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Thailand hat neuen PremierministerEin Regierungschef namens Maus

Der alte und neue Regierungschef Thailands ist eher konservativ und schwerreicher ehemaliger Bauunternehmer. Er gilt als gewiefter Strippenzieher.

Eng mit dem Militär? Ministerpräsident Anutin Charnvirakul Foto: Chalinee Thirasupa/reuters

Aus Kuala Lumpur

Robert Lenz

Anutin Charnvirakul ist der vierte thailändische Premierminister in drei Jahren. Der eher konservative, schwerreiche ehemalige Chef des familieneigenen Baukonzerns wurde am Donnerstag mit großer Mehrheit zum Regierungschef und damit zu seinem eigenen Nachfolger gewählt.

Im Amt ist der royalistische Anutin, 58, bereits seit September. Nach der Entlassung seiner Vorgängerin Paetongtarn Shinawatra von der Pheu-Thai-Partei durch das Verfassungsgericht im Sommer 2025 wurde der Chef der Partei Bumjaithai mit Hilfe der progressiven Kräfte im Parlament zum Premierminister einer Minderheitsregierung gewählt. Zur Bedingung machten die Progressiven, innerhalb von vier Monaten Neuwahlen abzuhalten. Im Dezember kam er dann einem Misstrauensantrag der Progressiven mit der Auflösung des Parlaments zuvor.

Thais haben lange Namen, die selbst für Einheimische zum Zungenbrecher werden können, weshalb jeder auch einen superkurzen Spitznamen hat. Der des neuen Premierministers lautet Noo – auf Deutsch „Maus“. Der Name geht zurück auf eine 2016 erschienene Biografie „Wo ein Loch ist, ist auch eine Maus“ und würdigt Anutins Talent, sich aus brenzligen Situationen herauszuwinden und Chancen beim Schopf zu packen.

In Thailands notorisch turbulenter Politik hat sich Anutin seit der Übernahme der Partei Bumjaithai von seinem Vater vor über zehn Jahren den Ruf eines gewieften Strippenziehers erworben. Bumjaithai war seitdem Juniorpartner in den gewählten Regierungen, deren Koalitionen nicht zuletzt aufgrund Anutins Geschick als Makler der Macht gebildet werden konnten.

Cannabis-Legalisierung

In der gewählten Regierung des ehemaligen Putschgenerals Prayut Chan-o-cha reüssierte Anutin 2019 als Gesundheitsminister, eigentlich nicht der glamuröseste Job. Dann aber brach die Coronapandemie aus. Mit der Durchsetzung harscher Lockdowns, die Organisation der Impfkampagne, dann der Legalisierung von Cannabis und als Innenminister in der Regierung seiner Vorgängerin wurde Anutin aber eine landesweit bekannte wie auch kontroverse Figur.

Die Wahl im Februar dieses Jahres hat seine Partei dann gegen die Progressiven erdrutschartig gewonnen, eine Überraschung. Inmitten des schwelenden, von Anutin aus wahltaktischen Gründen am Köcheln gehaltenen militärischen Konflikts mit Kambodscha und der immer volatiler werden politischen Weltlage präsentierte sich Anutin mit seinem Amtsbonus als erfahrener und durchaus effizienter Regierungschef.

Anutins jetzige Koalition mit der Pheu-Thai-Partei des Politclans der Shinawatras entbehrt nicht einer gewissen Ironie. 2008 nämlich waren eine Reihe einflussreicher Politiker aus der damals regierenden Partei der Shinawatras ausgetreten und hatten Bumjaithai gegründet.

Anutins Versprechen, dem lange Zeit von politischen Turbulenzen und Dramen geprägten Thailand Stabilität und die lahmende Wirtschaft in Schwung zu bringen, ist erst mal Makulatur. Der Irankrieg beschert auch dem Königreich explodierende Preise für Öl und Gas und die Unterbrechung von Lieferketten. Zudem sind die steigenden Kosten für Flugtickets ein schwerer Schlag ins Kontor für Thailands kränkelnden Tourismus.

Gleichwohl erlebten die Thais bei der live im TV übertragenen Wahl des Premierministers einen gutgelaunten Anutin. Im Vertrauen auf seine Maus-Fähigkeiten versprach er vor thailändischen Medien: „Die Regierungskoalition ist bereit … dem Land Wohlstand zu bringen.“

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