Studierendenproteste in Senegal: „Das ist nicht mehr meine Regierung“
In Senegal protestieren die Studierenden schon seit Monaten wegen nicht ausgezahlter Stipendien. Nun eskaliert die Lage weiter.
„Das ist nicht mehr meine Regierung“, sagt Thierno. Der 24-Jährige ist Medizinstudent an der Universität Cheikh-Anta-Diop (UCAD) in Dakar. Am vergangenen Montag war bei Protesten an der größten Universität des westafrikanischen Landes ein Student getötet worden.
Seither fordert die Studierendenschaft Rechenschaft und Aufklärung. Denn Abdoulaye Ba, ein Zahnmedizin-Student, starb, als Sicherheitskräfte gewaltsam das Campus-Gelände stürmten. Aufnahmen zeigen von Tränengas und Flammen verrauchte Gebäude, Studierende, die in alle Richtungen fliehen, und Polizei, die mit Schlagstöcken prügeln.
Während der Staatsanwalt von Dakar am Samstag noch bekannt gab, dass es für Gerüchte über körperliche Gewalt gegen das Opfer keine Beweise gäbe, spricht der mittlerweile veröffentlichte Autopsiebericht eine andere Sprache. Von mehreren Rippenbrüchen, einer Gehirnerschütterung und inneren Blutungen ist dort die Rede.
Unter der Studierendenschaft herrscht Empörung. Auch Thierno ist wütend. Darüber, dass die Regierung sich bis auf ein kurzes Statement, in dem der Tod des Studenten als tragisch bezeichnet wurde, nicht geäußert hat.
Seit November protestieren die Studierenden immer wieder
109 Studierende waren an besagtem Montag im Rahmen der Razzia festgenommen worden. 106 sind in der Zwischenzeit wieder freigelassen wurden, drei sind weiterhin in Haft, bestätigt Anwalt Ngone Diop. Er ist Teil eines Anwaltskollektivs, das sich bereit erklärte hat, die Studierenden kostenfrei vor Gericht zu vertreten. Den drei Inhaftierten wird vorgeworfen, den Protest organisiert zu haben.
Seit November kommt es im ganzen Land immer wieder zu Studentenprotesten. Hintergrund sind Stipendien, die seit mehreren Monaten nicht ausgezahlt wurden.
„Auf dieses Geld sind viele von uns angewiesen“, sagt der Student Khadim. Die Höhe des Stipendiums hängt von den Noten und dem Studienjahr ab. Ein Masterstudent kann zum Beispiel 60.000 CFA (etwa 100 Euro) monatlich bekommen, während ein Bachelorstudent im ersten Jahr 20.000 CFA (etwa 35 Euro) erhält.
Senegals Wirtschaftslage ist prekär und die Bevölkerung sieht sich mit kontinuierlich steigenden Lebenshaltungskosten konfrontiert. Dass seit nunmehr fast einem Jahr die finanzielle Unterstützung des Staates ohne Erklärung ausbleibt, hatte schon im November dazu geführt, dass die Studierenden sich mit den Sicherheitskräften regelrechte Schlachten lieferten und mit Steinen gegen Tränengas anschmissen.
„Unverhältnismäßige Gewaltanwendung“
Der Einsatz am Montag, bei dem Sicherheitskräfte das Campusgelände stürmten und sich nicht, wie sonst, auf das Verriegeln der Aus- und Eingänge beschränkten, markiert dabei jedoch eine Eskalation. Mehrere Menschenrechtsorganisationen, darunter Amnesty International Senegal, verurteilten die „unverhältnismäßige Gewaltanwendung“.
Der Unterricht geht nun weiter, doch die Studentenwohnheime sind vorerst geschlossen. „Das ist vor allem für diejenigen unter uns ein Problem, die von weit her kommen und keine Unterbringungsmöglichkeiten in Dakar haben“, sagt Thierno.
Die Wahl von Präsident Bassirou Diomaye Faye im Jahr 2024 hatte vor allem unter der Jugend des Landes Hoffnung auf Veränderung geweckt. Sein Parteikollege, der heutige Premierminister Ousmane Sonko, hatte Arbeit, eine Senkung der Lebenshaltungskosten und die regelmäßige Auszahlung der Stipendien versprochen – und damit auch gegen das Regime des damaligen Präsidenten Macky Sall gewettert.
Doch die Realität nach Amtsantritt war brutal:Kurz nach Amtsübernahme wurde ein Haushaltsloch von 13 Milliarden Dollar festgestellt. Versteckte Schulden in einer Höhe, die ihresgleichen sucht. Über Jahre waren unter der Vorgängerregierung Bilanzen gefälscht worden, die das wahre Ausmaß von Senegals Verschuldung vertuschten.
Die Auswirkungen zeigen sich nun in vielen Bereichen. Die Studenten Thierno und Khadim sind sich jedoch einig: Das eine sei die Verschuldung. Das andere aber ist die Gewalt, mit der gegen sie und andere Studenten vorgegangen wird: jene Polizeigewalt, die Ousmane Sonko und Diomaye Faye vehement verurteilt hatten, als sie noch unter Vorgängerpräsident Macky Sall verübt wurde.
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