: Trotz allem. Wegen allem
Die queere Community trauerte eine Woche lang mit mehr Würde als die meisten, die ihr Beileid schickten. Jetzt muss sich zeigen, ob das „Wir“ mehr sein kann als ein Wort
Von Stefan Hunglinger
Sieben Tage. Sieben Tage lang, so will es die jüdische Tradition, soll der Mensch in Ruhe trauern können. Um die toten Eltern oder Kinder, Partner:innen oder Geschwister. Die Gemeinschaft soll zusammensitzen, nah an der Erde – und jeden Spiegel im Haus mit einem Tuch verhängen. Denn in den sieben Tagen des Schivasitzens darf es keine Eitelkeit geben. Würde das doch nur gelten für die ganze Gesellschaft.
Eine Mutter aus Warschau ist tot, ihre Tochter und viele queere Geschwister sind schwer verletzt, weil ein Islamist seine Waffen gegen den Christopher Street Day im Berliner Tiergarten richtete. Die in Jahrzehnten mühsam erkämpfte, ohnehin relative Selbstverständlichkeit queeren Lebens in Berlin, in Deutschland und in Europa, auch sie ist schwer verletzt seit dem vergangenen Samstag.
Und trotzdem kam die queere Gemeinschaft schon Stunden nach der Tat zusammen, um zu trauern, vielerorts, aber auch ganz nahe dem Tatort, wo man tags zuvor noch tanzte, wieder exponiert, mit Tränen in den Augen, mit beeindruckender Ruhe. Mit Klarheit und Verstand.
„Islamismus ist per se queerfeindlich, freiheitsverachtend. Islamismus tötet“, sagte die Dragqueen Barbie Breakout am Sonntag bei der Mahnwache vor dem Brandenburger Tor. Aus dem Geschehen aber dürfe nun kein Argwohn entstehen gegen muslimische Mitmenschen. Tosender Applaus.
Muslimische Queers sprachen dann, neben jüdischen und vielen anderen, und die Eitelkeiten, die es sonst gibt, auch zwischen den LGBTQI-Fraktionen, deckten sie zu – mit einem großen Regenbogentuch. Doch die Social-Media-Bewirtschafter:innen ließen die Queers nicht in Ruhe trauern.
Die Sonne war noch nicht einmal untergegangen über dem ersten Tag der Trauer, da knipsten sie schon die Ringlichter an. Ihre Gesichter zeigten keine Tränen, keine Sorge – sie zeigten Häme.
Unbeschwert von Recherchen, uninteressiert an der Polizei- und Regierungsverantwortung, bestimmten sie sofort, wenn nicht zur Ursache des Anschlags, dann zum vordringlichsten Problem: eine Verharmlosung des Islamismus von queerer und von linker Seite.
Esoterikinfluencerinnen, rechte Motivationstrainer, US-Conservatives, afrikanische Evangelikale, sonst nicht bekannt für ihre Unterstützung queeren Lebens, hatten nun etwas zu sagen. Die schockierte Rede der Sängerin Nyya auf der Berliner Mahnwache zogen sie durch den Dreck. Videobilder von Anschlägen anderswo schnitten sie wild zusammen mit Berliner Material und künstlich generiertem. Debatten vermischten sie auf die widerwärtigste Art. Queers for Palestine? Refugees welcome? Das habt ihr jetzt davon, so der Tenor. Pauschal. Rassistisch. Menschenverachtend.
Der Comedian Daniel-Ryan Spaulding postete gar ein Foto des Tatorts, daneben das Emoji von klatschenden Händen: „There’s your Intifada Revolution, Berlin“. Selbst schuld.
Und in den islamistischen Ecken des Internets die Spiegelung. Applaus für den Täter. Selbst schuld, ihr Perversen.
Abgeordnete, im Bundestag ganz rechts sitzend, sonst für jede Queerfeindlichkeit zu haben, holten ganz schnell ihre Hellblaupause heraus: Alle abschieben! Als ob der Täter nicht Deutscher gewesen wäre. Als ob der Anschlag nicht das Landtagswahlkampfgeschenk gewesen wäre, auf das sie gehofft hatten. Die Springer-Presse schnurrte eitel.
