piwik no script img

Konzertempfehlungen für BerlinWas das Gehirn befriedigt

In der Deutschen Oper geschehen unnütze Dinge, das RSB schließt Jazz und Klassik kurz, und Johannes Brahms trifft fast auf die zweite Wiener Schule.

Wie schmeckt so eine Klobrille eigentlich? Max Andrzejewski probiert es in der Deutschen Oper in „Satisfactionaction“ einfach mal Foto: Nancy Jesse

B egriffsprägungen sind eine tolle Sache, weil sie die Welt um Dinge bereichern können, die man zuvor so nicht zusammengedacht hatte. „Lebenswelt“, „Kindergarten“ oder „Überraschungsei“ gehören dazu. Beispiele, die mehr zum Thema passen, wären „Krautrock“, „Shoegaze“ oder „Reggaeton“. Ob der Neologismus „Jazzik“ sich durchsetzen wird, muss man abwarten. Der Gedanke jedenfalls ist nicht falsch, die oft als weit voneinander entfernt gelegene Galaxien imaginierten Genres Jazz und Klassik auch sprachlich näher aneinanderzurücken. Das tut das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit seiner Reihe „Jazzik“ in musikalischer Hinsicht jedenfalls eindeutig.

Am Sonnabend spielen die Sinfoniker unter der Leitung von Elias Brown ein Programm, in dem klassisch ausgebildete Komponisten in ihrer Orchestermusik Jazz auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren. Da sind Klassiker wie George Gershwin und Kurt Weill, deren Songs die Sängerin Jocelyn B. Smith darbietet, ebenso wie der modernere Dmitri Schostakowitsch und schließlich auch der avantgardistisch geprägte Thomas Adès, der gleichermaßen im Jazz wie in elektronischer Clubmusik bewandert ist (Haus des Rundfunks, 24. 1., 19.30 Uhr, 30 Euro).

In Clärchens Sonntagskonzert mit dem Mahler Quartett im Spiegelsaal könnte man beim flüchtigen Blick in die Ankündigung ebenfalls einen Kontrast erwarten. Der Romantiker Johannes Brahms ist mit seinem zweiten Streichquartett zu hören, ihm gegenübergestellt haben die vier Musiker ein Werk von Anton Webern, der als Schüler des Zwölftonmusikbegründers Arnold Schönberg zum Kern der „Zweiten Wiener Schule“ der modernen Musik gehört und selbst großen Einfluss auf die serielle Musik hatte mit seinen verdichteten, knappen Kompositionen.

Für seine Verhältnisse recht lang, etwa acht Minuten, ist dagegen der „Langsame Satz für Streichquartett“ von 1905, der am Sonntag erklingt. Doch von Moderne war in Weberns Musik zu der Zeit noch wenig zu hören. Eher spätromantisch gibt sich dieses Fragment, aus dem ursprünglich ein vollständiges Quartett werden sollte (Spiegelsaal, 25. 1., 18 Uhr, 25 Euro).

Am Donnerstag geht es in der Tischlerei der Deutschen Oper dann kurios zu. Der Schlagzeuger und Komponist Max Andrzejewski hat reichlich Erfahrung im Jazz, aber ebenso mit Neuer Musik, die Grenzen verlaufen bei ihm sehr offen. So auch in seiner „seltsam befriedigenden Musiktheaterinstallation“, deren Titel gleichermaßen an die Rolling Stones wie an einen Kopierfehler denken lässt: „Satisfactionaction“ beschäftigt sich mit Phänomenen, die das Gehirn befriedigen, ohne dass man sie als im üblichen Verstande „sinnvoll“ bezeichnen könnte. Dazu gehört das Zerschneiden von Schaum.

„Oddly satisfying“ nennen sich derlei Dinge, denen Andrzejewski mit seinem Musikerensemble und Sängerinnen der Chöre Vocantare und Vox Bona in einem vom Künstler Lukas Zerbst gestalteten Raum nachgeht. Das Absurde geschieht jedoch nicht völlig ohne Zweck, Andrzejewski interessieren durchaus Fragen wie die soziale Funktion von solchem Quatsch. Das aber auf eine, so lässt sich vermuten, sehr anregende Weise (Deutsche Oper, 29. + 30. 1., 20 Uhr, 25/10 Euro).

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Kulturredakteur
Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.
Mehr zum Thema

0 Kommentare