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Strategien gegen rechtsLeidenschaft statt Affekt

Gastkommentar von

Lukas Franke

Funktioniert ein linker Populismus? Nur, wenn wir positive Gefühle scharf von Affekten trennen. Es geht es um Werte, nicht um Ressentiments.

Der Mann links hatte politische Leidenschaft drauf: Obama mit dem neuen New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani Foto: Angelina Katsanis/pool via reuters

M an ist in diesen Tagen, wenige Wochen nach dem Tod von Jürgen Habermas, versucht in Euphorie zu verfallen, nur weil die Rechtspopulisten – siehe Ungarn – mal nicht gewinnen. Zu mächtig scheint der internationale illiberale Zeitgeist, zu verzagt alle progressiven, im weitesten Sinne hoffnungsvolleren Angebote im politischen Raum. Zukunftsängste, ausbleibende Antworten auf sich wechselseitig verstärkende Megakrisen und nicht zuletzt die sozialen Medien mit ihrer nach immer mehr Erregung gierenden Eigenlogik lassen den Sog des Populismus scheinbar immer stärker werden. Abgrenzung, Wut und Ressentiment werden zur Machtressource, die insbesondere, aber nicht nur von rechter Seite ausgiebig bewirtschaftet wird. Wenn Veränderung Bedrohung bedeutet und die Zukunft verschlossen erscheint, verfangen das bessere Argument und die offene Aushandlung im habermasianischen Sinn immer weniger.

Nun dürfte die reine Vernunft als maßgebliches Gerüst des politischen Raums immer schon ein wirklichkeitsfernes, arg steriles Wunschbild und die Politik schon früher Bühne für große Emotionen gewesen sein. Wenn aber der Raum für die deliberative, also diskursive, vernunftgesteuerte Demokratie stetig schrumpft, dann braucht es Ideen, was der rechtspopulistischen Politik der negativen Gefühle entgegengesetzt werden kann. Dann stellt sich die Frage: Ist eine linke Politik vorstellbar, die ihrerseits auf Affekte, auf Wut und Empörung setzt?

Es ist interessant, sich in diesem Zusammenhang an die Theorien von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe zu erinnern. Mouffe brachte noch 2018 ein Büchlein mit dem Titel „Für einen linken Populismus“ heraus. Damals hatte sich die AfD schon auf den Weg gemacht, der Brexit war vollzogen und Trump dilettierte sich durch seine erste Amtszeit. Die Monster von heute waren also bereits auf der Bühne. Mouffe spitzte ihre gemeinsam mit Ernesto Laclau bereits 1985 formulierte Theorie zu radikaler Demokratie und linker Hegemonie zu, wollte unter Rückgriff auf Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung eine „Frontlinie konstruieren“, um der „hegemonialen neoliberalen Formation“ zu begegnen. Ihr linker Populismus sollte unter einem relativ beliebigen „leeren Signifikanten“ unterschiedliche politische Forderungen affektiv zu sogenannten „Äquivalenzketten“ verbinden und in scharfer Abgrenzung gegen den gemeinsamen Gegner richten. Die Aneinanderkettung der Affekte sollte dabei wie ein Hebel zu jener diskursiven und letztlich politischen Hegemonie verhelfen, die die Linke seit Antonio Gramsci verzweifelt (wieder) zu erringen sucht.

Lukas Franke

Lukas Franke ist freier Autor und Journalist in Berlin. Er schreibt über Klimakrise, digitale Revolution, die Erosion der Demokratie und manchmal auch über Kulturelles. Er hat in Großbritannien Soziologie studiert. www.lukasfranke.com

Man darf sich das in etwa so vorstellen, dass unter der Formel beispielsweise der „sozial-ökologischen Transformation“ ganz verschiedene politische Forderungen zusammenkämen: von bezahlbaren Mieten bis zu gerechten Löhnen, von wirksamer Klimapolitik bis zu Artenschutz, von Geschlechtervielfalt bis zu Rechten für Geflüchtete. Die Transformation wäre als Signifikant die verbindende Hülle, die Forderungen oder vielmehr ihre Für­spre­che­r:in­nen bildeten die „Äquivalenzkette“. Der gemeinsame Gegner wäre die herrschende Formation des fossilen Kapitalismus – und schwupps wäre sie da, die große soziale Bewegung für unsere Zeit, die sich den Rechten entgegenstellt und den Weg weist in eine gelingende Zukunft im Einklang mit dem Planeten.

Mehr an Leidenschaften appellieren

Mit den Methoden ihrer Gegner sollten Progressive nicht arbeiten

Bekanntermaßen ist daraus bis heute nichts geworden, ganz im Gegenteil. Es sind die Populisten und Rechten, die im Begriff sind, die Hegemonie in den Debatten und der politischen Arena zu übernehmen, während von der Klimabewegung oder sozialen Bewegungen nur noch wenig zu hören ist. Daraus zu folgern, die Sache mit den Äquivalenzketten würde nicht funktionieren, wäre indes verfrüht. Sie funktioniert, nur anders als zunächst gedacht: Im Lager der Rassisten, Demokratiegegner, Pandemieleugner, Internet-Hater, Putin-Versteher und Trump-Anhänger reiht man sich trotz aller Differenzen gerne unter auffällig hohlen Signifikanten wie „Volk“, „Widerstand“ oder auch „Frieden“ ein.

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Wenn es gegen Geflüchtete, die Wissenschaft, die liberale Demokratie oder einfach den „woken Mainstream“ geht, verbinden sich Niedergangserzählungen und affektive Abneigungen zu einer dunklen Revolte, dann wird, mit Adorno gesprochen, „die rationale Insel überschwemmt“. Hier zeigt sich, was Mouffe übersehen haben dürfte: dass es große qualitative Unterschiede gibt, wenn es um Gefühle als politische Ressource geht. Affekte können nicht beliebig aufgeladen werden, sie sind enge Verwandte von Ressentiments, neigen ihrem Wesen nach ins Autoritäre und Regressive. Als unmittelbare emotionale Reaktionen zielen sie auf Abgrenzung, Bedrohung und Feindmarkierung. Progressive Politik kann mit ihnen nichts anfangen, wenn sie nicht Gefahr laufen will, selbst ins Autoritäre zu kippen.

Soll der rechten Politik der negativen Gefühle wirksam entgegengetreten werden, wird populistische, auf Affekte bauende Politik scheitern. Will man von progressiver Seite Gefühle mobilisieren, sollte vielmehr an Leidenschaften appelliert werden. Bei Chantal Mouffe tauchen beide, Affekte und Leidenschaften, gleichberechtigt nebeneinander auf, als gäbe es keinen nennenswerten Unterschied. Das trifft nicht zu, wie sich am Populismus der Gegenwart ablesen lässt. Leidenschaften sind reflektierte Bindungen an Werte und Ideen, sie sind nicht denkbar ohne gesellschaftliches Bewusstsein und sie stehen nicht in direktem Widerspruch zu Vernunft und Diskurs.

Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenrechte oder der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen sind als Affekte schwer vorstellbar, als Leidenschaften hingegen sehr wohl. Damit lässt sich arbeiten, auch wenn das dann schwerlich Populismus genannt werden dürfte. Mit den Methoden ihrer Gegner sollten Progressive nicht arbeiten, sie laufen sonst Gefahr, sich diesen anzuverwandeln. Sie bleiben vielmehr verdammt dazu, die verschlossene Zukunft wieder zu öffnen, an das Gelingen zu glauben.

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