Straßenproteste in Frankreich

Die Wut, die aus dem Netz kam

Kritiker*innen von Macrons Politik brachten sich online in Stellung. Tausende schlossen sich im Internet an – und gingen als „gelbe Westen“ auf die Straße.

Protest der gelben Westen in Frankreich

Organisiert im Netz, dann raus auf die Straße: Widerstand gegen soziale Missstände in Frankreich Foto: ap

BERLIN taz | Der Flashmob gegen hohe Spritpreise hatte sich seit Wochen im Netz zusammengebraut. Am Wochenende entluden fast 300.000 Bürger*innen Frankreichs ihre Wut nicht mehr nur virtuell, sondern tatsächlich auf den Straßen der Republik, landesweit.

Es war keine echte konzertierte Aktion der Demonstrant*innen. Keine Organisation steckt hinter den „gilets jaunes“ – den gelben Westen. Über Facebook, Instagram und Twitter wurden Ort und Aktionen bekanntgegeben. Zugleich beteiligte sich nicht jede*r wütende Bürger*in daran, sondern jede*r startete vielmehr eigene Aktionen.

Das eine Gesicht des Protestes gibt es nicht, sondern viel mehr ganz unterschiedliche Einzelpersonen, die landesweit zu einer Art Sprachrohr der Bewegung wurden.

Zu den bekanntesten zählt derzeit Jacline Mouraud. Über Facebook spielte sie ihren Protest gegen die Sozial- und Steuerpolitik des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ins Netz. Sie beschwerte sich über hohe Energiepreise, über zu wenig Geld für das Bildungssystem und die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich. Während das Volk unter der Sozialpolitik leidet, kauft sich Präsident Macron neues Geschirr für den Elysées-Palast und baut sich ein Schwimmbad, poltert Mouraud.

Demonstrant*innen berichten live über Facebook

Ihr Video wurde sechs Millionen Mal auf Facebook geteilt und verbreitet, fand den Weg auf Twitter und Instagram. Heute spricht sie im Radio und im Fernsehen für die Protestbewegung. Sie wird in Online-Medien und Zeitungen zitiert. Zugleich sendet sie live über Facebook aus dem Protestgeschehen, kritisiert Macron scharf für sein Schweigen. Fast 13.000 Menschen haben ihr Facebook-Portal abonniert.

Die sozialen Medien als Kanal und Verstärker für Protest sind kein neues Phänomen. Weltweit werden Facebook und Twitter zum Info- und Sammelpunkt für Kritiker*innen an gesellschaftlichen Problemen. Bekannte Beispiele sind der sogenannte Arabische Frühling oder auch die Frauenbewegungen in den USA. Dass sich der Protest aus dem Internet aber tatsächlich auf die Straße verlagert, ist zumindest in Frankreich ein Novum.

Anders dagegen der Effekt, Anhänger*innen online zu mobilisieren. Unter dem Hashtag #pasdevague schilderten Tausende Lehrer*innen vor wenigen Wochen ihre Erfahrungen mit Gewalt an den Schulen. Hintergrund war ein Vorfall im Oktober in Créteil, einem Vorort von Paris.

Ein Schüler hatte seine Lehrerin mit einer Waffenattrappe bedroht. Das Video verbreitete sich rasend schnell im Netz. Mindestens ebenso schnell formierte sich der virtuelle Widerstand in Form von Erfahrungsberichten. Ähnlich rasant fand der Protest gegen die französische Arbeitsmarktreform und die Kürzungen an den Universitäten seinen Weg ins Netz.

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