Studie zu Mediensucht bei Jugendlichen: Wenn die Kids dem KI-Chatbot vertrauen
Online-Plattformen sorgen für eine riskante Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Das zeigt eine Studie. Auch KI-Chatbots können schädlich sein.
Social Media, Gaming- und Videoplattformen und nun auch KI-Chatbots erhöhen einer am Dienstag vorgestellten Studie zufolge den riskanten Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen. So kommt die Untersuchung des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) im Auftrag der Krankenkasse DAK Gesundheit unter anderem zu dem Ergebnis, dass rund 350.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland süchtig sind nach der Nutzung von Social Media. Bei über einer Million Minderjährigen zeige sich eine riskante Mediennutzung. Während bei dieser der Alltag noch nicht vernachlässigt wird, ist das bei Sucht oder Abhängigkeit anders: Betroffene vergessen dann Termine oder Aufgaben und vernachlässigen menschliche Beziehungen.
Das DZSKJ am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf untersucht im Auftrag der Krankenkasse seit 2019 das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Dabei werden repräsentativ ausgewählte Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren mit jeweils einem Elternteil dazu befragt, wie sie digitale Medien verwenden. Insgesamt sind gut 1.000 Familien dabei. Während es bereits in den vergangenen Erhebungswellen um Social Media, Gaming und Videoplattformen ging, wurde nun zum ersten Mal auch die Nutzung von KI-Chatbots untersucht.
Hier sehen die Forschenden eine problematische Entwicklung: So fühle sich jede:r zehnte der jungen Befragten von KI mindestens manchmal besser verstanden als von Menschen. Gut 40 Prozent vertrauten den KI-Chatbots oft oder sehr oft. „Diese Chatbots sind so programmiert, dass sie die Nutzenden möglichst lange dabei halten, indem sie soziale Beziehungen imitieren“, sagte Kerstin Paschke, Studienleiterin und ärztliche Leiterin des DZSKJ, bei der Vorstellung der Studie. So werde die Bildung parasozialer Beziehungen begünstigt. Das sind Beziehungen, die auf Einseitigkeit beruhen, etwa zu einem Star oder eben einem KI-Chatbot.
Debatte über Altersgrenze
„Die Kinder und Jugendlichen, die ein hohes Bindungsverhalten zu Chatbots zeigen, zeigen auch höhere Ausprägungen bei psychosozialen Belastungen wie depressiven Symptomen, Angst oder Stress“, erklärte Paschke. Daraus ließe sich nicht schließen, dass die Nutzung der Chatbots die Ursache für die Belastungen sind, betonen die Autor:innen in der Studie. Allerdings deuteten die Befunde darauf hin, dass Kinder und Jugendliche die Chatbots nutzten, um mit Belastungen oder Einsamkeit umzugehen.
Die Studie erscheint zu einem Zeitpunkt, zu dem in Deutschland und vielen anderen Ländern über Altersgrenzen für Social-Media-Plattformen debattiert wird. In Australien gilt seit Dezember ein Mindestalter von 16 Jahren. Bislang sind die Erfahrungen hier durchwachsen. Zwar deaktivierten oder löschten die 10 von dem Gesetz umfassten Plattformen mit dem Inkrafttreten des Verbots zunächst 4,7 Millionen Accounts von Menschen unter 16. Doch Zahlen, wie viele Accounts von Kindern und Jugendlichen es vor dem Verbot gab, fehlen. Zudem gelingt es dennoch zahlreichen unter 16-jährigen, die Alterserkennung der Plattformen auszutricksen – etwa durch falsche Schnurrbärte oder Stirnrunzeln, wenn eine Software das Alter bestimmt.
In Deutschland und Europa fordern viele Befürworter:innen einer Altersgrenze daher, dass Nutzer:innen mit einer digitalen Ausweisfunktion das erforderliche Mindestalter nachweisen müssen. Bürgerrechtler:innen warnen hingegen, dass das eine anonyme Nutzung von Internet-Diensten gefährden würde – und dass es Menschen ausschließen würde, die keinen Zugang zu den entsprechenden Ausweissystemen haben. Auch der Kinderschutzbund spricht sich gegen ein Mindestalter aus, da dieses junge Menschen auch in ihren Rechten auf Kommunikation und Teilhabe einschränken würde. Alternative könnte ein strenges Vorgehen gegen süchtigmachende Mechanismen wie Push-Nachrichten und Autoplay bei Videos sein.
Studienleiterin Paschke hielt bei der Studienvorstellung eine Altersgrenze von 14 für eine Jugendversion der Plattformen für sinnvoll und eine Grenze von 16 für die Erwachsenenversion. DAK-Chef Andreas Storm forderte mindestens einen Kabinettsbeschluss zu einem Mindestalter noch vor der Sommerpause. Wahrscheinlich ist das nicht, soll doch erst im Sommer eine von der Bundesregierung eingesetzte Expert:innenkommission ihre Empfehlungen vorstellen.
In der Studie selbst geben die Autor:innen kein Plädoyer für oder gegen eine Altersgrenze – jedoch andere Empfehlungen: unter anderem eine deutliche Verbesserung des Angebots von analogen Freizeit- und Familienaktivitäten, Fördermaßnahmen in Kitas und Schulen, um die psychische Resilienz von Kindern und Jugendlichen zu stärken, und eine gezielte Medienkompetenzvermittlung durch Schulen und Eltern.
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