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Tischtennisspielerin Sabine WinterWintermärchen im Frühling

Eigentlich wollte sie ihre internationale Karriere ausklingen lassen. Doch seitdem Sabine Winter mit Störbelag spielt, ist sie nicht zu stoppen.

Sabine Winter im Halbfinal-Match gegen die Chinesin Sun Yingsha beim diesjährigen World Cup in Macau Foto: IMAGO / Xinhua

Das Wintermärchen geht weiter, auch wenn inzwischen die Temperaturen Frühlingsgefühle verheißen. Das gilt zumindest im Tischtennis. Denn wahre Frühlingsgefühle verspürt an der Platte vor allem eine: Sabine Winter. Die Nationalspielerin war zwar stets unheimlich flink auf den Beinen und konnte mit der deutschen Auswahl auch durchaus schöne Erfolge verzeichnen. Zum Beispiel zweifach Doppel-Europameisterin werden. Allerdings dümpelte Winter bis Ende 2024 in der Einzel-Weltrangliste meist eher in den Regionen um Platz 60 und dahinter. Sie dachte daher daran, ihre internationale Karriere langsam ausklingen zu lassen.

Dann aber – mit 32 Jahren – probierte Winter etwas aus, was im Amateurbereich gerne reichlich untalentierte Spieler ohne feines Händchen versuchen: mit einem Störbelag den Gegnern das Spiel zu verleiden. Noppen außen oder Antitopbeläge geben den retournierten Bällen ungewöhnliche Flugbahnen, was manche Gegner in den untersten Kreisligen zur Verzweiflung treibt.

Manchen versagen schon die Nerven, wenn sie bereits hören, dass der Kontrahent eine „Noppe“ im Einsatz hat. Bei den Profis sind die Störbeläge aber eher verpönt, setzen doch bis auf ein paar überragende Abwehrspieler die meisten doch auf schnelle Angriffsbeläge. So auch Sabine Winter – bis sie im hohen Sportleralter eben ihr ungewöhnliches Experiment wagte.

Was zunächst wie ein letzter Versuch wirkte, entpuppte sich als Befreiungsschlag. Seit Dezember 2024 kennt Winters Weg nur noch eine Richtung: steil nach oben. Die Dachauer Bundesligaspielerin stellte ihr Spielsystem radikal um, integrierte einen Antitop-Belag auf der Rückhand in ihr kompromissloses Vorhand-Angriffsspiel – und startete durch.

Bronze beim World Cup in Macau

Der jüngste Höhepunkt folgte nun an Ostern beim World Cup in Macau, wo sie mit Bronze den bislang größten Erfolg ihrer Karriere feierte. Sabine Winter wird nun erstmals als Nummer neun der Welt geführt. Vor ihr stehen nur noch acht Asiatinnen, darunter sechs Chinesinnen.

„Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Das alles ist komplett verrückt“, zeigt sie sich selbst ungläubig angesichts ihrer neuen Bestmarke. Selbst in Singapur, als sie als erste Nichtasiatin das Halbfinale eines Grand-Smash-Turniers erreichte, habe sie nur kurz an die Top Ten gedacht. Wichtiger sei ihr gewesen, „einfach zu versuchen, mein neues Spielsystem weiterzuentwickeln und das Bestmögliche aus dem System herauszuholen, solange ich noch topfit auf diesem Niveau spielen kann“.

Winter, mittlerweile 33 Jahre alt, tüftelt und feilt an ihrem neuen System. „Ich möchte auf jeden Fall den Spaß am Herumexperimentieren beibehalten“, betont sie. Es bereite ihr „große Freude, herauszufinden, was passen könnte und was nicht“. Mit der optimierten Mixtur aus Störbällen und Angriffswucht mit der Vorhand haben die meisten ihre wahre Liebesmüh. Das ist für Winter Bestätigung und Antrieb zugleich. „Wenn daraus Erfolge resultieren, so wie jetzt die Bronzemedaille beim World Cup oder die Top-Ten-Platzierung, dann ist das großartig und motiviert mich natürlich zusätzlich.“

In Macau untermauerte Winter eindrucksvoll, dass sie inzwischen zur Weltspitze gehört. Bis zum Halbfinale gab sie nur einen Satz ab und bezwang mit Wang Yidi und Qin Yuxuan gleich zwei starke Chinesinnen. Erst die Weltranglistenerste und erneut erfolgreiche Titelverteidigerin Sun Yingsha stoppte ihren Lauf im Halbfinale mit einem 0:4.

Erst der Anfang …

Am Wert der Medaille ändert das nichts. „Der World Cup mag zwar nicht besser besetzt sein als ein Grand Smash – aber es ist und bleibt der World Cup“, unterstreicht Winter. „Es ist komplett verrückt, dass ich mit einer Bronzemedaille aus Macau nach Hause fliegen darf. Das macht mich sehr stolz und sehr glücklich.“

Als erst zweite Deutsche nach ihrer ehemaligen Doppelpartnerin Petrissa Solja 2015 gewann die 33-Jährige beim World Cup eine Medaille. „,Peti’ ist eine sehr gute Freundin. Ich bin sehr glücklich und stolz, dass ich diejenige sein darf, die ihr mit dieser Medaille nachfolgt“, freut sich Winter.

Während ihre talentiertere Doppelpartnerin bei einem EM-Sieg schon mit 28 Jahren resignierte und Solja ihre Karriere früh beendete, wagte Winter einen riskanten Neuanfang mit 32. Für ihre Fans steht dabei fest: Das Wintermärchen im Tischtennis ist noch lange nicht auserzählt.

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