Trotz Boykott und Protesten beim ESC: Warum Israel in Wien so erfolgreich war
Unerwartet viele Zuschauer stimmten für Noam Bettan. Der Erfolg verdankt sich dem Voting-System, gezielter Werbung – und seinem Song „Michelle“.
KNA / taz | Es war das beherrschende Thema des diesjährigen Eurovision Song Contest: die Proteste um die Teilnahme Israels. Gleich fünf Länder boykottierten den Musikwettbewerb, schon im Halbfinale erntete Israels Auftritt einige Buh-Rufe, und am Samstag vor dem Finale demonstrierten Hunderte Menschen vor der Wiener Stadthalle. Doch am Ende stand Israel mit „Michelle“ von Noam Bettan kurz vor dem Sieg, weil es sehr viele Zuschauerstimmen sammelte – was ebenfalls mit Buh-Rufen quittiert wurde. Erst im letzten Moment landete Israel nur auf dem zweiten Platz. Wie passt das zusammen?
Eine maßgebliche Ursache für Israels Erfolg dürfte wohl im Abstimmungsverfahren des ESC liegen. Die Punktevergabe speist sich neben den Wertungen von Fachjurys eines jeden Landes (Juryvoting) zudem aus den Stimmen der Zuschauer (Televoting). Diese werden durch Anrufe gemessen – und hier setzt eine der Erklärungen an: Es ist wesentlich einfacher, für ein Land abzustimmen, als explizit gegen ein Land.
Während die Befürworter des israelischen Beitrags – sei es aus politischen oder rein musikalischen Gründen – gezielt und relativ einfach bis zu zehn Mal pro Gerät für Israel anrufen konnten, hätten sich die Protestler untereinander abstimmen müssen, wen sie stattdessen unterstützen. Die Stimmen einfach nur auf beliebige andere Länder zu verteilen, das hätte keinen nennenswerten Effekt gehabt. Die Israel-Supporter waren gegenüber den Gegnern also im klaren Vorteil.
Wenige Anrufer reichen für zwölf Punkte
Auch deshalb sicherte sich das Land beim reinen Televoting mit 220 Punkten den dritten Platz, hinter Rumänien (232) und dem Siegertitel aus Bulgarien (312). In sechs Ländern, darunter auch Deutschland, gab es für Israel mit zwölf Punkten die Höchstwertung vom Publikum.
Schon im vergangenen Jahr schnitt Israel beim ESC im Televoting stark ab, sicherte sich mit 297 Punkten sogar die meisten Stimmen der Zuschauer. Damals konnte man noch 20 Mal pro Gerät anrufen. Weil das zu einer hitzigen Debatte und Manipulationsvorwürfen führte, wurden die ESC-Regeln in diesem Jahr geändert.
Die detaillierten Abstimmungszahlen von 2025 zeigen, wie schon verhältnismäßig wenige Anrufer einzelnen Ländern zu vielen Punkten verhelfen können. Wie die New York Times berichtete, warb Israels Regierung damals mit einer massiven Kampagne unter anderem in sozialen Netzwerken für seine damalige Teilnehmerin, die Sängerin Yuval Raphael.
Die Israelin erhielt mit ihrem Song „New Day Will Rise“ im vergangenen Jahr etwa 33,3 Prozent aller Stimmen aus dem spanischen Televoting. Die Ukraine landete im spanischen Televoting auf Platz zwei – mit nur 6,7 Prozent der Stimmen. Für dieses klare Ergebnis hätten rechnerisch schon etwa 2.400 Spanier gereicht, die alle ihre 20 Stimmen für Israel verwendeten. Auch deshalb wurde für den diesjährigen ESC die Zahl der möglichen Anrufe auf zehn reduziert.
Werbekampagnen für Israels Beiträge
Ein weiterer Grund für das gute Abschneiden im Televoting dieses und vergangenes Jahr könnte an der Werbung für Israels Beiträge gelegen haben. Laut Medienberichten hatte die israelische Regierung 2025 viele Online-Anzeigen in mehreren Sprachen geschaltet, in denen dazu aufgerufen wurde, alle 20 Stimmen für Israel abzugeben.
