Größter Hilfsappell aller Zeiten

Die UN wollen 4,4 Milliarden für die humanitäre Krise sammeln. Die Geberländer haben durch ihre Blockade den Hunger im Land aber mitzuverantworten.

Frauen mit und ohne Burka stehen in einer Warteschlange

Frauen warten auf die Auszahlung von Geldern, die das World Food Programm organisiert hat Foto: Petros Giannakouris/ap

Die Vereinten Nationen haben am Dienstag ihren größten jemals gestarteten Hilfsappell für ein einzelnes Land lanciert. Für Afghanistan werden nach Angaben der Organisation mehr als 4,4 Milliarden Euro benötigt. Damit sollen die 22 Millionen Af­gha­n:in­nen unterstützt werden, die bereits jetzt ohne humanitäre Hilfe nicht überleben können. Ihre Zahl ist gegenüber dem Vorjahr um ein Drittel gestiegen.

Martin Griffiths, UN-Koordinator für Krisenhilfe, und UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi sprachen auf der gemeinsamen Pressekonferenz von „einer der weltweit am schnellsten wachsenden humanitären Krisen“. Laut UN leiden bereits jetzt 4,7 Millionen Menschen, davon 3,9 Millionen Kinder, an „schwerer Unterernährung“. Immerhin haben sich den UN zufolge mit Ende des Krieges die Sicherheitslage verbessert, wodurch sich der Zugang zu den Hilfsbedürftigen verbessert.

In Afghanistan wurden 2021 mit dem Krieg, der im Sommer in dem Kampf um Kabul und die 33 anderen Provinzhauptstädte kulminierte, 690.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben. Die Zahl der durch den Krieg binnenvertriebenen Af­gha­n:in­nen wuchs damit auf insgesamt 3,5 Millionen. Neben dieser Gruppe sollen die Gelder auch afghanischen Geflüchteten und 1,7 Millionen Menschen in den beiden Hauptaufnahmeländern Pakistan und Iran sowie in Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan zugute kommen. Insgesamt leben dort laut UN 6,2 Millionen afghanische Flüchtlinge. Die UN wollen für ihre Hilfen mit 24 Nichtregierungsorganisationen (NRO) aus aller Welt kooperieren.

Allerdings handelt es sich in Afghanistan nicht nur um eine Hunger- und Flüchtlingskrise. „Millionen Kinder gehen nicht zur Schule, die fundamentalen Rechte von Frauen und Mädchen werden angegriffen, Bauern und Viehhalter kämpfen mit der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten, und die Wirtschaft befindet sich in freiem Fall“, so Grandi und Griffiths. Trotz des Endes des Kriegs zeige die humanitäre Lage „keine Anzeichen von Verbesserung“. „Wo immer wir hingehen, finden wir Tausende mehr Menschen, die Hilfe brauchen“, sagte Babar Baloch, ein UN-Sprecher in Genf, der Washington Post. „Sie haben ihre Jobs verloren und keine Ersparnisse, und ihre Überlebenssysteme kollabieren.“

Dafür sind die Geberstaaten verantwortlich, die nach ihrem Scheitern und Rückzug aus Afghanistan eine Finanzblockade gegen das Talibanregime verhängten. Afghanische Geldreserven im Ausland wurden blockiert, Gehälter von Leh­re­r:in­nen und Gesundheitspersonal konnten nicht mehr bezahlt werden. Internationale Banken überwiesen aus Furcht vor US-Strafen auch Gelder nichtstaatlicher Hilfsorganisationen nicht mehr nach Afghanistan, was reihenweise Projekte zum Stillstand brachte. Jan Egeland, Chef des Norwegischen Flüchtlingsrats, twitterte gestern deshalb, der UN-Appell werde „bedeutungslos bleiben, wenn die Außenwelt und die Taliban nicht rapide sicherstellen, dass Bargeld ins Land kommt“.

Hilfe kommt nicht durch

Mit dem Appell versuchen die Geberländer über die UN nun, ihr eigenes Embargo zu umgehen, das nicht in erster Linie die Taliban, sondern die Bevölkerung traf. Bereits im Dezember beschloss der UN-Sicherheitsrat einstimmig, dass Gelder für humanitäre Zwecke wieder nach Afghanistan überwiesen werden dürfen, vorausgesetzt, die kommen nicht direkt den Taliban zugute.

Die Taliban stimmten zu, dass Hilfsgelder nicht über Regierungskanäle laufen. So sollten auch bereits die Gehaltskosten für das bisher über die Weltbank finanzierte staatliche afghanische Gesundheitssystem bezahlt werden. Zuvor mussten sich selbst UN-Organisationen umständlich beim US-Finanzministerium um Ausnahmegenehmigungen bemühen. Kleinere Hilfsgruppen waren damit hoffnungslos überfordert.

Sowohl NROs als auch deutsche Hilfegruppen berichteten, dass in den vergangenen Tagen Überweisungen wieder nicht durchkamen. Betroffene in Afghanistan berichteten der taz von höchstens sporadischen, aber keineswegs landesweiten Gehaltszahlungen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) warnte am Freitag, 90 Prozent aller afghanischen Kliniken stünden wegen des US-initiierten Embargos vor dem Kollaps. Immerhin bestätigte eine afghanische Privatbank am Montag das Eintreffen eines 32-Millionen-Dollar-Pakets an Hilfsgeldern.

In den letzten Wochen hatten die Taliban mehrmals Proteste, darunter von Frauen, zugelassen, wenn diese auch die Forderung nach Freigabe der eingefrorenen Gelder artikulierten. In Kabul gab es aber auch am Dienstag wieder Taliban-kritische Straßenproteste mit Forderungen nach Arbeit und Frauenrechten. Zudem tauchten an Mauern Inschriften mit ähnlichen Forderungen auf.

IKRK-Direktor Robert Mardini forderte die Staatengemeinschaft auf, zur Überwindung der Krise mit den Taliban zu verhandeln. „Keine humanitäre Organisation kann die Wirtschaft eines Landes ersetzen“, sagte er. Auch nicht die UN.

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