Stillen in der Öffentlichkeit: Das ist Nahrung, keine Provokation
Eine Kampagne macht auf die Stigmatisierung von Stillen aufmerksam. Auslöser ist der Rauswurf einer stillenden Frau aus einem Kaufhaus in Saarbrücken.
Die Fotografin verrenkt sich auf dem Boden am Alexanderplatz, um die Perspektive einzufangen. Vor ihrer Linse steht eine Frau breitbeinig mit ernster Miene. Hinter ihr ragt der Fernsehturm empor, an ihrer Brust nuckelt ihr Sohn und spielt mit ihren feuerroten Haaren. Zwei Handwerker stehen mit angewinkelten Beinen an der Wand gegenüber, rauchen, glotzen.
„Wir wollen nicht provozieren“, sagt Katharina Kokott. „Wir wollen zeigen, dass Stillen natürlich ist. Aber leider ist es immer noch ein Statement.“ Kokott ist Initiatorin des „Mama Netzwerks Berlin“, einer Community für Schwangere und Mütter. Neben ihr stehen fünf weitere Mutter-Baby-Paare, im Viertelstundentakt kommen neue dazu.
Für die Protestkampagne #ichstillwoichwill fotografiert das Netzwerk mehr als Hundert stillende Mütter in Cafés und Geschäften, im Bus, im Park und auf der Straße. Entstanden ist die Kampagne als Reaktion auf einen Vorfall in einem Kaufhaus in Saarbrücken Ende Mai. Dort wurde eine stillende Mutter vom Sicherheitsdienst herausgeschmissen. Die Hebamme der Frau machte den Fall auf Instagram öffentlich. „Stillen ist keine Störung der Öffentlichkeit, sondern ein Grundbedürfnis eines Kindes“, schrieb sie. Als Protest gingen daraufhin mehrere Mütter in das Kaufhaus, stillten dort und fotografierten sich. Nun folgen Aktionen in Berlin, Trier und Köln.
Eine Mutter steht im U-Bahnhof Alexanderplatz, hinter ihr die ikonischen türkisen Fliesen, vorne nuckelt das Kind an der Brust. Die U8 fährt ein, eine Schulgruppe läuft vorbei, obdachlose Menschen sitzen auf der Bank und trinken Dosenbier. Fast alle Blicke richten sich auf die Mutter. „Man wird immer angestarrt“, sagt Kokott. „Manche reagieren mit Ekel und fragen, ob das sein muss.“ Andere würden ungefragt Bewertungen äußern, etwa, dass es schön sei, dass man noch stille, oder man werde sexualisiert. „Einer Freundin wurde beim Stillen ‚MILF‘ (Mother I'd Like to Fuck) hinterhergerufen“, erzählt sie.
„Still doch zu Hause“
In Onlineforen berichten Frauen von ähnlichen Erfahrungen: In Cafés und Restaurant seien sie gebeten worden, das Stillen zu unterlassen, oder im Wickelraum zu stillen, weil man damit andere Gäste störe. Unter dem Post der Hebamme aus Saarbrücken schreiben Nutzer: „Still doch zu Hause“, „Ihr wollt doch nur Aufmerksamkeit“ oder „Ihr präsentiert eure Titten.“
Katharina Kokott, Mama Netzwerk Berlin
Eine Mutter aus dem Netzwerk kritisiert: „Das Problem sind nicht stillende Frauen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die weibliche Körper akzeptiert, solange sie dekorativ sind, aber irritiert reagiert, sobald sie ihre eigentliche biologische Funktion erfüllen.“ Für Lovis Trummer, eine der Fotografinnen der Aktion, zeigt sich darin eine Doppelmoral: Es ärgere sie, dass Frauen sich mit Sexualisierung herumschlagen müssen, obwohl sie nur ihr Kind ernähren – „was gesellschaftlich wiederum erwartet ist, sonst wird sie auch kritisiert.“
Kokott stimmt zu: „Stillen ist kontrovers.“ Frauen werden kritisiert, wenn sie nicht stillen, aber auch dafür, wie sie stillen und wie sichtbar sie es tun. In feministischen Debatten wird indes die Frage diskutiert, ob Stillen überhaupt als feministischer Akt verstanden werden kann. Kokott ist wichtig zu betonen: Die Kampagne richtet sich an stillende Eltern ebenso wie an Familien, die abpumpen, zufüttern oder mit der Flasche ernähren. Es gehe darum, unterschiedliche Wege der Ernährung zu respektieren. „Wir wollen mehr Akzeptanz, Sichtbarkeit und Bewusstsein für die Bedürfnisse der Mütter zu schaffen“, so die Anfang-30-Jährige. Stillen sei nur der Ausgangspunkt, die eigentliche Frage laute: Welchen Platz haben Mütter in unserer Gesellschaft?
Die Online-Kampagne startet am 27. Juni in Kooperation mit Blogger:innen und Creators aus dem Bereich Mutterschaft. Zu den Fotos erscheinen Interviews mit den Müttern und Stillberaterinnen.
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