„Vertigo Days“ von The Notwist: „Schön, wenn andere reinkönnen“

Die Indieband The Notwist veröffentlicht ihr Album „Vertigo Days“. Ein A bis Z zu Stichworten, die bei seiner Entstehung wichtig sind.

The Notwost im Unterholz: Markus Acher, Cico Beck und Micha Acher

Immer in Bewegung bleiben: The Notwist im Unterholz Foto: Johannes Maria Hasslinger

Alltagsgeräusche

Markus Acher: Beim ersten Lockdown war es plötzlich so ruhig. Ich merkte: Nicht nur Musik ist mir wichtig – auch, überhaupt etwas hören zu können. In „Step Across the Border“, einer tollen Dokumentation über den britischen Komponisten Fred Frith heißt es: Alles kann klingen, wenn man sich mit offenen Ohren nähert. Diese Erfahrung ist in unser neues Album „Vertigo Days“ eingeflossen. Seit 2015 hatten wir immer wieder Aufnahmen gemacht. Wirklich konzentriert am Material gearbeitet haben wir erst mit Beginn der Pandemie. Wir mussten mit unserer Zeit etwas anstellen, um nicht deprimiert zu werden.

Bandkonzept

Micha Acher: Markus und ich sind von Anfang an dabei, der Kontext hat sich seither öfters verändert. Aktuell haben wir eine Konstellation, die sich auch praktisch bewährt: Cico, Markus und ich wohnen in München und können uns spontan treffen; live sind auch die Berliner Max Punktezahl, Karl Ivar Refseth und Andi Haberl mit dabei.

Collage

Cico Beck: Collage als künstlerisches Konzept ist uns wichtig, musikalisch und visuell. Nicht zuletzt, weil darin mitschwingt, dass aus den Ideen anderer etwas entstanden ist, was man selbst tut.

Dorfwirtschaft

MiA: Früher war die Dorfwirtschaft kein Bezugspunkt – abgesehen davon, dass wir mit der Dixielandband unseres Vaters in Biergärten aufgetreten sind. In den letzten Jahren ist uns wichtiger geworden, in kleinen Wirtschaften Musik zu machen – akustisch und ohne viel Aufwand.

Die Band: The Notwist wurden 1989 im oberbayerischen Weilheim von den Brüdern Markus und Micha Acher mit dem Schlagzeuger Martin Messerschmidt gegründet. Während das Debütalbum „Notwist“ (1990) noch metalpunkig und grungy klang, öffnete sich das Trio bald jazzigen und elektronischen Sounds, behielt dabei stets seinen Wiedererkennungswert, Markus Achers sonoren Gesang. Impulsgeber bei der Neuausrichtung war Martin Gretschmann alias Console, der 1997 Bandmitglied wurde. Nach seinem Ausstieg 2015 ersetzte ihn der Multiinstrumentalist Cico Beck. Der Durchbruch gelang Notwist mit dem Album „Neon Golden“ (2002) – und seinem eigenwilligen Soundkosmos aus Gitarrenpop, Electronica und sinfonischen Elementen. Einen Einblick in das Notwist-Ethos vermittelt der Dokfilm „On/Off the Record“.

Das neue Album: Sieben Jahre nach ihrem letzten Studioalbum erscheint am 29. Januar 2021 mit „Vertigo Days“ (Morr Music/Indigo) das künstlerisch offenste Werk ihrer Laufbahn – klanglich wie textlich. Erstmals tragen Gäste zur Musik bei, neben englisch gesungenen Songs gibt es solche mit japanischen, spanischen und französischen Texten. Die Soundpalette ist warm und experimentell zugleich.

Elektronische Instrumente

MaA: Martin Gretschmann legte sich circa 1994 als Erster in unserem Umfeld einen Sampler zu. Mit ihm haben wir angefangen, Klangcollagen zu machen – und dann auch mit elektronischen Instrumenten komponiert.

CB: Was wir heutzutage an dieser Form der Klangerzeugung schätzen, sind neben unendlichen Soundwelten die unterschiedlichen Ästhetiken: von früher Elektronik aus den 1950er Jahren bis in die Gegenwart.

Freistaat Bayern

MaA: Unsere Anfänge als Hardcore-Band im konservativen Bayern waren schwierig. Es stellte sich als Vorteil heraus, dass wir als Außenseiter galten. Wir merkten, dass es widerständige Traditionen und Individualisten gibt, die Teil dieser Kultur sind: etwa der Filmemacher Herbert Achternbusch, der Schriftsteller Oskar Maria Graf und die Künstlergruppe Spur. Es war uns nie ein Bedürfnis, die Herkunft herauszustellen. Wichtiger ist, dass wir nicht verortbar sind – vor allem nicht als bayerische Band. Neuerdings gibt es viele volkstümelnd akustische Bands, die so tun, als sei es was Besonderes, aus Bayern zu stammen. Angefangen hat das ganz anders, mit tollen Bands von den Münchner Indie-Labels Gutfeeling und Trikont. Die haben genau das Gegenteil gemacht: Musik aus dem Trachtenmief befreit, mit Musik von überall gemischt und wieder lebendig gemacht.

