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Spielfilm „Winter in Sokcho“Hier wird vortrefflich aufgekocht

In seinem stillen, genau beobachteten Spielfilmdebüt „Winter in Sokcho“ erzählt der Regisseur Koya Kamura vom Leben in einer südkoreanischen Kleinstadt.

Das beschauliche Leben von Sooha (Bella Kim) wird in „Winter in Sokcho“ durch die Ankunft eines Fremden durcheinandergewirbelt Foto: Film Kino Text

Es soll ein besonderes Abschiedsgeschenk sein. Eine lokale Spezialität, die im schlimmsten Fall die letzte Mahlzeit ist. Sooha (Bella Kim) bereitet einen Fugu zu, jenen Kugelfisch, der nicht nur in Japan, sondern auch in Südkorea eine Delikatesse ist und bei falscher Zubereitung tödlich sein kann. Zuerst hackt sie den Kopf ab, dann schneidet sie die Haut an der Unterseite bis zur Schwanzflosse ein und zieht sie dem Fisch in einem Zug ab. Vor allem die Haut und die Eingeweide sind giftig. Ein falscher Schnitt entscheidet über Leben und Tod.

Das rohe, milchig-weiße Fleisch schneidet sie in hauchdünne Scheiben, die sie kunstvoll in der Form eines Fächers auf einem Teller drapiert. Dazu serviert sie Sojasauce und Zitronenscheiben. Ob Sooha ihren Fugu richtig zubereitet hat, bleibt ungewiss. Wie so vieles in diesem stillen, vielschichtigen und unscheinbaren Film.

„Winter in Sokcho“ ist das Langfilmdebüt des französisch-japanischen Regisseurs Koya Kamura und gleichzeitig die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Elisa Shua Dusapin. Im titelgebenden Sokcho, einer kleinen Küstenstadt im Osten Südkoreas, lebt die Anfang zwanzigjährige Sooha. Im Sommer ist die Stadt ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen in die nahegelegenen Berge. In der kalten Jahreszeit scheint sie einen Winterschlaf zu machen.

Der Film

„Winter in Sokcho“. Regie: Koya Kamura. Mit Bella Kim, Roschdy Zem u.a. Frankreich 2024, 105 Min.

Auf den Straßen sind kaum Menschen unterwegs, die Restaurants wirken leer, und in der Pension, in der Sooha arbeitet, übernachten nur wenige Gäste. In dieser beschaulichen Stadt führt die junge Frau ein ruhiges und gemächliches Leben, das eines Tages durch die Ankunft von Yan Kerrand (Roschdy Zem), einem französischen Autor und Illustrator, gehörig durcheinandergewirbelt wird.

Spiel mit Erwartungen

Koya Kamura macht keinen Hehl daraus, warum der mürrische Gast eine große Faszination auf seine Protagonistin ausübt. Sooha hat ihren Vater, einen Franzosen, nie kennengelernt. Eine Leerstelle in ihrem Leben. Und plötzlich taucht dieser geheimnisumwundene Künstler auf, der sich auch noch für mehrere Wochen in der Pension einmietet.

Der Film könnte im weiteren Verlauf brav das Topos eines herbeiprojizierten Ersatzvaters mit all den auftretenden Konflikten durchdeklinieren. Es wäre nur ein allzu rührseliger, sentimentaler und nicht zuletzt erwartbarer Film geworden. „Winter in Sokcho“ hingegen spielt mit dieser Erwartung, nur um sie immer wieder ins Leere laufen zu lassen. Sein Erzählmodus ist jener der Auslassungen und Einsparungen.

Soohas Faszination für Yan ist offensichtlich und bleibt doch rätselhaft. Äußert sich in ihr nur der starke Wunsch nach einer Vaterfigur, wenn sie Yan heimlich durch den Spalt eines kaputten Papierfensters in seinem Zimmer beobachtet? Sucht sie in ihm einen Ausweg aus der provinziellen Enge? Fühlt sie sich von ihm gar sexuell angezogen?

Soohas Identität, so viel ist sicher, steht auf tönernen Füßen. Nicht nur wegen des abwesenden Vaters

Soohas Identität, so viel ist sicher, steht auf tönernen Füßen. Nicht nur wegen des abwesenden Vaters. Es sind kleine Momente, die Kamura hier und da einflechtet und die auf ein Selbstbild hinweisen, das unter Beschuss steht. Die nette Straßenverkäuferin grüßt die für koreanische Verhältnisse großgewachsene Sooha jeden Tag als „Bohnenstange“. Ihre Mutter, eine Fischverkäuferin am Hafen, wirft ihr beiläufig zu, es sei schön zu sehen, wie gut sie esse. Aber zu viel solle sie auch nicht essen.

Grassierender Schönheitswahn

Im traditionellen Badehaus, in das beide regelmäßig gehen, fällt Soohas Blick immer wieder auf die älteren Frauen und ihre nackten, faltigen und vom Lauf der Zeit gezeichneten Körper. Und in der Pension bedient sie jeden Morgen eine grotesk wirkende Frau, die ihr Gesicht machen ließ und deren Kopf rundum einbandagiert ist. Der in Südkorea grassierende Schönheitswahn (in dem Land gilt Schönheit als Zeichen von Respekt) ist auch im Film allgegenwärtig. Soohas Freund, ein angehendes Werbemodel, mit dem sie eine recht leidenschaftslose Beziehung führt, legt ihr nahe, sich doch operieren zu lassen. Schließlich machen das alle.

„Winter in Sokcho“ besticht vor allem durch seine genauen Beobachtungen und der so kontemplativen wie naturalistischen Erzählweise. Die abstrakten Animationen, die Soohas Innenleben zum Ausdruck bringen sollen, stören da nur. Ebenso Yans Figurenzeichnung. Er ist das Klischee eines Künstlergenies, wie es im Buche steht: unnahbar, wortkarg und kühl. Ein Mann, der sich nicht in seine (gebrochene) Seele schauen lässt.

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Trailer „Winter in Sokcho“

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Soohas Gastfreundschaft (sie zeigt ihm die Stadt und ihre Umgebung), so kann man sein erratisches Verhalten lesen, ist nur nützlich, insofern sie seinem neuen Werk dient, an dem er manisch in seinem Kämmerchen arbeitet. Ihren Kochkünsten (in diesem Film wird vortrefflich aufgekocht) hingegen begegnet er wie ein ignoranter Bock.

Am Ende ist Yan auch nur ein Gast, der kommt und wieder geht. Ebenso wie der Winter. Das weiß auch Sooha, die ihren Gefühlen stoisch trotzt. Denn auf jede Dunkelheit folgt irgendwann auch wieder Licht.

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