Türkische Journalistin untergetaucht: Zu kritisch für Erdoğan

Nachdem die Polizei gewaltsam in ihre Wohnung eindrang, ist die Journalistin Arzu Yıldız untergetaucht. Sie fürchtet, gedemütigt zu werden.

Die türkische Journalistin Arzu Yildiz mit ihrer ältesten Tochter

Die türkische Journalistin Arzu Yıldız mit ihrer ältesten Tochter Foto: privat

ISTANBUL taz | Am Montagmorgen gegen 6.00 Uhr klopften vier Zivilpolizisten an der Wohnungstür von Arzu Yıldız in Ankara. Dann wurde die Tür gewaltsam geöffnet. Durch Zufall war die Journalistin nicht zu Hause, sondern hatte mit ihren Kindern bei ihren Eltern übernachtet. Ihre Nachbarn informierten sie über das Eindringen der Polizei. Seitdem, so berichtet ihre Familie, ist Arzu Yıldız aus Angst, festgenommen zu werden, zusammen mit ihrem Vater abgetaucht.

In Deutschland und in der Türkei ist Arzu Yıldız eine bekannte Journalistin, besonders wegen eines Gerichtsverfahrens im Mai dieses Jahres. Yıldız war zu 20 Monaten Haft verurteilt worden, weil sie über ein Ermittlungsverfahren wegen Waffenlieferungen aus der Türkei für Extremisten in Syrien berichtet hatte.

Wegen Berichten über dieselben Ermittlungen waren auch die Cumhuriyet-Journalisten Can Dündar und Erdem Gül verurteilt worden. Neben der 20-monatigen Freiheitsstrafe entzog das Gericht der Journalistin auch das Sorgerecht für ihre beiden Töchter. Daraufhin hatte Yıldız angekündigt, das Urteil anzufechten.

Yıldız’ Anwalt Alp Değer Tanrıverdi bestätigt das Eindringen der Polizei. Er habe mit Yıldız wenige Stunden nach dem Vorfall am Montag gesprochen. Wo die Journalistin sich zur Zeit aufhält, wisse er nicht, so Tanrıverdi. Sie sei gegenwärtig nicht zu erreichen. Unklar sei auch, ob sie sich immer noch in der Türkei oder im Ausland befinde. „Ich weiß es nicht, aber auch wenn ich es wüsste, könnte ich diese Information am Telefon nicht mitteilen.“

Angst vor Demütigung

Tanrıverdi betont, das Eindringen der Polizei sei keine unmittelbare Folge der Verurteilung im Mai. „Den Grund kennen wir nicht, aber es hängt wahrscheinlich mit dem Putsch zusammen.“ Yıldız habe nichts zu verbergen und auch keinen Grund abzutauchen. Vielmehr befürchte Yıldız, durch die Polizei gedemütigt zu werden, so der Anwalt.

„Die letztlich festgenommenen Richter und Staatsanwälte wurden ohne Bekleidung mit Handschellen gefesselt. Frauen und Männer standen zusammen, nur in Unterwäsche. Sie wollte nicht auf diese Art und Weise festgenommen werden.“

Seit dem gescheiterten Militärputsch in der Nacht von Freitag auf Samstag liegen in der Türkei Festnahmebefehle gegen 2.854 Staatsbeamte vor, denen vorgeworfen wird, dem Prediger Fethullah Gülen nahezustehen. Präsident Recep Tayyip Erdoğan macht Gülenisten für den Putschversuch verantwortlich. Die türkische Presse hatte zuletzt Fotos von festgenommenen hochrangigen Soldaten in Unterwäsche und Handschellen veröffentlicht.

Yıldız sei keine Gülenistin, sagt ihr Anwalt. Auf der Nachrichtenseite Haberdar.com, bei der sie als Hauptstadt-Korrespondentin arbeitet, habe Yıldız den Putsch stark kritisiert. Nach dem 15. Juli sind Haberdar.com und andere, vor allem regierungskritische Nachrichtenseiten, gesperrt worden. Tanrıverdi vermutet deshalb, dass Yıldız als regierungskritische Journalistin und nicht als mutmaßliche Gülen-Anhängerin festgenommen werden sollte.

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