Trikont-Macher über ihr Label

„Freiheit, Glück, gemeinsames Leben“

Echte 68er: Eva Mair-Holmes und Achim Bergmann über die Geschichte des Münchner Buchverlags und Musiklabels Trikont.

ein Mann und eine Frau sitzen sich an einem Tisch gegenüber, hinter ihnen eine Wand voller LP-Cover

Eva Mair-Holmes und Achim Bergmann Foto: Sebastian Weidenbach

taz am wochenende: Frau Mair-Holmes, Herr Bergmann, los ging es 1967 nicht als Plattenfirma, sondern als Verlag, schon damals mit glücklichen Händchen.

Achim Bergmann: Ja, Trikont hatte als Start-up von Beginn an rechtlich geklärte und eigens übersetzte Texte veröffentlicht, vor allem aus der „Dritten Welt“, etwa aus Kuba. Von dort gelangte Che Guevaras „Bolivia­nisches Tagebuch“ zu uns, das sich zum Bestseller entwickelte.

„Alle Reaktionäre sind Papiertiger“, stand in der Mao-Bibel, sie wurde von Trikont verlegt. Spielte Musik eine Rolle?

Bergmann: Angloamerikanische Popmusik war in Westdeutschland beliebt. Schon 1956 lief der Film „Rock around the Clock“ in der Kleinstadt in Westfalen, aus der ich komme. Man konnte die Musik in Körper und Seele fühlen. Danach saß ich brav, aber unzufrieden in der Eisdiele, draußen gingen Halbstarke vorbei, von denen ich wusste, dass sie vor Freude Kinosessel kaputtgehauen haben. Wut und gleichzeitig überschäumende Freude haben mich geprägt.

1962 kam es zu den „Schwabinger Krawallen“ in München, aufgrund eines Polizeieinsatzes gegen Straßenmusiker, die Urszene der späteren Studentenproteste. Wie haben Sie das in Erinnerung?

Bergmann: Ich kam erst Mitte der Sechziger zum Studium nach München und habe in Schwabing Freiräume gefunden. Wir haben in Kneipen gesessen und über Musik und Filme geredet. Politisch war das noch nicht. Ich suchte in mir selbst, um mich herum, ich wollte reden, meine Eltern redeten nicht.

Wie wurden Sie politisiert?

Bergmann: Durch die Schüsse auf Ohnesorg. Mit einer Freundin war ich bei der Trauerdemonstration. 1968 kamen die Osterkrawalle, nach dem Attentat auf Dutschke und beim Sturm auf die Zentrale der Münchner Bildzeitung war die Hölle los. Ich wurde zusammen mit 400 anderen verhaftet. Danach bin ich mit meiner Freundin nach Paris gefahren, wir waren kinoversessen. Zufällig gerieten wir in eine Solidaritätsdemonstration für deutsche Genossen. Ein ­SDS-Mann sprach radebrechend auf Französisch. Das war wie Kino. Danach stieß ich zu Trikont.

Im Namen Trikont schwingt der Bezug zur sogenannten Dritten Welt mit, Symbolfiguren wie Ho Chi Minh kannten alle.

Bergmann: Der Name wurde aus Solidarität mit den Dritte-Welt-Gesellschaften gewählt. Wir übersetzten die italienische Zeitschrift Trikontinentale. Es war eine Phase des Übergangs, geprägt durch Freiheitskämpfe, in die wir einbezogen wurden durch die Bilder aus Vietnam. Die Amis, die uns vom Faschismus befreit hatten und uns eine umfassende Erziehung angedeihen ließen, durch Comics, Filme und Musik, begingen in Südostasien schwere Fehler.

Fast gleichzeitig knüpfte Trikont Bande zu Moses Ash nach New York und der linken US-Folkszene.

Bergmann: Das kam über Kontakte zur US-Antikriegsbewegung und so sind wir auf Moses Ash und sein Label Folkways gestoßen, er hatte bekannte Künstler wie Leadbelly unter Vertrag.

Trikont wurde 1967 gegründet und ist seit den 70ern Plattenlabel. Geleitet wird es von Achim Bergmann (geb. 1943) und Eva Mair-Holmes (geb. 1951).

