Tagebuch aus der Ukraine: Sehr viel Kindheit, sehr wenig Eltern
Auf 30 Kinder, die auf Adoption warten, kommt in der Ukraine gerade mal eine Familie, die sie aufnehmen will. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe.
I n der Ukraine wird viel über Reformen gesprochen. Das liegt auch daran, dass der Krieg die Modi, wie die Gesellschaft, ihre Familien und ihre sozialen Zusammenhänge bislang organisiert gewesen sind, weitgehend zerstört hat.
Ein Beispiel, das gar kein Randthema behandelt, ist dies: In den Medien und öffentlichen Debatten taucht seit einiger Zeit immer wieder die Information auf, dass auf ein zur Adoption bereites Ehepaar oder eine entsprechende Einzelperson in der Ukraine fast 30 Kinder kommen. Das bedeutet: Ende 2025 verzeichnete die staatliche Statistik 59.350 Waisen und Kinder ohne elterliche Fürsorge. Denen standen lediglich 2.097 registrierte Paare oder Menschen, die sich um die Adoption eines Kindes bemühen und die Verantwortung übernehmen wollen. Rein rechnerisch kommen damit rund 28 Kinder auf einen potenziellen Adoptivelternteil.
Diese Zahl erweckt den Eindruck, als seien die Kinderheime überfüllt mit Kindern, die sofort bereit wären, in eine Familie zu ziehen, sobald sich nur genügend Interessenten finden. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus. Die überwiegende Mehrheit dieser Kinder kann derzeit rechtlich nicht adoptiert werden. Sie leben bereits in Pflegefamilien oder stehen unter der Obhut von Verwandten – meist Großmütter, Großväter, Tanten oder Onkel. Offiziell haben sie den Status „Waisen“ oder „ohne elterliche Fürsorge“, aber: sie haben ein Zuhause. Die Statistik sähe vermutlich anders aus, wenn auch Ausländer Kinder aus der Ukraine adoptieren dürften. Wegen des Krieges ist die internationale Adoption jedoch derzeit gesetzlich verboten.
Julia Nikandrova ist Expertin für Jugendhilfe und leitete viele Jahre die Abteilung für Kinderangelegenheiten des Stadtrats von Odessa. Die Ukraine dürfe „nicht einfach die Schleusen öffnen“, erklärt sie bestimmt. Der Staat habe derzeit selbst keinen vollständigen Überblick über die Lage im Kinderschutz.
Eine emotionale Entscheidung nach dem Motto „Jedes Kind braucht Eltern“ wäre gefährlich. „Wir dürfen das Schicksal unserer Kinder nicht aufs Spiel setzen, um später die Folgen korrigieren zu müssen.“ Nikandrova führt aus: „Ein Kind sollte in einer Familie aufwachsen. Die entscheidende Frage ist nur: in welcher Familie, unter welchen Bedingungen und auf welchem Weg kommt es dorthin?“ Schon innerhalb der Ukraine sei eine wirksame Kontrolle nicht immer möglich. Im Ausland aber verliere der Staat erst recht den Überblick.
Der Krieg und die Traumatisierung von Jugendlichen
Seit Jahren wird in der Ukraine über die Reform des Heimsystems diskutiert. Immer häufiger wird die Forderung erhoben, Kinderheime abzuschaffen. Doch viele der betroffenen Kinder sind schwer traumatisiert. Manche leiden unter Suchterkrankungen, zeigen autoaggressives Verhalten oder laufen immer wieder von zu Hause oder aus Einrichtungen weg. Andere benötigen eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch ein Team von Fachkräften.
Wer ist heute bereit, ein solches Kind in einer gewöhnlichen Pflege- oder Adoptivfamilie aufzunehmen? Pflegefamilien, die für Jugendliche mit schweren Verhaltensauffälligkeiten spezialisiert sind, gibt es in der Ukraine kaum. Zudem gibt die Gesetzgebung nur wenige Möglichkeiten an die Hand, gefährdete Kinder vor sich selbst zu schützen.
Und noch ein weiteres Problem kommt hinzu: Nach ukrainischem Recht dürfen Geschwister nicht getrennt werden. Wer ein Kind adoptieren möchte, erfährt daher oft, dass es drei oder vier Geschwister hat. Eine so große Geschwistergruppe aufzunehmen, können jedoch nur die wenigsten Familien.
Trotz dieser Schwierigkeiten werden in der Ukraine jedes Jahr etwas mehr als Tausend Kinder adoptiert. Weitere Tausende kommen unter Vormundschaft oder in andere familienbasierte Betreuungsformen. Über eine Wiederaufnahme internationaler Adoptionen wird derzeit in der Ukraine nicht ernsthaft diskutiert. Voraussichtlich wird dieses Thema erst nach dem Ende des Krieges auf die politische Tagesordnung kommen.
Hinter jeder Zahl steht ein Kind – mit einer eigenen Geschichte, eigenen Bedürfnissen und ganz unterschiedlichen Chancen, eine Familie zu finden. Wer wirklich im Interesse dieser Kinder handeln will, sollte deshalb nicht bei der Statistik beginnen, sondern bei der Frage, wer diese Kinder sind und welche Unterstützung jedes einzelne von ihnen braucht.
Tatjana Milimko ist Chefredakteurin des ukrainischen Onlinenachrichtenportals USI.online und Alumna der taz panterstiftung (Workshops für Journalist:innen aus Osteuropa)
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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