Tuareg in Mali

Der Traum vom eigenen Staat

Vor einem Jahr riefen die Tuareg in Mali einen eigenen Staat aus. In den Flüchtlingslagern von Burkina Faso halten Rebellen die Idee der Unabhängigkeit am Leben.

Kartenspielen ist für viele nach Burkina Faso geflüchtete Tuareg die einzige Ablenkung von der Frag: Wann können wir zurück nach Mali? Bild: Katrin Gänsler

DJIBO taz | Der Wind pfeift durch die offene Hütte aus Holzpfählen und einem Dach aus Strohmatten. Er bläst den Männern, die unter dem Sonnenschutz hocken, Sand ins Gesicht. Drumherum stehen ein paar einzelne Bäume und Sträucher – und seit einem Jahr auch Tausende Zelte. Die meisten haben Hilfsorganisationen aus großen, weißen Plastikplanen gebaut, um den Ansturm der Flüchtlinge aus dem Nachbarland Mali zu meistern.

Allein nach Mentao-Süd, das zum Lager Mentao im äußersten Nordwesten von Burkina Faso gehört, kamen im vergangenen Jahr mehr als 12.000 Menschen. Noch heute erreichen mehrmals pro Woche neue Flüchtlinge das Camp. Sie kommen aus dem Norden Malis – trotz der seit Januar laufenden französischen Militärintervention.

Almahili Ag Almouwak sitzt auf dem Boden und streicht schweigend den feinen Sand von der Matte. Um den stellvertretenden Präsidenten des Flüchtlingslagers Mentao-Süd herum haben sich zwanzig Männer versammelt. Sie treffen sich regelmäßig, trinken Tee und spielen Karten. Ein Mann tippt auf seinem alten Nokia-Handy herum. Wie viele der anderen Flüchtlinge stammt er aus Timbuktu. In der historischen malischen Stadt leben noch heute viele Verwandte. Doch oft klingelt sein Handy nicht, und ihm selbst fehlt das Geld, um sich Gesprächsguthaben zu kaufen.

Ag Almouwak schaut den Kartenspielern über die Schulter. Vor ihnen liegen ein paar Halme aus Stroh – ihr Einsatz. Um Geld zu spielen, könnte sich niemand leisten. Die Flüchtlinge leben von den Spenden der Hilfsorganisationen. Als die Karten für die nächste Runde ausgeteilt werden, wird es für einen Moment laut. Einer der Männer ruft etwas auf Tamaschek, der Sprache der Tuareg. Dann schweigen sie wieder. Meistens spielen die Männer hier stundenlang. Irgendetwas müsse man machen, sagt Almahili Ag Almouwak.

Das Handy klingelt nicht

Es zehrt an ihm wie an den übrigen Flüchtlingen – die ständige Warterei. „Wir sind müde“, sagt er. Seit 14 Monaten lebt er mit seiner Familie, zu der knapp 30 Personen gehören, schon in Burkina Faso. Über die Regierung will er nichts Schlechtes sagen. „Wir sind gut aufgenommen worden. Vor allem sind wir hier in Sicherheit. Und Schwierigkeiten mit anderen ethnischen Gruppen haben wir auch nicht.“ Doch die Zeit im Nachbarland bedeutet für Almahili Ag Almouwak auch: Untätigkeit und keinerlei Einkommen.

Er blickt auf den staubigen Weg neben der Hütte. Ein paar Ziegen marschieren vorbei. In der Ferne schreit ein Esel. Ziegen und ein paar Esel, das ist alles, was den Flüchtlingen noch geblieben ist. Ansonsten haben die meisten nur etwas Kleidung, Kochgeschirr und ein paar Matten zum Schlafen. Alles andere, die Kamele und die übrigen Besitztümer, mussten sie in Mali zurücklassen. Ob ihre Häuser, die viele Nomaden mittlerweile auch gebaut haben, überhaupt noch stehen, weiß niemand.

Auf die Frage, wann sie das möglicherweise überprüfen könnten, schweigt Ag Almouwak einen kurzen Moment. Um ihn herum wird es still, und die übrigen Männer schauen ihren Vizepräsidenten gespannt an. „Ich weiß es wirklich nicht“, sagt er schließlich und streicht wieder etwas Sand von der Matte. Für den Vizelagerpräsidenten ist die Rückkehr nach Mali nicht nur an Sicherheit geknüpft, sondern an eine wichtigere Bedingung: Er will nur zurück in seine Heimat, wenn Azawad endlich als eigener Staat der Tuareg anerkannt wird.

Malis Tuareg-Rebellenbewegung MNLA (Nationale Befreiungsbewegung von Azawad) hatte ihren Staat am 6. April 2012 ausgerufen. Der MNLA, die sich als Kämpfer für Rechte und Interessen der Tuareg sieht, war es gelungen, nach und nach den Norden Malis zu erobern. Die Regierungstruppen wirkten ratlos. Am 22. März putschten sie in der fernen Hauptstadt Bamako. Gut zwei Wochen später nutzte die MNLA das politische Durcheinander und erklärte den Norden des Landes zum eigenen Staat, der allerdings nie wirklich mit eigenen Institutionen entstand und auch nirgends anerkannt wurde.

