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Streamer Wow ohne HBO-InhalteSchlechter Gesamtcharakter

Nach dem Start von HBO Max in Deutschland wollen viele Nut­ze­r:in­nen weg von Skys Streaming-Anbieter Wow. Doch das dürfte gar nicht so einfach sein.

WOW-Kunden vergeht gerade das Lachen: Daniel Ings und Peter Claffey in der HBO-Serie „A Knight of the Seven Kingdoms“ Foto: lmk/imago

Seit Jahresbeginn hat die Streaming-Plattform Wow Ähnlichkeit mit einem Supermarkt am Abend vor einem Feiertagswochenende: Nahezu alles, was man haben will, ist weg.

Denn mit dem Start von HBO Max in Deutschland verlor der Serien- und Film-Bezahldienst des Medienkonzerns Sky seine Exklusivrechte für HBO-Inhalte. Diese waren bislang der Unique Selling Point des Anbieters. Viele Abon­nen­t:in­nen dürften also nur wegen der HBO-Serien Wow-Streamer:innen sein.

Laut dem IT-Magazin Golem sind dort nun 110 Serien und 240 Spielfilme verschwunden. Zum Beispiel abgedrehte Serien-Hits wie „Sex and the City“, „Girls“ und „Game of Thrones“. Von den wenig verbliebenen Serien sind meist nur die neuesten Staffeln verfügbar, sodass man keine Serie neu beginnen kann.

Was bei Wow fehlt, ist nun bei HBO Max zu finden, das in Deutschland am 13. Januar startete. HBO Max gehört mit 128 Millionen Abo­nenn­t:in­nen zu den fünf größten Streaming-Anbietern der Welt. Auf dem deutschen Markt war der Dienst bislang nicht verfügbar, da sich Wow die langjährigen Exklusivrechte – die jetzt ausgelaufen sind – gesichert hatte. Anders als Netflix und Prime hatte Wow kaum auf Eigenproduktionen gesetzt, sondern voll auf die exklusiven HBO-Inhalte.

Was ist der „Gesamtcharakter“?

Laut Verbraucherzentrale Hamburg steht Nut­ze­r:in­nen aufgrund des Wegfalls des HBO-Contents ein Sonderkündigungsrecht zu. Das Angebot von Wow sei „erheblich verändert“, der „Gesamtcharakter“ ein anderer, sodass die Voraussetzungen für eine Sonderkündigung erfüllt seien, schreiben die Verbraucherschützer auf ihrer Webseite.

Sky sieht das anders. Die Seite mit dem Kündigungsformular, auf das die Verbraucherzentrale verlinkte, wurde wohl verändert: Dort wird nun unübersehbar verkündet, es würde kein Sonderkündigungsrecht gelten, denn der „Gesamtcharakter“ des Angebots habe sich nicht geändert.

Der „Kern des Programms“ sei weiter enthalten, lediglich seien „einige abgeschlossene Serien von HBO künftig nicht mehr Teil des Angebots“. Wow verweist auf die Serien „White Lotus“, bei der die letzten beiden Staffeln noch verfügbar sind, und auf „Euphoria“, deren neue Staffel im April erscheint.

Im sozialen Netzwerk Reddit berichten dementsprechend zahlreiche Personen, ihre Sonderkündigung wäre zurückgewiesen worden. Stattdessen sei ihnen nach Diskussionen ein Gutschein für einen Monat HBO Max angeboten worden, um dort die fehlenden Serien nachzuholen. Auf Nachfrage der taz, was man Kun­d:in­nen anbiete, die von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen wollen, wiederholte eine Sprecherin von Sky lediglich, dass „sich bei den Veränderungen im Angebot der HBO-Inhalte kein Sonderkündigungsrecht“ ergebe. „Dass sich Lizenzrechte verändern, ist im Streaming-Markt üblich“, so die Sprecherin.