Buch: Christof Meueler, Franz Dobler (Hrsg.): „Die Trikont-Story“. Heyne, München, 464 Seiten, 30 Euro.

Jubiläumskonzerte: 15. 11. BiNuu, Berlin; 30. 11. Feierwerk, München

Die erste Trikont-Veröffentlichung kam aber aus Italien.

Bergmann: Lotta Continua hat Singles des Sängers Pino Masi herausgebracht, die wir vertrieben. Das hat uns inspiriert selbst zu singen, erst vor den Toren des BMW-Werks, dann auf Platte: Das erste, 1972 veröffentlichte Album hieß „Arbeitersache, wir befreien uns selbst“.

Eva Mair-Holmes, bevor Sie zu Trikont gekommen sind, arbeiteten Sie beim Münchner Blatt, der ersten, 1973 gegründeten westdeutschen Stadtzeitung. War Gegenöffentlichkeit wichtig?

Mair-Holmes: Vorher gab es sie nicht. Ursprünglich wurde das Blatt nach dem Vorbild des New Yorker Stadtmagazins Village Voice gegründet. Es wurde zum Kollektiv mit Einheitslohn. Wir verstanden unser Linkssein spielerisch, engagiert, aber undogmatisch. Es ging viel um Drogen und um andere Musik.

Es wurde auch über Punk berichtet.

Mair-Holmes: Ja genau. Und es gab tolle Cartoons von Gerhard Seyfried. Bedeutsam waren auch die Kleinanzeigen.

Was hat sich daraus entwickelt?

Mair-Holmes: Dadurch hat sich eine Form von alternativer Marktwirtschaft etabliert. Und die Kleinanzeigen waren Politikum: Kann Sado-Maso direkt thematisiert werden? Wie können sich Homosexuelle formulieren? Der Elan der Auseinandersetzungen war toll.

Bergmann: Zunächst fremdelten wir bei Trikont damit, aber das Blatt hat uns geholfen, offener zu werden. So haben wir Sachen mitbekommen, die das Alltagsleben angenehmer machen, mit ein Grund, warum Trikont dann ein reines Label wurde.

Ende der Siebziger hatte sich Trikont als Label professionalisiert und veröffentlichte Alben von Rockbands wie Schröder Roadshow. Musikalisch recht bieder, aber erfolgreich.

Bergmann: Von deren Album „Anarchie in Germoney“ haben wir viele Exemplare verkauft. Punk ließen wir dagegen aus. Obwohl Geoff Travis, Gründer des Londoner Indie-Labels Rough Trade, fragte, ob wir seine Platten vertreiben wollen. Wir haben abgelehnt mit der Begründung, dass Punk eine Bewegung eigenen Typs sei, über die man als Autonomer nichts Fremdes stülpt. Klingt komisch, kam aber aus tiefster Überzeugung.

Zur selben Zeit entdeckte Trikont die Liebe zur alpenländischen Volksmusik. Warum?

Bergmann: Regionalismus hatte uns bereits 1975 beschäftigt, als im badischen Wyhl ein Bauplatz für ein geplantes Atomkraftwerk besetzt wurde. In Bayern hat Herbert Achternbusch das brachial Urtümliche früh thematisiert. Sprache ist in uns und um uns, und sei es nur als Dialekt, darin steckt Unabhängigkeit.

Mair-Holmes: Als gebürtige Bayerin tat ich mir da schwer. Eigentlich habe ich alles Deutschsprachige abgelehnt. Mein Vater ist Amerikaner. Achim kommt aus dem Sauerland, er näherte sich dem Bayerischen von außen. Als ich mir dann die alten VolkssängerInnen angehört habe, musste ich doch mitsingen. Die Musik drohte damals zu verschwinden, aber wie die KünstlerInnen einst gelebt haben, wie sie sich ausgedrückt haben, ist toll. In Liedern wie „Mit der Arbeit versäumst Du die Zeit“ stecken anarchistische Botschaften.

Dieser Text stammt aus der taz.am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Apropos Arbeit. Seit 40 Jahren residiert Trikont im ehemaligen Münchner Arbeiterviertel Giesing in einem alten Handwerkerhäuschen . . .

