Streit um AKW Brunsbüttel

Mühen des Rückbaus

Das Atomkraftwerk Brunsbüttel soll rückgebaut werden – nun streiten Kritiker, Behörde und Betreiber, wie sicherer Rückbau aussieht.

Atomkraftwerk Brunsbüttel

Nur darüber, dass er weg soll, herrscht Einigkeit: Atommeiler in Brunsbüttel. Foto: dpa

KIEL taz | Blechtonnen mit dem Strahlen-Warnsignal, Gitarrenklänge und Protestlieder: „Schluss mit der Atomkraft“, singt der Chor, der sich an der Tür des Elbeforums Brunsbüttel aufgestellt hat, um die Gäste des „Erörterungstermins zum Abbau des Kernkraftwerks Brunsbüttel“ zu begrüßen. Robert Habeck, Minister für Energiewende und oberster Dienstherr der Strahlenschutzbehörde in Schleswig-Holstein, wippt mit.

Das Ziel der Demonstranten könnte der Grüne sofort unterschreiben – „der Einstieg in die Atomkraft war ein historischer Fehler“, sagt er später in seiner Rede im Saal. Und auch Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter der Vattenfall GmbH für Norddeutschland, erklärt: „Vattenfall will die Geschichte zu Ende schreiben, Vattenfall hat sich für den Rückbau entschieden.

„Alle einig? Keine Spur: „Abbau ja – aber sicher“, fordert der Umweltverband Bund. Karsten Hinrichsen, Atomkraftgegner aus Brokdorf, präzisiert: „Wir alle wollen, dass Brunsbüttel zurückgebaut wird – aber nicht um jeden Preis.“

Noch erhebt sich der schwarze Block des Kraftwerks nahe der Elbe. „Ich hatte das Ziel, dass am Ende meiner Amtszeit dort Schafe weiden“, sagt Habeck. „Aber es wird länger dauern.“

Brunsbüttel war von 1976 bis 2007 in Betrieb. Der Siedewasserreaktor galt als störanfällig und hatte lange Ausfallzeiten.

2012 wurde festgestellt, dass Fässer mit schwach radioaktivem Müll verrostet waren – sie lagern in Kavernen auf dem Gelände.

Im Juli 2013 entzog ein Gericht dem Zwischenlager für Castoren mit mittel und stark radioaktivem Müll die Betriebserlaubnis.

Für den Abbau des Meilers muss nun ein Lager für schwach und mittel radioaktive Abfälle errichtet werden.

Bis Schacht Konrad für schwächer belasteten Müll bereit und ein Endlager für stark verstrahlten Müll gefunden ist, werden die Abfälle wahrscheinlich in Brunsbüttel bleiben.

Von rund 20 Jahren gehen das Ministerium und Vattenfall für den gesamten Prozess aus, der mit der Stilllegung angefangen hat – wobei politische wie technische Überraschungen nicht ausgeschlossen sind (siehe Kasten).

Der jetzige Erörterungstermin, bei dem Anwohner und Verbände ihre Bedenken äußern dürfen, ist ein Schritt auf dem Weg zur ersten Abbauphase.

Fast 900 Personen haben Einwände eingereicht, darunter sind viele Sammelbeschwerden. „Technisch sind alle Fragen eines Rückbaus gelöst“, betont Ingo Neuhaus, Technischer Geschäftsführer bei Vattenfall.

Radioaktiv belastet seien nur zwei Prozent des Gebäudes, die übrigen 98 Prozent könnten „in den konventionellen Stoffkreislauf“ eingespeist, also zu einer normalen Deponie gebracht werden: „Salopp gesagt, geht es vor allem um Putzen und Saubermachen.“

Eben das bezweifeln die Gegner: „Vattenfall weiß gar nicht, was in dem schwarzen Kasten drin ist“, sagt Karsten Hinrichsen. Statt pauschal den Rückbau zu genehmigen, müsse ein genauer Plan her. In der Atomaufsicht des Landes hält man das für schwierig: Erstens seien nicht alle kontaminierten Bereiche zugänglich, zweitens könnten sich Strahlenbelastungen im Lauf des Verfahrens ändern.

Kritiker Hinrichsen kontert: Das Ministerium gehe dem Betreiber auf den Leim. Die Behörde setzte „die wirtschaftlichen Ziele von Vattenfall über den Strahlenschutz“.

Robert Habeck weist das zurück: Es werde nach „Recht und Gesetz“ entschieden. Aber stimmen die Gesetze, etwa beim Grenzwert? So sind nach offizieller Meinung Strahlungsschwankungen unter zehn Mikrosievert nicht messbar. Falsch, meint Werner Neumann, der als Experte des BUND Kraftwerkrückbauten begleitet.

Viele der Grundlagen, auf denen das Zehn-Mikrosievert-Konzept beruhe, seien fachlich überholt oder beruhten auf „willkürlich angehobenen“ Werten. Der Effekt: die Zahl „politisch in Kauf genommener Krebstoter“ sei erhöht worden“. Die Atombehörde verweist darauf, dass Schwankungen um zehn Mikrosievert durch natürliche Strahlung vorkommen könnten.

Hinrichsen, der seit Jahrzehnten gegen Atomkraft kämpft, wirft dem Ministerium vor, es lasse sich von Vattenfall erpressen – der Konzern hat zwar den Rückbau beantragt, behält sich aber vor, seinen Antrag verfallen zu lassen, wenn die Auflagen zu hoch sind.

So fordern einige Kritiker, zu warten statt auf Bedingungen der Betreiber einzugehen. Scharf kritisierten Hinrichsen und Neumann, dass zu wenig Unterlagen vorlägen. Laut Vattenfall sind alle „gesetzlich geforderten“ Dokumente veröffentlicht.

Habeck warnt davor, zu lange auf Zeit zu spielen: „Detailfragen dürfen nicht den Blick auf das Große und Ganze verstellen“. Als Beispiel nennt er die Forderung, alle Bauteile als strahlenden Müll zu behandeln und zu lagern: „So viel Deponieplatz gibt es nicht“, so der Minister. „Kritik an Atomkraft darf nicht dazu führen, dass wir beim Rückbau handlungsunfähig werden.“

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