In diesem Jahr waren Aufrufe, die explizit für ein wiederholtes Anrufen für nur ein Land warben, untersagt. Doch Anfang Mai wurde vielen Nutzern der Videoplattform Youtube ein Werbevideo angezeigt, in dem der israelische Sänger Noam Bettan selbst dafür warb, alle zehn Stimmen für Israel zu nutzen. Die Europäische Rundfunkunion (EBU), die den ESC organisiert, hat den israelischen Sender KAN dafür verwarnt. Die Videos wurden gelöscht. Dafür warb etwa die Deutsch-Israelische Gesellschaft bei ihren bundesweit 10 000 Mitgliedern aktiv darum, bis zu zehn Mal für den israelischen Beitrag zu votieren.
Guter Gesang, großes Bühnenbild
Doch nicht zuletzt erklärt auch der israelische Song selbst sein erfolgreiches Abschneiden – der Beitrag war schlicht gut geeignet für den ESC. Über Geschmäcker mag man streiten, doch Bettan konnte gesanglich überzeugen und auch das Bühnenbild mit einem riesigen Diamanten war stimmig. Das zeigten auch die Ergebnisse der Jurys: Aus vielen Ländern erhielt Israel vereinzelt Punkte, aus Deutschland etwa kamen drei. Insgesamt landete Israel im Juryvoting mit 123 Punkten auf einem soliden achten Platz.
Generell gab es in diesem Jahr viele technisch gute Beiträge, was sich im Juryvoting niederschlug. Bis auf Bulgarien, das mit 204 Punkten dieses Voting anführte, liegen die Ergebnisse relativ nah beieinander. Australien und Dänemark auf den Plätzen zwei und drei bekamen beide 165 Jury-Punkte, gefolgt von Frankreich (144), Finnland (141), Italien (134) und Polen (133) vor Israel (123).
Diese Verteilung begünstigte dann auch Israels gute Gesamtplatzierung. Denn: Sind die Unterschiede bei den Punkten des Juryvotings klein, profitieren die Länder, die beim Televoting sehr gut abschneiden – Israel musste nur wenige Punkte aufholen. So kam das Land nach den 123 Jurypunkten und den hinzugerechneten 220 Punkten aus dem Televoting auf 343 Gesamtpunkte und holte den zweiten Platz in der Endabrechnung.
Aufatmen bei der EBU?
Der Umgang mit diesem Ergebnis ist dabei ein zweischneidiges Schwert. Die Europäische Rundfunkunion dürfte durchaus erleichtert sein, dass Israel nicht als Sieger aus dem ESC hervorgegangen ist. Bei einem Sieg hätten sich mehrere Fragen gestellt: Kann der ESC 2027 überhaupt in Israel stattfinden? Gibt es nach einem Erfolg des Landes weitere Proteste? Würden noch weitere Länder den Musikwettbewerb boykottieren?
Andererseits will Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, einen Sieg Israels nicht als mögliche Gefahr für den ESC sehen. „Nicht ein israelischer Erfolg beschädigt den Eurovision Song Contest, sondern die Vorstellung, ein demokratisches Abstimmungsergebnis sei nur dann akzeptabel, wenn Israel nicht gewinnt“, teilte er am Montag mit. Und: „Versuche, Israel über Kulturboykotte aus internationalen Wettbewerben und Bühnen zu drängen, dürfen gar nicht erst salonfähig werden.“
Tatsächlich brachte ESC-Direktor Martin Green am Samstag sogar eine mögliche Rückkehr Russlands zum Wettbewerb ins Spiel. Russland war nach dem Beginn seines Angriffskriegs in der Ukraine vom ESC ausgeschlossen worden – aber auch, weil die russischen TV-Sender ihre Unabhängigkeit vom russischen Staat eingebüsst haben, womit sie gegen die geltenden Richtlinien verstießen. Der Präsident des spanischen öffentlich-rechtlichen Senders RTEV, José Pablo López, reagierte scharf und bezeichnete Greens Äußerungen als „eklatante Beleidigung europäischer Werte“.
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