Straßenumbenennungen im Wedding

Mehr als ein paar neue Namen

Im Afrikanischen Viertel werden umstrittene Namen aus der deutschen Kolonialgeschichte getilgt. Die neuen Namen nehmen aber auch Bezug auf die koloniale Vergangenheit.

Wedding, Afrikanisches Viertel: Die Lüderitzstraße wird demnächst aus dem Stadtbild verschwinden und heißt dann Cornelius-Fredericks-Straße Foto: Jürgen Ritter/imago

Am Ende dieser Geschichte wird nicht viel passieren. Ein paar Straßenschilder werden ab-, ein paar neue aufgehängt. Ergebnis eines Verwaltungsakts, für den es wenig mehr braucht als eine Leiter und ein paar Schrauben. Nach dem Votum der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Mitte am Donnerstagabend sollen die Straßen im Afrikanischen Viertel nun bald Anna-Mungunda-Allee, Cornelius-Fredericks-Straße, Bell-Platz und Maji-Maji-Allee heißen statt Petersallee, Lüderitzstraße und Nachtigalplatz.

Das Bezirksamt muss den BVV-Beschluss zwar noch absegnen. Und doch hat sich damit mehr geändert als nur die Tatsache, dass wir uns an vier neue Namen für zwei Straßen und einen Platz gewöhnen müssen. Denn dass im Afrikanischen Viertel im Wedding Straßennamen ausgetauscht werden, die als kolonial belastet gelten, weil sie Täter und Verbrecher der Geschichte ehren, war lange und heftig umstritten. Die Debatte zur Umbenennung hatte schon in den 1980er Jahren begonnen.

Es sind vor allem die Initiative Berlin Postkolonial aus dem Bündnis Decolonize Berlin und die beiden Aktivisten Mnyaka Sururu Mboro und Israel Kaunatjike, die die neuen Straßennamen seit Jahrzehnten beharrlich gefordert haben. Auf Stadtführungen und Diskussionspodien haben sie von ihren eigenen Erfahrungen mit Kolonialismus erzählt, haben ihre Kritik und Ablehnung der bisherigen Straßennamen begründet und andere Namen und Biografien ins Gespräch gebracht. Dass die BVV sich im Frühjahr 2016 darauf geeinigt hat, die umstrittenen Straßen und den Platz umzubenennen und neue Namen zu suchen, ist auch ein Ergebnis ihres Engagements.

Doch der Erfolg der Aktivist*innen von Berlin Postkolonial beschränkt sich nicht darauf, dass diese drei Namen nun innerhalb absehbarer Zeit von Stadtplänen, Straßenschildern und Visitenkarten verschwinden werden. Es ging ihnen auch gar nicht nur darum. Zum Erfolg gehören auch die nun beschlossenen neuen Namen.

Widerstand gegen die Kolonialmächte

Die Initiative hat stets gefordert, in den Straßennamen „den Bezug zur Kolonialgeschichte beizubehalten“, dabei aber „die Perspektive der Erinnerung umzukehren“. Praktisch wollten sie also Personen auf den Straßenschildern ehren, die Widerstand gegen die Kolonialmächte geleistet und sich gegen koloniale und rassistische Strukturen eingesetzt haben – und zwar besonders solche, die im Zusammenhang mit dem deutschen Kolonialismus stehen.

Daher kam eine Nelson-Mandela-Allee nicht in Frage – ein zeitweise populärer Vorschlag, denn wer könnte schon etwas gegen Nelson Mandela haben? Doch die Initiativen wollten eben keinen diffusen Afrika-Bezug, sondern an die Taten und die Verbrechen der deutschen Kolonialeroberungen erinnern.

Genau dies stieß allerdings auf Widerstände. So setzte sich die Initiative Pro Afrikanisches Viertel dafür ein, die Namen höchstens umzuwidmen, so wie bei der Petersallee, die statt an Carl Peters seit den 1980er Jahren an den NS-Widerstandskämpfer und späteren Berliner CDU-Politiker Hans Peters erinnern soll. Eine Umbenennung würde die Geschichte auslöschen, meinten Vertreter*innen der Initiative Pro Afrikanisches Viertel. Berlin Postkolonial hielt dagegen, dass neue Namen mit dem Bezug zum Kolonialismus die Geschichte eben nicht vergessen machen, sondern ergänzen.

Um diesen Anspruch umzusetzen, hatte eine vom Bezirk eingesetzte Jury mit Aktivist*innen und Vertreter*innen der Schwarzen Community eine Auswahl aus den eingegangenen Vorschlägen getroffen. Im Bemühen, auch den Widerstandskampf von Frauen zu berücksichtigen, die allerdings in den sowieso spärlichen Quellen noch seltener auftauchen als Männer, schlugen sie 2017 unter anderem auch die Königin Nzinga von Ndongo und Matamba (1583–1663) vor. Sie leistete Widerstand gegen portugiesische Kolonisatoren in Angola, war aber andererseits selbst an der Versklavung von den dortigen Einwohnern beteiligt und profitierte davon. Die BVV erklärte das Jury-Verfahren daraufhin für gescheitert und ließ Historiker*innen Gutachten zu den von der Bevölkerung eingereichten Vorschlägen erstellen.

Lern- und Erinnerungsort zum Kolonialismus

Die Initiative begrüßt den BVV-Beschluss zur Umbenennung. „Mit den neuen Namen werden im Afrikanischen Viertel nun nicht nur erstmals Menschen aus Afrika geehrt. Es werden die gewürdigt, die im Widerstand gegen die deutschen Kolonialherren ihr Leben ließen“, sagt Tahir Della von Decolonize Berlin. Die Initiative fordert darüber hinaus Informationstafeln, die die alten Namen, die Gründe für die Umbenennung und die neuen Namen erläutern, so werde das Afrikanische Viertel zu einem „Lern- und Erinnerungsort zum deutschen Kolonialismus“.

Und dafür ist es von Vorteil, dass es mit den neuen Namen so lange gedauert hat. Die hitzigen Diskussionen, erbitterten Auseinandersetzungen und beharrliche politische Bildungsarbeit hat Befürwortern und Gegnern der Umbenennung viel Öffentlichkeit gebracht. Wenn dann tatsächlich die alten Schilder abgehängt und neue aufgehängt werden, fragen sicher auch mehr Bürger*innen danach, wie Berlin als Stadt in den europäischen Kolonialismus verstrickt ist.

Dieser Text ist Teil eines Schwerpunktes zum Thema in der Printausgabe der taz am Wochenende, Ausgabe Berlin, vom 21./22. April 2018 – am Kiosk oder als e-paper zu kaufen.

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