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Start der Berlin Fashion WeekÖko, aber sexy

Die relative Bedeutungslosigkeit der Berlin Fashion Week ist ihr großer Gewinn. Denn ohne Megalabels haben junge Kreative mehr Platz für ihre Themen.

Viele Modeshows der Berlin Fashion Week stellen junge De­si­gne­r:in­nen aus. Hier ein Runway von PLATTE.Berlin im Sommer Foto: Jens Kalaene/dpa/picture alliance

Aus Berlin

Nathan Pulver

Auf einem großen Plakat vor dem Berliner Senatssitz steht: „Was heute in Paris und Mailand läuft, lief gestern noch über die Warschauer“. Der Satz äußert eher einen Wunsch als eine Tatsache: Lediglich das Berliner Luxuslabel Ottolinger hat den Sprung von den Laufstegen Berlins in die höheren Sphären der internationalen Modewelt geschafft. Mit ihrem Funktionskleider-Look brachte Ottolinger den Anti-Style der Berliner Raverszene in die Welt der Haute Couture. Für Samstagabend kehrt das Label bei der Fashion Week auf den Runway in Berlin zurück.

Denn grundsätzlich ist es nicht zu leugnen: Die internationale Resonanz der Fashion Week von Berlin fällt viel bescheidener aus als die der Weltbühnen Paris, New York und Mailand. Doch die Abwesenheit großer Player lässt viel Platz im Programm für Förderprogramme übrig.

Gleich mehrere Formate widmen sich während der Woche den Nachwuchs-Talenten der Branche: der „Berliner Salon“, die Programme „Newest“, „Intervention“ sowie die „Next Gen“-Show der PLATTE.Berlin, kuratiert von Szenegröße Sven Marquardt. Der Berghain-Bouncer und Fotograf stellt zum Auftakt der Fashion Week am Freitag Looks von sechs jungen Modeschaffenden vor. Gegenüber dem Berliner Modemagazin sleek erzählt er, dass seine Arbeit „Fragen zur kreativen Zukunft Berlins“ aufwerfen solle, „dessen Senat die Mittel für Kunst und Kultur stark gekürzt hat, was vor allem öffentliche Kunsthochschulen betrifft“.

Hotspot der Berliner Modeszene

Die Location für die „Next Gen“-Show befindet sich im Erdgeschoss eines alten Plattenbaus am Alexanderplatz, jenseits der Karl-Liebknecht-Straße. Die PLATTE.Berlin ist ein kleiner Hotspot der Berliner Modewelt: Der Konzeptladen stellt Kollektionen von jungen, lokalen Kunstschaffenden aus. Entlang der alten Sichtbeton-Wände hängen deren „Pieces“ an Industrie-Kleiderstangen. Sie geben ein gutes Bild davon, was der Berlin-Chic ist: schwarze Stiefel, Bomberjacken, Crop Tops, Trenchcoats.

Berlin Fashion Week

An ungewöhnlichen Orten Ab dem 30. Januar finden im Rahmen des mehrtägigen Programms der Berlin Fashion Week in ganz Berlin Modeshows an ausgewählten Locations statt. Dazu gehören auch die Gemäldegalerie, das Liquidrom, eine Hörsaalruine der Charité. Auch die Peruanische Botschaft hält als Schauplatz für ein Label hin, das „innovative Bio-Lederwaren aus Peru“ vorstellt.

Zwei Wochen im Jahr Zweimal jährlich besuchen rund 30.000 Besucherinnen und Besucher die Berlin Fashion Week. Zum Vergleich: Berlins Landwirtschaftsmesse, die gerade zu Ende gegangene Grüne Woche, besuchten diesen Januar fast 350.000 Menschen.

Weibliche Chefs Neben ihrem Fokus auf Nachhaltigkeit tritt die Fashion Week auch mit einer vergleichsweise hohen Anzahl an von Frauen geführten Modehäusern, die in Berlin ausstellen, hervor. (taz)

Einer der sechs Nachwuchs-Designer von „Next Gen“ ist Niclas Hasemann mit seinem Label „haseman.n“. Der 26-Jährige absolvierte den renommierten Mode-Studiengang an der Uni Pforzheim und kennt die Fashion Week gut. Er trägt einen gemusterten Fischerhut, ein Sweatshirt; seine eigenen Designs. Dazu einen dunklen Trenchcoat. Das „Mantra“ für seine Entwürfe laute „auf leisen Pfoten“: Er sei „nicht interessiert an schnelllebigen Dingen“, wolle seine Arbeiten länger wirken lassen – und seinen „Fußabdruck gering halten“.