Abertausende Nachrichten schrieben sich währenddessen Queers überall. Warst du dort? Wie geht es dir? Hast du jemanden bei dir? Es ist wichtig, in den sieben Tagen der Trauer nicht alleine zu bleiben. War auf einer Mahnwache, so manche Antwort, bin am See, durchschnaufen. Putze das Bad. – Hahaha, ich putze auch gerade … Queere Bewältigungsstrategien. Bei vielen kam noch die Sorge um die Verwandten dazu, in der Ukraine oder andernorts.
Der Bundeskanzler verstand zumindest, dass die Tage der Trauer nach Ruhe verlangen. Bei einem interreligiösen Gottesdienst in Berlins Mitte sprach Friedrich Merz ungewohnt zurückhaltend, er wollte wohl betroffen wirken in der Marienkirche. Und empathisch.
Dass er penetrant „Damen und Herren“ adressierte, wenn gerade die Genderqueeren unter den Zuhörenden gefährdet sind? Geschenkt. Merz sprach völlig zu Recht davon, dass nicht erst ein tödlicher Anschlag die Freiheit gefährde, sondern dass das Problem bei Ausgrenzung und Diskriminierung beginne, bei „dummen Redensarten und schlechten Witzen“. Allein: Für viele Trauernde klang das wie Hohn.
Hatte Merz denn nicht über das Schwulsein des Ex-Bürgermeisters von Berlin gesagt: „Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal.“ Hatte er nicht 2020 gesagt, die sexuelle Orientierung sei Privatsache, nur um sofort darauf das alte Ressentiment zu bedienen: „Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft.“
Hatte der Regierungschef nicht, noch 2025, auf Forderungen, zum CSD wieder die Regenbogenfahne auf dem deutschen Parlament zu hissen, erwidert: „Der Bundestag ist kein Zirkuszelt!“ Als ob Queers Zirkuspferdchen wären. Hatte seine Regierung nicht den Aktionsplan „Queer leben“ beendet, und das nach einer ganzen Reihe von rechten Angriffen auf queere Veranstaltungen im vergangenen Jahr?
Manche klatschten nach Merz’ Rede in der Marienkirche, andere, junge wie alte Queers, fanden seinen Auftritt von vornherein heuchlerisch und verließen den Gottesdienst. Dass der Kanzler nur dazu fähig war, ganz allgemein von einem „Angriff auf uns alle“ zu sprechen, mag auch eine Rolle gespielt haben für ihren Protest. Denn wer sind denn alle? Auch die, die jetzt feixen im Netz? Die Abgeordneten, Landrätinnen und Bürgermeister, die CSDs in ihren Kommunen nicht unterstützen, gar sticheln dagegen? Wurden die auch angegriffen?
In den U-Bahnen und Bussen waren in dieser Woche mutige T-Shirts und Stoffbeutel zu sehen: „Ihr macht mich nur noch schwuler“, „We’re here, we’re queer, get used to it“. Die Münchner Journalistin Lena Bammert schrieb trotzig: „Lesbisch zu sein ist die schönste Erfahrung, die ich in diesem Leben machen darf.“
Der Kanzler besuchte den Tatort im Tiergarten. Mit seinem CSU-Innenminister, der sich nun mit dem Vorwurf eines „sicherheitspolitischen Staatsversagens“ auseinandersetzen muss. Den zumindest hat der LSVD+-Verband Queere Vielfalt erhoben. Vielleicht denkt Alexander Dobrindt jetzt auch noch einmal nach über sein „Sonderregister“ für trans Menschen. Karin Prien war ebenfalls dabei am Tatort, die als Familien- auch irgendwie Queerministerin ist. Auch wenn sie diesen Titel bestimmt ablehnen würde. Prien blieb ebenfalls ruhig in dieser Trauerwoche, zu ruhig, wenn es nach vielen Queers geht.
