Streik in Frankreichs Krankenhäusern

Notfall Notaufnahme

Weniger Betten, zu wenig PflegerInnen und ÄrztInnen, aber mehr PatientInnen: In Frankreichs Notaufnahmen streikt das Personal – zumindest symbolisch.

ein Tropf neben dem Haltegriff eines Krankenhausbettes

Bis die PatientInnen an den Tropf kommen, können Stunden ohne jede Hilfe vergehen Foto: dpa

PARIS taz | An der Fassade des Pariser Krankenhauses Saint-Antoine, unweit der Bastille, hängen aus Betttüchern gefertigte Spruchbänder mit der Aufschrift: „En grève!“ („Im Streik!“). Doch alle paar Minuten fährt ein SAMU-Ambulanzwagen am Eingang der Notaufnahme „Urgences“ vor. Andere Patienten können noch eigenhändig in die Notaufnahme kommen, am Empfang sehen sie weitere Hinweise darauf, dass hier das Personal streikt. Mit Filzstift steht es auf der weißen Arbeitskleidung der Beschäftigten geschrieben, die hier vorübereilen. Das Personal der Notaufnahme ist offiziell im Streik – trotzdem arbeiten die Beschäftigten mehr denn je.

Wie es wäre, würden sie ernsthaft die Arbeit niederlegen? Das wollen sich weder die Patienten noch die Behörden ausmalen. Der mehr symbolisch wirkende Streik wird in Frankreich sehr ernst genommen, in den französischen Medien erhält er ein fast durchwegs wohlwollendes Echo. Die an der Qualität der Pflege interessierten BürgerInnen haben Verständnis für die Anliegen, für die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen, die zugleich bessere Aufnahmebedingungen garantieren sollen.

In Saint-Antoine hat der Streik vor einem halben Jahr begonnen. Es ging zuerst um Aggressionen, denen das Personal seitens entnervter Patienten oder deren Angehörigen ausgesetzt ist. Da es an verfügbaren Betten mangelt, liegen die Neuankommenden oft bis zu acht Stunden und länger auf Bahren, bis sich jemand um sie kümmert.

Auch hinsichtlich der Zahl der Beschäftigten sind die Notfallstationen praktisch überall in Frankreich vor allem in der Nacht und am Wochenenden unterbesetzt. Absolute Priorität für die Ärzte und Pflegefachleute sind die wirklichen Notfälle, in denen es häufig um Leben und Tod geht. Die anderen müssen sich gedulden.

In der Notaufnahme verstorben

Gelegentlich berichten Frankreichs Lokalzeitungen sogar von Fällen, in denen Patienten nach langem Warten in der Notaufnahme verstorben sind, ohne einen Arzt gesehen zu haben. „Die Notaufnahme ist selber zum Notfall geworden“, erklärt die in Saint-Antoine als Hilfspflegerin beschäftigte Candice Lafarge.

Die 33-jährige verrät, dass ihr Gehalt nach zwölf Jahren unermüdlichen Einsatzes mit 1.500 Euro im Monat nur knapp über dem gesetzlichen Minimallohn liege. Für sie ist das der Hauptgrund für den Personalmangel. Viele ihrer KollegInnen gingen deshalb lieber in private Kliniken oder Altersheime, wo sie mehr verdienten, sagt Lafarge.

Die Regierung möchte zunächst vor allem die Nachfrage drosseln

KollegInnen, die in den Privatsektor wechseln oder gleich den Beruf an den Nagel hängen: Diese Situation kennt auch der diplomierte Krankenpfleger Pierre Schwob. Er macht im Krankenhaus Beaujon in Clichy bei Paris fast ausschließlich Nachtdienst. Jetzt sitzt er in einem Café und sieht bleich und ermüdet aus. „In meiner Notfallabteilung bin ich der Einzige, der es acht Jahren ausgehalten hat“, sagt er.

Er gehört wie Candice Lafarge zum Kollektiv Inter-Urgences, das diesen Streik koordiniert. „Wenn ältere Menschen mehrere Stunden ohne Betreuung auf der Bahre liegen, weil wir kein Bett für sie haben, ist das eine Form von institutioneller Misshandlung“, schimpft Schwob.