Gast­mu­si­ke­r:In­nen

MaA: Durch unser Alien-Disko-Festival an den Münchner Kammerspielen sind wir mit einigen Musikern befreundet, die dort aufgetreten sind: mit Ben ­LaMar Gay aus Chicago etwa und den Tenniscoats aus Tokio. Als No­twist sind wir Künstler und zugleich Fans. Es war an der Zeit, das auf dem neuen Album hörbar zu machen – nicht nur über Einflüsse zu reden, sondern die Gäste in unsere Musik eingreifen zu lassen.

Hochzeitskapelle

MiA: Wir haben die akustische Band – Bratsche, Tuba, Trompete, Banjo und Schlagzeug – zu Markus’ Hochzeit gegründet; mittlerweile gibt es drei Alben. Wir spielen keine Eigenkompositionen, sondern Lieblingsstücke und treten in Wirtshäusern und an der Isar auf. Und auf Demos, die uns wichtig sind. Im letzten Coronasommer haben wir auf Garagendächern gespielt, unter Einhaltung der Abstandsregeln.

Indiekultur

MaA: Was damit überhaupt gemeint ist, ist zwischenzeitlich verschwommen. Uns ist die ursprüngliche Idee aber wieder wichtig. Sie hat auch neue Relevanz. Unsere japanischen ­Kol­le­g:In­nen haben etwa mit minnakikeru.com eine Webseite gestartet, über die man an ihre Musik kommt – unabhängig von Streamingdiensten. Dadurch kam es zu einer Vernetzung zwischen Bands, die große Wirkung hatte, in Japan und ­darüber hinaus. Toll, dass es noch Wege gibt, durch Selbstorganisation Dinge zu verändern – wo doch alle denken, im Internet sei das unmöglich. Sosehr der Indie-Begriff missbraucht wurde: Es steckt noch viel drin.

Jazz

MaA: Angel Bat Dawid und Ben LaMar Gay, die US-Künst­ler:In­nen auf „Vertigo Days“, stehen für eine neue US-Generation, die Jazz offen definiert und mit HipHop, Songwriting und elektronischer Musik verbindet – nachdem die Tradition doch sehr konservativ, technisch und damit auch abschreckend geworden war. Heute entsteht im Jazz wieder Relevantes, das oft auch politische Botschaften transportiert.

Kuratieren

MaA: Mit dem Alien-Disko-Festival vermitteln wir die Idee, dass es keine Genregrenzen und Regeln gibt, auch nicht beim Umgang mit Instrumenten. Möglichst bunt soll das Line-up sein – und zugleich zeigen, was an einer konkreten Band toll ist, selbst wenn man mit einem Genre vielleicht nichts anfangen kann.

Livestreams

CB: Dazu haben wir ein differenziertes Verhältnis. Natürlich kann ein Stream das Konzerterlebnis nie ersetzen. Aber es gibt positive Aspekte, etwa die größere Reichweite. Rührend war, wie wir mit unseren beiden Streams letztes Jahr in der ganzen Welt Menschen erreichen konnten, in einer Zeit, in der alle eingeschlossen waren.

München

MiA: Eine schöne Stadt mit wunderbaren Flecken. Aber leider auch eine sehr teure. Das macht das Leben nicht einfacher, gerade wegen der hohen Mieten. Auf musikalischer Ebene hat München sich toll entwickelt. Es gibt großartige Labels und Bühnen – und eine gute Zusammenarbeit untereinander.

Norte-Sur

MaA: Zu dieser thematischen Klammer unseres neues Albums kam es, weil die argentinische Songwriterin Juana Molina ein Lied „Al Norte“ betitelt hat. Der Norden ist in Argentinien der wohlhabende Landesteil, in den alle wollen – was hierzulande ja eher der Süden ist. Zugleich steht der für etwas eher Hinterwäldlerisches. Man kann zu den Begriffen Norden und Süden also viel assoziieren.

One of These Days (Film­musik)

CB: Die Arbeit am Soundtrack hat großen Spaß gemacht. Wir hatten künstlerische Freiheit – und das war befreiend.

MaA: Toll, dass der Regisseur Bastian Günther zu diesen staubigen, sehr US-amerikanischen Bildwelten Krautrock und 1970er-Synthie-Sounds einsetzen wollte – eine nicht unbedingt naheliegende Assoziation.

Pandemie

MaA: Positiv an der schlimmen aktuellen Situation ist, dass sie uns zwingt, Dinge zu überdenken. Als Band versuchen wir immer wieder, nichts für selbstverständlich zu nehmen. Der enge Rahmen im Lockdown hat es uns erleichtert, von vorne anzufangen. Gleichzeitig ist es anstrengend, in dieser Unsicherheit überhaupt weiterzumachen – auch finanziell. Lange hält man nicht durch, wenn man keine Konzerte spielen kann.