Vielfalt sehe sie nicht als staatliches Förderziel, hatte Prien im März in der taz gesagt und unter anderem queeren Projekten auf dem Land die Gelder gekürzt. Dem queeren Jugendnetzwerk Lambda strich sie nach 36 Jahren die Förderung, noch wenige Tage vor dem CSD. Das Geld soll mehr in Richtung „Mitte der Gesellschaft“ fließen. Queere und Konsorten verortet Prien wohl am Rand.
Essen und trinken, so sieht es die jüdische Trauerwoche vor, tröstet. Und die Queers trafen sich an jedem Abend dieser Woche, sie gönnten sich Senfeier oder Pommes und tranken Kaffee zusammen und Bier und Aperol Spritz, und ihre Orte, etwa der Südblock im auch muslimisch geprägten Kreuzberg, waren voll. Trotz allem. Wegen allem. Nachbar:innen klingelten an Türen auch in Chemnitz und Köln. „Wie geht es dir? Ich habe Bananenbrot gebacken, willst du ein Stück?“
Auch Karin Prien blieb nach dem Anschlag vage. „Wer Menschen angreift, die für Vielfalt, Freiheit und gegenseitigen Respekt einstehen, greift uns alle an“, sagte sie. Ist das so? Ein Angriff auch auf jene, die in ihrem Ministerium oder Bundesland das Gendersternchen verboten haben?
Ganz ähnlich die erste Frau im Staat, CDU-Bundestagspräsidentin Julia Klöckner: „Wer Menschen attackiert, die für Freiheit, gleiche Rechte und Vielfalt einstehen, greift die Grundlage unseres demokratischen Gemeinwesens an.“ Der SPD-Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach von einem „Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben“. Vom Linken Bodo Ramelow kam ganz global: „Es ist ein Anschlag auf eine offene Welt.“
Foto: Michael Danner/laif
War das ein Angriff auch auf den cis Heterotyp, dem egal ist, was „die da“ im Schlafzimmer machen, solange sie es ihm nicht unter die Nase reiben? Oder die vielen Duckmäuser, die die Klappe halten, wenn am Arbeitsplatz gewitzelt wird?
Niemand, so steht es recht weit vorn im Grundgesetz, „darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“. Ein bitterer Satz, er bildet die Opfergruppen des Nationalsozialismus ab. Die SPD will ihn schon lange erweitern: um den Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen und geschlechtlichen Identität. Auch Queers wurden schließlich verfolgt von den Nazis, der berüchtigte Paragraf 175 stand noch bis 1994 im Strafgesetzbuch. Der deutsche Staat hat also etwas gutzumachen bei seiner queeren Bevölkerung.
Für die Zweidrittelmehrheit, die es dafür im Bundestag braucht, stellten sich Linke und Grüne in dieser Trauerwoche bereit. Eine Verfassungsänderung ersetzt keine Präventionsarbeit, keine Schutzkonzepte oder ausreichende Fördermittel. Sie verhindert keinen Anschlag. Doch sie würde signalisieren: Wir haben verstanden, wir gehen nicht zur Tagesordnung über.
Gratis wäre diese Geste für die Union und doch nicht umsonst. Sie wäre ein Zeichen: Was wir in der Trauerwoche nicht explizit sagen konnten, schreiben wir fest. Einfach, weil es richtig ist. „Wir werden alles tun“, hatte der Kanzler immerhin versprochen. „Alles.“
Die Grundgesetzänderung ist eine zentrale Forderung des CSDs in Hamburg. Mit ihm endet am Samstag die Woche der Trauer. Queers, die muslimischen und jüdischen und christlichen und alle anderen, werden die Asche aus ihren Kleidern schütteln, Glitzer auftragen und auf die Straße gehen. Trotz allem, wegen allem. Es wird diesmal anders sein. Es wird eine große Demo gegen Islamismus sein. Und gegen die rechte Hetze. Hamburg und die vielen kleinen CSDs, die noch anstehen, werden zeigen, wer jetzt noch an der Seite der Queers tanzt.
Aber erst die Tage nach der Demo werden wirklich zeigen, ob all die Solidaritätsbekundungen mehr waren als Eitelkeit.
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