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Transfergerüchte in der TürkeiFußballsommer zum Schämen

Der Journalismus über Transfergerüchte hat gerade auf türkischen Portalen wenig mit der Realität zu tun. Leider ist er trotzdem unwiderstehlich.

F ußball-Shaming ist schon lange ein Thema. Ob man nun das Champions-League-Finale schaut – ein gigantisches Werbeevent, bei dem der Sieger oft durch die Größe des Geldbeutels bestimmt wird – oder sich für die türkische Nationalmannschaft begeistert, während die Regierung ganz offen die Opposition zerschlägt: Es lässt sich nicht leugnen, dass Fußball längst nicht mehr nur der Unterhaltung dient. Wer daran teilnimmt, unterstützt auch vieles, was in dieser Welt schiefläuft. Daher das Shaming. Man kann es rationalisieren, relativieren oder die Ohren verschließen. Am Ende trifft einen die Stimme aus dem eigenen Inneren am härtesten.

Mit dieser Stimme habe ich mich arrangiert, auch wenn sie sich immer wieder meldet. Womit ich allerdings weiterhin zu kämpfen habe, ist die wohl schlimmste Form des Fußballjournalismus, der sich allein um Transfergerüchte dreht.

Die türkischen Nachrichten haben den Bezug zur Realität längst verloren. Regierungsnahe Medien zeichnen täglich das Bild einer Türkei, die nur in den Köpfen ihrer Unterdrücker existiert. Lügen über mögliche Transfers sind im Vergleich dazu völlig harmlos. Die meisten Menschen nehmen sie wohl nicht ernst – mit Ausnahme älterer Onkel, die jede Schlagzeile für bare Münze nehmen. Ich erinnere mich an einen Onkel, der täglich mit zwanzig Namen bombardiert wurde. Gegen Ende der Sommerpause war er derart verzweifelt, dass er förmlich darum bettelte, das Transferfenster möge endlich schließen.

Und wer klickt nicht auf einen Artikel, der Beşiktaş mit … Zinédine Zidane in Verbindung bringt!?

Diese sogenannten Geschichten scheren sich nicht um die Realität, und wenige der Konsumenten scheinen sich daran zu stören. Niemand wird für das Veröffentlichen erfundener, selbstreferenzieller Geschichten zur Verantwortung gezogen, die aus Sätzen bestehen, denen meist sogar das Subjekt fehlt. Was zählt, ist der Klick.

Zidane, wer denn sonst?

Und wer klickt nicht auf einen Artikel, der Beşiktaş mit … Zinédine Zidane in Verbindung bringt!? Ich jedenfalls nicht. Dabei weiß jeder, dass Zidane schon seit Jahren auf den Job als französischer Nationaltrainer wartet. Trotzdem klicke ich. Das Medium behauptet, sein Jahresgehalt von 30 Millionen Euro sei das Hindernis. Ja klar. Selbst in Frankreich hat man sich darüber lustig gemacht.

An anderer Stelle heißt es, dass Rafa Leão AC Mailand verlassen wolle, um in einer Topliga zu spielen. Prompt erscheinen Meldungen, wonach Galatasaray und Fenerbahçe um ihn buhlen würden, während der Rest der Welt ihn mit der Premier League in Verbindung bringt. Bei Fenerbahçe wird es noch absurder. Am Wochenende wird dort ein neuer Präsident gewählt, und die Kandidaten überbieten sich bereits mit Transferversprechen. Die Fans bekommen es also doppelt ab: Hakan Safi kündigt zwei Weltklassespieler an, nennt aber keine Namen. Stattdessen sagt er: „Wenn man im Internet nachschaut, kann man sehen, wer es sein könnte.“ Klasse.

Vielleicht ist das Peinlichste an der ganzen Sache, dass ich türkischen Transfermeldungen im Alltag gar nicht ausgesetzt bin. Ich habe keine besondere Vorliebe für eine bestimmte Quelle von Falschmeldungen. Nicht unähnlich einem Onkel öffne ich etwa einmal pro Woche Google, tippe „Türkei Fußball Transfer News“ ein und klicke auf irgendetwas. Und ich schäme mich dafür. Das wird ein langer Sommer.

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