Mit dem Geld sei es als aufstrebender Modeschöpfer „eher schwierig, aber aushaltbar“. Die Miete in Berlin erlaube es ihm nicht, ein Atelier zu haben. Er finanziere sich weitestgehend abseits der Branche, aber habe Glück: Fördergelder hätten seine bisherige Karriere „ziemlich krass beeinflusst“.

An Berlin ist besonders, dass die Modeszene so jung ist und es weniger Konkurrenzkampf mit den großen Modehäusern gibt

Niclas Hasemann, Modeschöpfer

Der Berliner Senat unterstützt die Fashion Week jährlich mit 4 Millionen Euro aus Landes- und EU-Geldern. Seit der ersten Fashion Week 2003 – damals noch als „Mercedes Benz Fashion Week“ firmierend – fördert das Land Berlin den Event, „um aufstrebenden Berliner Labels professionelle Präsentationsmöglichkeiten zu eröffnen“.

Kunst oder Kommerz?

Auf die anhaltende Unterstützung mit öffentlichen Geldern hatten die massiven Kürzungen im Kultursektor keine Auswirkung. Denn die Fördergelder für die Fashion Week stammen aus dem Bereich der Wirtschaftsförderung. Die Modewelt ordnet der Berliner Senat also eindeutig mehr unter dem Label Kommerz als Kunst ein. Und das mit gutem Grund: Die Branche erwirtschafte in Berlin allein jährlich rund 5 Milliarden Euro und leistet damit „einen relevanten Beitrag zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Berlins“, führt die Senatsverwaltung auf taz-Anfrage aus.

Die Förderung mit öffentlichen Geldern folge klaren Kriterien, gibt sie weiter an. Allem voran, dass die geladenen Talente „in Deutschland und in Berlin ihre Kollektionen umsetzen“. Dadurch entstehe ein „verlässliches Förderökosystem“, durch das Berlin „als Wirtschaftsstandort, etwa bei Unternehmensansiedlungen oder beim Zuzug von Fachkräften“, gestärkt werde.

Das scheint ganz gut zu funktionieren. Auch Hasemann erzählt, er sei nach dem Studium bewusst nach Berlin gezogen. Denn im Vergleich mit den etablierten Modemetropolen „ist an Berlin besonders, dass die Modeszene so jung ist und es weniger Konkurrenzkampf mit den großen Modehäusern gibt. In Paris ist es so umkämpft, überhaupt stattzufinden“, räumt er ein.

Neben den klassischen Catwalks bietet die Fashion Week auch Talk-Formate, wie die „Metamorphosis Talks powered by eBay“, die sich der Kreislaufwirtschaft widmen. Überhaupt setzt die Woche thematisch stark auf Nachhaltigkeit. Viele Shows widmen sich dem Upcycling, der wertsteigernden Wiederverwertung von Textilien, und setzen damit ein klares Zeichen gegen Fast Fashion.

Mehr Raum für junge Modeschaffende

Gleichzeitig sind multinationale Konzerne wie UNIQLO und Zalando an der Fashion Week anwesend. Die Branchenriesen mit ihren globalen Produktionsketten tragen maßgeblich zum gigantischen ökonomisch-ökologischen Problemzusammenhang der Modeindustrie bei. Allein der weltweite Textilabfall beträgt jährlich etwa 90 Millionen Tonnen, bis 2030 soll er auf 134 Millionen anwachsen. Gegenwärtig wird nur 1 Prozent davon wieder zu Kleidern verarbeitet.

Dagegen soll in der Talentschmiede der Fashion Week die Mode von morgen aus den Kleidern von gestern entstehen. Der Wettbewerb „R.A.U.M.Berlin“ wendet gegenüber den ausgestellten Labels bereits verbindliche Nachhaltigkeitsanforderungen an, die bald für die ganze Fashion Week gelten sollen.

Große Labels werden sich durch solche Entscheidungen auch in absehbarer Zukunft nicht an der Berlin Fashion Week ansiedeln. Dafür bleibt mehr Raum für die Werke und Themen von jungen Modeschaffenden.

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