Islamistische Gruppierungen

In Mentao-Süd, jenseits der Grenze, lebt die Idee von Azawad weiter, obwohl sie in den vergangenen Monaten aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist. Denn kurz nach der Ausrufung von Azawad übernahmen radikale islamistische Gruppierungen den äußerst dünn besiedelten Norden Malis, und die MNLA hatte kaum noch Einfluss. Die Tuareg-Rebellen gerieten in den Verdacht, als Steigbügelhalter für die Islamisten gewirkt zu haben. Manche Tuareg, die nach Bamako geflüchtet waren, distanzierten sich von der MNLA.

Oumar Ag Sidi schüttelt verärgert den Kopf. Er ist der Flüchtlingspräsident und hat der Diskussion um Azawad eine Zeit lang zugehört. Der große, bullige Mann trägt Jeans und Sonnenbrille und kippelt auf einem der wenigen Plastikstühle in der Hütte hin und her. Dass auch nur ein einziger Tuareg sich gegen die MNLA oder Azawad ausspricht, hält er für absurd. „Die MNLA, das sind doch auch wir. Sie kämpft für unsere Ziele. Sie vertritt uns.“ Er tut so, als ob er verärgert ausspuckt. Dass im Norden Malis nicht nur Tuareg, sondern auch viele andere ethnische Gruppen leben, dass es nie ein Referendum oder auch nur eine repräsentative Umfrage über eine Unabhängigkeit gegeben hat, auf all das geht er nicht ein. Stattdessen schüttelt er Ansari Mohammed Dit Hima die Hand und begrüßt ihn.

Ansari Mohammed Dit Hima ist zu Fuß über den staubigen Sandweg zur Hütte gekommen. Der Gast fällt auf im Flüchtlingslager. Er ist klein und trägt anders als die übrigen Männer keine typische traditionelle Tuareg-Kleidung, sondern ein weißes, frisch gewaschenes Hemd, ein weißes T-Shirt darunter und schwarze Jeans. Er spricht akzentfreies Französisch. Nach der Begrüßung stellt er sich mitten in die Hütte und hält auf Tamaschek, der Tuareg-Sprache, eine flammende Rede für die MNLA.

Niemand tippt mehr auf einem Handy herum. Die Spieler haben ihre Karten auf einen Stapel gelegt und hören schweigend zu. Manchmal klatscht jemand. Manchmal wird kurz diskutiert. Am Ende präsentiert der Redner eine Liste. Wer schreiben kann, soll unterzeichnen. Es ist so etwas wie eine Unterstützerliste für die MNLA.

Die Fahne weht wieder

Was der Redner genau gesagt hat und was mit den Unterschriften später gemacht werden soll, das will er nach seinem Vortrag nicht konkret erzählen. Er hat sich hingesetzt, spricht nun ein wenig leiser und druckst herum. „Unterstützung für die MNLA. Sie darf nicht vergessen werden, und sie dürfen uns nicht vergessen“, sagt Ansari Mohammed Dit Hima. In deren Auftrag zieht er Tag für Tag durch die Flüchtlingscamps.

Die Frage um Azawad und die Tuareg war über Monate mehr oder weniger in Vergessenheit geraten, als nur noch die Islamisten im Norden Malis den Ton anzugeben schienen. Seit der Vertreibung der Islamisten durch französische Truppen rückt sie nun wieder in den Vordergrund. Die MNLA zeigt Präsenz, ihre Fahne weht wieder. Vor allem aber wird auf internationaler Ebene über die Belange der Tuareg gesprochen. Klar ist mittlerweile auch vielen Politikern in Bamako: Es muss eine nachhaltige Lösung für die Probleme Nordmalis gefunden werden. Denn sonst könnte es ganz schnell wieder zur nächsten Tuareg-Rebellion kommen.

Ansari Mohammed Dit Hima wedelt mit seinen Unterschriftenlisten. Eine Lösung, die von Malis Regierung kommt, will der MNLA-Aktivist nicht. Er will auch die Wahlen nicht, die in Mali für Anfang Juli geplant sind, und vor allem will er keine Gremien, in denen über die Integration der Tuareg in den malischen Staat gesprochen wird. Er will einfach Azawad, den eigenen Staat. Seine Augen kneift er zu schmalen Spalten zusammen und fährt mit seinem rechten Zeigefinger in die Luft. „Wenn ihr anfangt, euch über die Anerkennung von Azawad Gedanken zu machen und die MNLA als Verhandlungspartner akzeptiert, dann könnten wir wieder zurück.“

Ansari Mohammed Dit Hima steht auf. Kurz vor Mittag will er weiterziehen, ins nächste Camp. Auch die übrigen Männer verlassen langsam die Hütte und gehen zu ihren Zelten zurück. In der Mittagshitze ist die Temperatur auf mehr als 40 Grad angestiegen. Almahili Ag Almouwak winkt zum Abschied. „Wenn Azawad anerkannt wird, dann könnten wir heute Abend unsere Sachen packen und zurückkehren.“

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