Bergmann: . . . in dem zuvor Gastarbeiter gewohnt haben.

Kann Trikont überleben, wenn Musik im Netz verschenkt wird?

Mair-Holmes: Wir leben ohnehin am Rande des Abgrunds und zehren von Erfolgsgeschichten, wie La Brass Banda und Hans Söllner. Allein von seinem Album „Hey Staat“ wurden mehr als 500.000 Exemplare verkauft.

Was geschieht mit den kunstvoll gestalteten Alben im Zeitalter von Streaming?

Bergmann: Bei aller Merkwürdigkeit unseres Programms bleibt eins gleich: Wir bestehen aus Erlebnissen, die die Welt der Musik und unsere Lokalität miteinbeziehen. Das wird nie vergehen. Wenn Musik nur ein Ton ist, der hergestellt wird wie ein Algorithmus, geht es zu Ende. Da wir daran nicht glauben, haben wir zweierlei in die Wege geleitet: Einerseits haben wir auf der Homepage historisches Material zugänglich gemacht. Andererseits haben wir eine eigene Bookingagentur für Konzerte.

Als Trikont anfing, bekleideten noch Altnazis Schaltstellen in der Bundesrepublik. Nun trachten neue Rechte nach Macht. Sie haben mit denen bei der Frankfurter Buchmesse schmerzhafte Erfahrungen gemacht.

Bergmann: Ich kam am Stand der Jungen Freiheit vorbei, da sprach jemand über die Schuld der 68er…

Mair-Holmes: Sie seien schuld an der Gleichstellung, an der Homo-Ehe und so weiter.

Bergmann: Als ich das hörte, habe ich Richtung Podium gerufen: „Du redest Scheiße.“ Da standen 20 Zuhörer, alles Männer, einer kommt auf mich zu, schreit mich an und schlägt mir ins Gesicht. Mir wurde schwarz vor Augen, ich ging zu Boden und habe geblutet. Dann gucke ich, aber es gab keinerlei Reaktion, ich bin zurück zu unserem Stand gelaufen. Eva und ich sind wieder hin und der Typ steht da ungerührt. Ich habe mein Handy gezückt, und ihm gesagt, die Polizei sei unterwegs. In dem Augenblick hat er Eva gepackt und zu Boden geschmissen.

Mair-Holmes: Dann kamen Jungs von einem Comic-Stand zu Hilfe. Die haben den festgehalten. Das Ende der Geschichte, der Typ, der aus dem Anti-68er-Buch gelesen hat, kam an den Trikont-Stand und sagte, er wolle ihn sich ansehen. Kurioserweise hat er seine Brille abgenommen. Er meinte, wir hätten kein Hausrecht und er könne hier stehen, bis es dunkel wird. Sein Selbstbewusstsein war immens. Ich habe bei dem Typen sofort gemerkt, er hat keine Hemmschwelle.

Körperverletzung bleibt Körperverletzung.

Bergmann: Ja, darum habe ich Strafanzeige erstattet. Ich würde gerne den Verlag der Jungen Freiheit miteinbeziehen, denn die haben ja zuvor postuliert, der Anstand sei durch 68er wie mich verloren gegangen.

Verkehrte Welt.

Mair-Holmes: Bei uns steht eine Dresdner Brass-Band unter Vertrag, Banda Internationale, die zusammen mit Flüchtlingen aus Protest gegen die Montagsdemos von Pegida regelmäßig live spielt. Wenn sie sich versammeln, kann es passieren, dass ein Rechter vorbeikommt, einem Bandmitglied die Trompete entreißt und zu Boden schmeißt, ohne dass jemand eingreift.

Bergmann: Freiheit, Glück, gemeinsames Leben machen Trikont aus. Als diese Comic-Verleger gekommen sind, um mir zu helfen, wusste ich, von denen kann ich was lernen, nicht von dem rechten Gesocks.

Der 50ste Geburtstag wäre geschafft – wie stehen die Chancen für den 100sten?

Bergmann: Was denken Sie? Wir stehen in ständigem Kontakt zum großen Vorsitzenden Mao Tse-tung. Er sagt: Ja.

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