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Tagebuch aus RusslandAls Computer fehlten, aber Patriotismus noch nicht da war

In Russlands Schulen zeigt sich die innere Militarisierung besonders. Alles ist da: sowohl moderne Technik als auch Militarismus und Indoktrination.

A ls ich nahe Saratow im Südosten Russlands zur Schule ging, da bröckelte der Putz von den Wänden. Die Holzböden waren schief, die Toiletten meist außer Betrieb. Im Herbst saßen wir oft mit Jacken im Unterricht, weil nie die Heizung rechtzeitig eingeschaltet wurde. Wie man die Heimat richtig zu lieben hat, das erklärte uns damals niemand.

Meine Schulzeit fand im Russland der frühen 2000er Jahre statt, und da waren die Schulen chaotisch, arm und teilweise auch rückständig. Oft fehlte es an Englischlehrern, an Computern und erst recht an Beamern. Doch eines gab es dort ganz sicher nicht: tägliche Flaggenzeremonien mit der Nationalhymne und der systematischen Vermittlung staatlicher Ideologie.

Mittlerweile wurde meine frühere Schule grundlegend saniert. Es gibt dort inzwischen sogar ein Schwimmbad und ein Stadion. Doch heute finden dort auch die sogenannten „Gespräche über das Wichtige“ statt: ideologische Unterrichtsstunden, in denen Kindern Patriotismus und „traditionelle geistig-moralische Werte“ vermittelt werden. Und zwar genau so, wie der russische Staat diese Werte versteht.

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Vielleicht war Literatur damals unser wichtigstes Fach. Dort lernten wir, nachzudenken und eigene Gedanken zu formulieren. Meine Lehrerin sprach offen über das Schicksal von Alexander Solschenizyn und den Gulag. Und sie erzählte von der erzwungenen Emigration Joseph Brodskys.

In meiner Schulzeit fehlte es an Englischlehrern, aber es gab keine tägliche Flaggenzeremonie

Als Dinge noch beim Namen genannt wurden

Ähnlich war es im Geschichtsunterricht. Dort wurde über die stalinistischen Repressionen gesprochen – und die Dinge wurden beim Namen genannt. Auch der Tag des Sieges war noch nicht jenes militarisierte Spektakel, zu dem er heute geworden ist.

Gewiss, schon damals sangen wir Kriegslieder. Wir sind mit ihnen aufgewachsen. Doch im Mittelpunkt standen mehr die Opfer des Zweiten Weltkriegs, weniger die angebliche „Unbesiegbarkeit“ Russlands.

Als ich zur Schule ging, verstand ich nichts von Politik. Mehr noch: Politik interessierte mich überhaupt nicht. Aber eines weiß ich sicher: Ich hatte nie das Gefühl, dass die ganze Welt Russland feindlich gegenübersteht. Genau dieses Gefühl versuchen die Behörden heute vielen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln.

Nach 2022 begann der russische Staat ernsthaft damit, das Bildungssystem zu „patriotisieren“. Eingeführt wurden nicht nur die „Gespräche über das Wichtige“, sondern auch neue Schulbücher für Geschichte und Gesellschaftskunde. In diesen Lehrbüchern sind die Grenzen Russlands bereits so eingezeichnet, als wäre der Krieg gegen die Ukraine mit einem russischen Sieg beendet worden.

„Familienkunde“ und die Macht der orthodoxen Kirche

Inzwischen gibt es an russischen Schulen sogar ein eigenes Fach namens „Familienkunde“. Es wurde unter Mitwirkung der orthodoxen Kirche entwickelt. Darin lernen Mädchen, bescheiden und keusch zu sein. Sie werden auf ein Leben als Mutter vieler Kinder vorbereitet, während Schwangerschaftsabbrüche verurteilt werden.

Als ich zur Schule ging, wurde über Sex überhaupt nicht gesprochen. Doch der Staat versuchte damals auch nicht, für uns zu entscheiden, wie wir leben sollten. Ich bin vielmehr mit der Vorstellung aufgewachsen, dass man zuerst studieren, einen Beruf erlernen und finanziell auf eigenen Beinen stehen sollte – und erst danach über eine Familie nachdenkt.

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Ich bin in einem anderen Russland aufgewachsen – einem Russland, das mit dem heutigen nur noch wenig gemeinsam hat.In meiner ehemaligen Schule gibt es inzwischen ein Schwimmbad, einen Beamer und Computer in jedem Klassenzimmer. Doch die Freiheit, die es damals in dem alten Schulgebäude mit seinen kalten Klassenräumen und schiefen Holzböden gab, die scheint verschwunden zu sein.

Yulia Akhmedova hat Russland nach dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine 2022 verlassen und lebt und arbeitet als Journalistin im Exil in Riga. Sie ist unter anderem Korrespondentin für Novaya Gazeta Europe[Link auf https://novayagazeta.eu/en].

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

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