10.000 zusätzliche Arbeitsstellen

Auch er erachtet es als vorrangig, die Pflegeberufe im öffentlichen Dienst aufzuwerten. Dazu müssten die Löhne um 300 Euro im Monat erhöht werden. „In vielen Abteilungen gibt es zwar Stellen, doch sie können mangels Bewerbungen nicht besetzt werden“, sagt Schwob. Trotz des Mangels an BewerberInnen fordert das Kollektiv für ganz Frankreich 10.000 zusätzliche Arbeitsstellen für die Notaufnahmen.

Außerdem wollen die Streikenden erreichen, dass die existierenden Aufnahmekapazitäten nicht noch weiter abgebaut werden. Diese seien im Rahmen der Kostensenkungen und Fusionen von Abteilungen in der Provinz in Frankreich in den vergangenen zwanzig Jahren um 100.000 Betten reduziert worden, so Schwob. Ein offizieller Bericht über die Gesundheitseinrichtungen Frankreichs mit Zahlen aus dem Jahr 2017 bestätigt den Bettenrückgang. In der gleichen Zeit hat sich die Patientenzahl Schwob zufolge praktisch verdoppelt. Zu den eigentlichen medizinischen Notfällen kämen Kranke, die keinen Hausarzt haben oder in einer Arztpraxis keinen Termin bekommen konnten, sagt Lafarge.

Die Regierung möchte zunächst vor allem die Nachfrage drosseln. Die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, selbst ehemalige Medizinerin, versuchte den Streikenden bereits in kleinen Schritten entgegen zu kommen. Den Nachtdienst leistenden PflegerInnen will sie eine monatliche Prämie von 100 Euro gewähren. Zudem hat sie im Sommer einen Zusatzkredit von 70 Millionen Euro freigestellt, der es jedoch nur gerade erlaubt hat, ferienbedingte Abwesenheiten durch Angestellte mit Zeitverträgen zu kompensieren.

Diagnose via Internet

Im Gegenzug möchte sie aber den Zugang zu den überfüllten Notfallstationen einschränken und dafür sorgen, dass für die besonders Gefährdeten die Wartezeit ganz weg fällt. Andere Personen, die nicht unbedingt als Notfälle einzustufen sind, sollen entweder zu einem frei praktizierenden Arzt geschickt oder in gewissen Fällen via Internet diagnostiziert werden.

Das wäre neu. Bisher betrachten die FranzösInnen die kostenlose Aufnahme in der Notfall-Abteilung als unverbrüchliches Recht. Zuletzt hat Buzyn von einem „12-Punkte-Plan“ gesprochen, der in vier Jahren 750 Millionen Euro kosten soll. Ihre Priorität bleibt es, möglichst viele Patienten im Voraus in andere Zweige der Medizin umleiten, um Engpässe und Kosten im Krankenhaus zu vermeiden.

Die Streikenden sind von der Machbarkeit und auch der Finanzierung dieser Vorschläge nicht überzeugt. Seit Anfang September unterstützt die Association des médecins urgentistes (AMUF) das Kollektiv Inter-Urgences. Deren Vorsitzender ist der aus den Medien bekannte Notfallarzt Patrick Pelloux.

„Nächstenliebe und die Humanität“

Er wünscht ein Reform des Gesundheitswesens insgesamt: „Es braucht globale Lösungsansätze. Die Notfallstationen sind nicht das einzige Problem“, sagte Pelloux. Ihn ärgert besonders, dass die Regierung immer an die „Nächstenliebe und die Humanität“ appelliert habe, um zu Mehrarbeit anzuspornen: „Einer Pflegerin, die eigentlich vier Patienten betreuen sollte, wird gesagt, sie könne doch auch sechs übernehmen. Natürlich wird sie nicht nein sagen. Sie wird es tun, aber um den Preis einer beruflichen Erschöpfung.“

Inter-Urgences plant weitere Aktionen, um sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Die Regierung kommt dadurch weiter unter Druck, denn die Streikenden erinnern ihre Patienten an ihr gemeinsames Interesse. Am Eingang der Notfallstation von Mülhausen im Elsass etwa werden die Eintretenden von einem Schild begrüßt, auf dem steht: „Sie müssen nicht warten, weil wir im Streik sind – Wir sind im Streik, weil Sie warten müssen.“

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