Sterbehilfe in Frankreich : Langes Leiden hat ein Ende
Frankreich legalisiert die aktive Sterbehilfe. Doch der Kampf um ein weniger schmerzhaftes Lebensende ist nicht vorbei.
L ange hat es gedauert, bis Frankreich die Sterbehilfe legalisiert. Zahllos waren die Familien, die ihre dramatischen, ausweglosen Situationen schilderten, weil Angehörige unheilbar krank waren und deswegen zusätzlich litten, weil ihnen niemand dabei helfen durfte, eine oft lange und qualvolle Agonie zu beenden. Wer dennoch heimlich zu Hause oder im Krankenhaus eine aktive oder passive Sterbehilfe leistete, musste mit einem Prozess rechnen. Die Hilfe beim Suizid blieb bis jetzt eine Straftat.
Viele Familien, die inständig hofften, dass es ihren schwer leidenden Angehörigen ermöglicht werde, sich mit medizinischer Unterstützung aus einem unerträglich gewordenen Lebensende zu verabschieden, atmen nun auf. Ebenso Ärzte und Pflegende, die sich in dieser Situation ohnmächtig fühlten. Anderen im Bereich des Pflegepersonals, die im Gegenteil bereits gegen die Legalisierung der Sterbehilfe eigene Gewissensbisse geltend machen, versichert die gesetzgebende Nationalversammlung, dass niemand zu einer direkten Mithilfe beim Sterben gezwungen werde. Das muss reichen, um die religiösen und moralischen Einwände zu entkräften.
Wie bei der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs werden die konservativ-reaktionären Gegner der Sterbehilfe nicht kapitulieren. Sie werden alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um die Sterbehilfe zu verhindern. Die praktische Umsetzung wird zu einem neuen Kampf werden. Ein solcher Fortschritt ist nie hundertprozentig erzielt und gesichert. Bei einem Wahlsieg der extremen Rechten im kommenden Jahr ist zu befürchten, dass dies – sowie viele soziale Errungenschaften, Rechte und Freiheiten – in Gefahr gerät.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Immerhin kann man positiv anmerken, dass Frankreich noch zu Reformen in gesellschaftspolitischen Fragen fähig ist. Das war in den vergangenen Jahren alles andere als voraussehbar. Das Gesetz für ein Sterben auf Wunsch wäre die einzige große Neuerung, an die man sich später an die Präsidentschaft von Emmanuel Macrons erinnern wird.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert