Tragikomödie „Song Sung Blue“: Es geht auch ohne Ellenbogen
Der Kino-Film „Song Sung Blue“ basiert auf der wahren Geschichte zweier Underdogs, die zueinander finden. Hugh Jackman und Kate Hudson brillieren als Paar.
Es ist schon ein beachtliches Kunststück, das so oft erzählte Klischee der großen Liebe so entwaffnend und alles andere als ermüdend in Szene zu setzen, wie es Regisseur Craig Brewer in „Song Sung Blue“ gelingt. Und das liegt nicht nur an der gekonnten Inszenierung seiner Geschichte, sondern auch am Sujet selbst. Es sind Underdogs, von denen hier erzählt wird. Menschen aus der Arbeiterklasse, deren Leben von materiellen Nöten, psychischen Problemen und schweren Schicksalsschlägen gezeichnet sind, die sich dennoch nicht kleinkriegen lassen. Ein Milieu, das im Genre des klassischen Liebesfilms eine Seltenheit ist.
Hugh Jackman spielt Mike Sardina, einen geschiedenen Vietnamveteranen, der in Milwaukee Ende der 1980er Jahre sein 20-jähriges Jubiläum als trockener Alkoholiker feiert und sich mit Gelegenheitsarbeiten als Automechaniker über Wasser hält. Abends steht er als Musiker auf den kleinen Bühnen der Stadt.
Bei einem Gig auf einem Jahrmarkt – es werden die großen Idole der amerikanischen Musikgeschichte wie Elvis, Barbra Streisand, James Brown oder Buddy Holly imitiert – trifft er auf die Friseurin und Musikerin Claire Stengl (Kate Hudson). Mike ist hin und weg von ihrem Auftritt als Countrymusikerin Patsy Cline und beherzigt ihren Rat, doch künftig als sein großes Idol Neil Diamond aufzutreten.
„Song Sung Blue“ spielt zunächst sehr hinreißend auf der Klaviatur eines klassischen Wohlfühlfilms. Mike und Claire verlieben sich und gründen als „Lightning & Thunder“ eine Neil-Diamond-Tribute-Band. Gemeinsam mit ihrer Begleitband erobert das Duo rasch die Herzen des Stadtpublikums. Der Höhepunkt ist ein Auftritt als Vorband von Pearl Jam, die Anfang der 1990er zu Grunge-Superstars avancieren und in Milwaukee haltmachen. Es folgt die Heirat, der Umzug ins gemeinsame Haus – und der große Knall.
„Song Sung Blue“. Regie: Craig Brewer. Mit Hugh Jackman, Kate Hudson u.a. USA 2025, 132 Min.
Craig Brewer konterkariert radikal die Erwartung des Publikums. Auf die wohlige Wärme folgt ein harter Schlag in die Magengrube. Denn dieser bescheidene amerikanische Traum, als Coverband groß rauszukommen, wird jäh von einem Unfall zunichtegemacht. Die Musical-Romanze entwickelt sich kurzzeitig zu einem knallharten Familiendrama.
Empathische Grundhaltung
Dieser Spurwechsel in der Tonalität mag irritieren, entfaltet aber eine ungemeine Wirkung und ist letztlich wahren Begebenheiten geschuldet. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Dokumentarfilm aus 2008, der die Geschichte der echten Mike und Claire Sardina erzählt, die es in Milwaukee zu lokaler Berühmtheit schafften.
„Song Sung Blue“ ist ein (im positiven Sinne) kitschiger Nostalgie-Crowdpleaser mit einem großartigen Cast. Hugh Jackman hat bereits in „Les Misérables“ (2012) und „Greatest Showman“ (2017) bewiesen, dass er singen kann. Als Patchwork-Daddy und Neil-Diamond-Fanboy holt er sich hier alle Sympathiepunkte, wenn er etwa zu Hause in weißer Feinripp-Unterhose sein Idol imitiert und sich eine Zerrung zuzieht.
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Trailer „Song Sung Blue“
Kate Hudson steht ihm als alleinerziehende und vom Leben gezeichnete Claire in nichts nach. Für ihre Rolle ist sie bei den Golden Globes in der Kategorie „Musical/Comedy“ nominiert. James Belushi spielt in einer grandiosen Nebenrolle deren naiv-treuherzigen Promoter.
Was „Song Sung Blue“ aber vor allem so sehenswert macht, ist seine empathische Grundhaltung. Der Film erzählt von Menschen, die einander helfen. Eine solidarische Gemeinschaft der kleinen Leute, in der man es nicht schafft, weil man seine Ellenbogen ausfährt, sondern weil man sich gegenseitig unterstützt und füreinander einsteht. In der Hinsicht ein fast schon zu rührseliger Film. Ein Film aber, der in diesen trostlosen Zeiten umso tröstlicher ist.
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