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Störaktion auf der Grünen WocheGequälte Grüße vom Schlachthof

Aktivistinnen stören den Auftritt des Agrarministers auf der Grünen Woche. Sie verweisen auf den Widerspruch zwischen Agrarpolitik und Tierwohl.

Vom Schlachthof auf den „Erlebnisbauernhof“: Tierrechtsaktivistinnen auf der Bühne mit Agrarminister Alois Rainer und Jens Spahn Foto: dpa

Aus Berlin

Nathan Pulver

Ein langes, schreckliches Quieken ertönt auf dem „Erlebnisbauernhof“ in Halle 3.2. „Oh, was haben wir denn da?“, fragt Alois Rainer, Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Er ist am Dienstagmittag Gast auf einer der Podiumsdiskussionen zur deutschen und europäischen Agrarpolitik, die auf dem „Bauernhof“ stattfinden. Der CSU-Politiker dürfte die schrillen Klänge als gelernter Metzger gut kennen. Sie stammen von Zuchtschweinen aus Massenhaltung, die gegen die qualvollen Effekte einer CO₂-Betäubung ankämpfen.

„CO₂-Betäubung: Horror für Schweine“ steht auf dem Transparent, das Aktivistin Anna Schubert mitten in der Rede von Rainer auf die Bühne trägt. Aktuell ist sie Angeklagte im „Schlachthof-Prozess“, weil sie im niedersächsischen Schlachthof Brand versteckte Kameras installiert hat. Diese dokumentierten das Verhalten der Schweine in den sogenannten CO₂-Betäubungsgondeln, „zweifellos die kritischsten und tierschutzrelevantesten Stellen in Schweine-Schlachhäusern“, wie die Gruppe schreibt. Der Schlachthof Brand gilt als Vorreiter der CO2-Betäubung in Deutschland.

Das Verfahren ist als tierschutzwidrig eingestuft. Bereits 2004 und erneut 2020 forderte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) den Ausstieg aus der CO₂-Betäubung.

Doch die Methode ist wirtschaftlich attraktiv: Jährlich können damit bis zu 35 Millionen Schweine betäubt werden, bevor sie mit einem Stich in die Halsschlagader getötet und ausgeblutet werden. Bis die Tiere allerdings betäubt sind, verbringen sie „die letzten Sekunden ihres Lebens in Todesangst“, schreibt die Tierschutzorganisation Peta.

Das CO₂ verursache auf den Schleimhäuten der Tiere einen stechenden Schmerz, sie bekämen keine Luft und versuchten panisch zu fliehen. Das Resultat: die von den Aktivistinnen abgespielten, vom Schlachthof auf den „Erlebnisbauernhof“ gebrachten Schreie.

Reine Symbolpolitik?

Der Agrarminister lässt sich durch die Störaktion nicht aus dem Konzept bringen. In verständnisvollem Ton kommentiert er: „Ich kenne die Diskussion, überhaupt keine Frage. Wir müssen über die Betäubung reden. Wir stehen zur Nutztierhaltung, die auch mit Respekt gemacht wird. Und der Respekt gebührt auch bis zur letzten Minute.“ Sie würden sich das definitiv anschauen, versichert Rainer, und verspricht den Tierschützerinnen ein Gespräch im Anschluss an das Podium.

Doch bevor es zum Dialog kommt, verschwindet der Agrarminister durch einen anderen Ausgang aus der Halle, die Aktivistinnen dürfen nicht folgen. „Eine Begründung haben wir nicht bekommen“, bemerkt Schubert.

Rainer hatte kürzlich angekündigt, aus Tierschutzgründen eine verpflichtende Videoüberwachung in großen Schlachtbetrieben einführen zu wollen. Schubert hätte den Agrarminister gerne gefragt, ob er die Videoüberwachung von Schlachthöfen auch in den CO₂-Gruben einzuführen gedenkt. Wenn nicht, „wäre der Vorstoß der Videoüberwachung reine Symbolpolitik“.

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