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Streit um Fußball-Fans aus IsraelPolizei ließ sich von Vorurteilen leiten

Maccabi Tel Aviv kickte 2025 bei Aston Villa. Ein offizieller Bericht zeigt: Die Sicherheitsanalyse der Polizei über israelische Fans war falsch.

Eine britische Pro-Israel-Demonstrantin muss vor dem Spiel von Aston Villa gegen Maccabi Tel Aviv von der Polizei geschützt werden Foto: News Licensing/imago

Ein erster Zwischenbericht liegt vor. Sir Andy Cooke, der die Arbeit der britischen Polizeidienste zu prüfen hat, hat am vergangenen Mittwoch einen ersten Bericht zu dem Euroleague-Spiel zwischen Aston Villa und Maccabi Tel Aviv am 6. November vergangenen Jahres präsentiert.

Schon früh geäußerte Kritik an der West Midlands Police, der zweitgrößten britischen Polizeibehörde, sie habe die Sicherheitsrisiken für dieses Spiel völlig falsch eingeschätzt, wird in Cookes Bericht weitgehend bestätigt.

Sein Bericht war von der britischen Innenministerin Shabana Mahmood in Auftrag gegeben worden. Nun erklärte Mahmood, sie habe kein Vertrauen in den Polizeichef der Behörde. Interessant ist, dass diese Einschätzung parteiübergreifend und nahezu geschlossen im Unterhausabgeordneten geteilt wird.

Die Polizei habe Fakten nur so interpretiert, dass sie zu ihren eigenen Vorurteilen passen, heißt es

Cooke spricht in seinem Bericht von einer „confirmation bias“, einem aus der Psychologie bekannten Bestätigungsfehler, wonach man Fakten nur so wahrnimmt, dass sie zu den eigenen Vorurteilen passen. Die Polizei habe also, so Cooke, bestimmte Fakten überbewertet und so falsch dargestellt, um zu der Entscheidung zu gelangen, Maccabi-Fans nicht zum Spiel kommen zu lassen. Zudem bemängelt Cooke, dass die Polizei keinen Kontakt mit der jüdischen Gemeinschaft vor Ort gesucht habe.

Einseitige Lesart der Amsterdamer Vorfälle

Gleichwohl erkennt Cooke keine antisemitische Motivation im Handeln der Polizei. Vielmehr seien bloß bestimmte Tatbestände zu Fakten zu einem Spiel, das ein Jahr zuvor, im November 2024, in den Niederlanden zwischen Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv stattgefunden hatte, falsch dargestellt. Damals war es zu schweren Angriffen gegen Fans des israelischen Klubs gekommen.

Zu den Fehlern der West Midlands Police gehört etwa, dass die Zahl der damals eingesetzten Po­li­zis­t:in­nen mit 5.000 mehr als dreimal so hoch dargestellt wurde als von der niederländischen Polizei bestätigt. Oder die Behauptung, dass damals ein propalästinensischer Demonstrant in einen Kanal geworfen worden sei. Die gesamte Darstellung, wonach die Schuld der Amsterdamer Vorfälle bei den Fans von Maccabi Tel Aviv zu suchen sei, ist nicht zu halten. Stattdessen, so Cooke, waren Maccabi-Fans gezielt angegriffen worden.

Wenige Stunden, bevor Cookes Bericht veröffentlicht wurde, hatte Craig Guildfort, der Polizeichef der West Midlands Police, zugegeben, dass seine Behörde sich bei der Gefahrenanalyse vor dem Aston-Villa-Spiel der künstlichen Intelligenz von Microsoft Co-Pilot bedient hat – mit bemerkenswerten Ergebnissen. So wurde der Bericht eines Spiels zwischen Maccabi Tel Aviv und West Ham United ausgespuckt, das 2023 in England stattgefunden hätte. Das Spiel gab es jedoch nicht. Microsoft gab inzwischen an, dass man bei Versuchen das von der Behörde angegebene Ergebnis nicht replizieren kann.

Obwohl Maccabi Tel Aviv nach Amsterdam etliche internationale Spiele ausgetragen hatte – alle ohne größere Vorfälle – hatte die Behörde keine Anstalten gemacht, sich mit den Polizeikräften in diesen Ländern auszutauschen, so Cooke weiter.

Antisemitismus wurde völlig ausgeblendet

Und noch etwas hat West Midlands Police völlig ignoriert. Dass nämlich vier Wochen vor dem Spiel Maccabis bei Aston Villa zum bislang schwersten antisemitischen Terroranschlag in der britischen Geschichte gekommen war: Am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, war eine Synagoge in Manchester angegriffen worden. Nicht zuletzt deswegen sei das Euro-League-Spiel des israelischen Klubs von nationaler und internationaler Bedeutung gewesen.

Nur ein Abgeordneter widersprach im Unterhaus dem Bericht von Andy Cooke. Ayoub Khan, der zu der von Jeremy Corbyn und Zarah Sultana gegründeten linken „Your Party gehört, sprach von einer „Hexenjagd“ auf den Polizeichef und von „schamlosen Rassismus und Gewalt der Maccabi Fans“.

Die Innenministerin kann den Polizeichef nicht selbst feuern. Das kann derzeit nur der Polizeikommissar der Großregion Birmingham. Der teilte mit, dass er sich Zeit nehme, alles zu prüfen und womöglich den Abschlussbericht Cookes und einen parlamentarischen Untersuchungsbericht abwarten wolle.

Vielleicht ist auch das Politik. Bereits im November entschied die britische Regierung, derartige Kontrollstellen abzuschaffen, da sie teuer seien und wenig brächten. Wegen des Vorfalls mit der West Midlands Police will sich Innenministerin Mahmood nun die Kompetenz, eine Polizeiführung feuern zu dürfen, zurückholen.

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