Kurz vorm Ende

„Es überrascht uns nicht, dass Wow die Kun­d:in­nen in den Verträgen halten möchte“, sagte eine Sprecherin der Hamburger Verbraucherzentrale der taz. „Stellen Ver­brau­che­r:in­nen nach Ausspruch der Kündigung die Zahlungen ein und besteht Wow auf diese, wird letztlich ein Gericht entscheiden müssen.“

Damit nutzt Sky seine Macht aus, den es als großes Unternehmen mit Rechtsabteilung und Kapital gegenüber Individuen hat, für die ein Rechtsweg mit unverhältnismäßigen Kosten verbunden ist. Besonders pikant: Zum Black Friday Ende November hatte Wow mit sehr vergünstigten Jahresabos geworben, dabei „exklusive und preisgekrönten Top-Serien, unter anderem von HBO“ angepriesen, obwohl bereits absehbar war, dass diese Inhalte alsbald von der Plattform verschwinden würden.

Ob dies als unlauterer Wettbewerb und Verbrauchertäuschung gewertet werden könne, müsse man laut Verbraucherzentrale genauer prüfen. „Man muss sich die Werbung genau ansehen und das Unternehmen muss zudem natürlich auch bereits gewusst haben, dass ihm die Lizenzen zeitnah nicht mehr zur Verfügung stehen“, sagte eine Sprecherin.

Wows Vorgehen wirkt wie ein letzter verzweifelter Überlebenskampf. Hinzu kommt, dass Sky auch die Bundesliga-Exklusivrechte verloren hat. Das wirft die Frage auf: Wie stellt sich das Medienunternehmen mit seiner Streaming-Plattform Wow zukünftig auf? Oder steuert gar alles auf eine Pleite zu?

„Wow ist kurz vorm Ende“, sagt der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner, Professor an der SRH University of Applied Sciences Berlin, der taz. „Nicht auf Eigenproduktionen zu setzen, war ein strategischer Fehler. So machte sich das Unternehmen abhängig von Studios und anderen Rechteinhabern.“ Eigenproduktionen seien dagegen zentral, um Abo­nenn­t:in­nen dauerhaft zu halten und sich von anderen Anbietern abzuheben. „Wow hat sich nicht zeitgemäß weiterentwickelt, sich zu sehr zurückgelehnt in einem ohnehin wachsenden Geschäftsfeld“, so Kleiners Einschätzung.

Den Grund, warum Wows Management nicht auf Eigenproduktionen gesetzt hatte, kann er allerdings nur erahnen. „Vielleicht war kein Kapital für Eigenproduktionen vorhanden oder man hatte keine guten Ideen, Autoren oder Produktionsfirmen, auf die man setzen konnte.“

Wow versucht indes den Wegfall der HBO-Inhalte zu kompensieren. Man habe „gezielt in Inhalte und Partnerschaften investiert“, sagte eine Sprecherin der taz. Als Beispiele nannte sie Sony, NBC Universal, Sky Studios, Disney und das ZDF. Letztere, gebührenfinanzierte Inhalte sind in Deutschland aber sowieso über die Mediathek kostenlos abrufbar und daher kein Argument für ein Wow-Abo.

Ohnehin liegt die Zukunft von Wow voraussichtlich in den Händen von RTL. Die Mediengruppe plant die Übernahme von Sky Deutschland, derzeit wird der Deal von den Wettbewerbshütern der EU-Kommission geprüft. Eine Entscheidung wird für dieses Jahr erwartet, vermutlich im ersten Halbjahr. Die deutsche Medienaufsichtsbehörde Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) hat bereits ihren Segen gegeben.

„Es entscheidet sich vermutlich nicht mehr auf der Management-Ebene von Wow selbst, wie es mit Wow weitergehen wird“, sagt Medienwissenschaftler Kleiner. „Es ist denkbar, dass Wow im Streamingangebot RTL+ komplett aufgehen könnte und dann die Marke vom Markt verschwindet.“ Allerdings hat RTL+ derzeit eine Kooperation mit HBO Max: Beide Abonnements sind im Bundle rabattiert zu haben.

Für die HBO-Serien-Fans, die nun an ein Wow-Abo gebunden sind, ist das wahrscheinlich kein Trost: Statt der beworbenen „preisgekrönten“ Inhalte bekommen sie Dinge serviert, die sie nicht haben wollten. Und für die vermissten HBO-Inhalte müssten sie noch mal zusätzlich Geld auf den Tisch legen. So oder so.

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