Querdenker

MaA: Schlimm, dass dieser für uns positiv besetzte Begriff ausgerechnet von Coronaleugnern gekapert wird. Der Ausnahmezustand zeigt, wie wichtig es ist, über die eigene Situation hinauszudenken. Nicht zuletzt offenbart die Pandemie auch, wie verheerend es ist, wenn Politik nationalistische Interessen verfolgt.

Repetitive Rhythmen

CB: Die kommen auf dem neuen Alben öfters vor als auf früheren Werken – „Messier Objects“ (2015) ausgenommen, was ja eine Sammlung von Arbeiten für Theater und Hörspiele war. Das Psychedelische, Trance­artige am Repetitiven gefällt uns sehr.

Sampling

MaA: Sampling ist uns wichtig, auch wenn Samples in den fertigen Stücken bisweilen gar nicht mehr vorkommen – oder nur im Kopf stattfinden. Wir haben seit unserem Album „Neon Golden“ (2002) immer Regale voller Werke mit Musik aus allen Jahrzehnten im Studio. Daraus nehmen und verfremden wir kleine Teile. Genauso sampeln wir selbst aufgenommene Sachen und bauen daraus neue Klänge.

Tokio-Connection

MaA: Es gibt dort eine tolle Szene an kreativen, unglaublich netten Menschen. An einem Konzert in Tokio kann man von Noise über Folk bis zur experimentellen Performance alles Mögliche erleben. Dazu wird unglaublich gutes Essen gekocht. Oft gibt es eine Ecke, in der selbstgebrannte CDs, bemalte T-Shirts, selbstgebaute Instrumente feilgeboten werden. Ein Traum.

Ueno, Saya und Takashi

MaA: Von der Musik von Saya und Takashi Ueno alias Tenniscoats bin ich schon lange Fan. Man erkennt sie sofort, obwohl sie Verschiedenes ausprobieren. Ihre Musik ist eigenwillig und vielfältig zugleich. Bei unserer gemeinsamen Band Spirit Fest komponiert und singt Saya fast alle Stücke. Ihre Stimme berührt – egal, was sie singt.

Vertigo (Days)

MaA: Vertigo beschreibt das Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Plötzlich ist nichts mehr, wie es war. 2020 war das auf einmal ein globales Phänomen. Solche Situationen sind immer auch Chance für Veränderung. Darum geht es in den Songs unseres neuen Albums.

Weilheim

MaA: Am Anfang wollten wir nur weg aus dem kleinstädtischen und konservativen Weilheim, wo es keinen Platz gab für die Musik, die wir gemacht haben. Gleichzeitig wünschten wir uns aber auch ein Netzwerk und Austausch. Nach und nach haben wir tolle Leute kennengelernt; Mario Thaler etwa, der das uphon-Studio gegründet hat, in dem wir viele Alben aufgenommen haben. Es gab Konzerte und Festivals, zudem entstanden Labels und Fanzines. Rückblickend war es dann doch eine spannende Zeit.

Xenophobie

MaA: Weil wir in diesem abgeschlossenen Kosmos aufgewachsen sind, den es eigentlich nur in Bayern gibt, war uns immer wichtig, von dort rauszukommen. Wir haben das Andere gesucht. Das ist bis heute so und war auch beim Alien-Disko-Festival zentral: der wachsenden Isolation und dem Nationalismus eine utopische Alternativwelt entgegenzusetzen. Es ist schön, in Deutschland zu leben. Aber nur, wenn andere reinkönnen.

Y-Chromosom

MaA: Die Vorherrschaft von weißen Männern in fast allen Lebensbereichen ist absurd und ärgerlich. Der Musikbiz ist davon nicht ausgenommen. Schlimme Auswirkungen des Y-Chromosoms auf den Menschen kann man leider in Instrumentengeschäften, bei Labelchefs und auf Festivals erleben. Gut, bei No­twist waren wir auch immer nur Männer. Die wichtigen Einflüsse kamen aber von Bands, in denen Frauen eine wichtige Rolle spielen: Stereolab und Le Tigre etwa – oder aktuell Big Joanie und die Vanishing Twins. Oder von unseren anderen Bands mit Künstlerinnen, von Lali Puna bis Spirit Fest. Bei den Gästen auf dem neuen Album mussten wir Ausgewogenheit nicht forcieren. Saya, Juana Molina, Angel Bat Dawid und Ben LaMar Gay machen gerade einfach die spannendste Musik, die wir kennen.

Zombi

MaA: So heißt ein Lied der Klavier-Percussion-Band Rayon, in der Cico und ich spielen. Es bezieht Einflüsse aus Gamelan, afrikanischer Musik, und der davon abgeleiteten Minimal-Music ein. Diese Art, Melodien und Harmonien durch Rhythmen zu erzeugen, ist auch bei Notwist extrem wichtig – und immer wieder inspirierend.

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