Sperrstunde im Görlitzer Park in Berlin: Eine unsoziale Lösung
Seit dem 1. März schließt der Görli jede Nacht um 22 Uhr. Der Zaun trennt zwar den Park von der Stadt, aber die Probleme bleiben – vor seinen Toren.
Görlitzer Park, 15 Uhr, noch sieben Stunden bis zur Schließung. Zwei Frauen mit schütterem Haar treten in die Pedalen, mühen sich die Senkung neben dem Kinderbauernhof hinauf. Abseits des Hauptpfads, den sie beradeln, tönen Afrobeats und Rap aus Musikboxen. Große Familien grillen, teilen ihr Essen miteinander. An den Eingangstoren verstärkt sich ein Uringeruch, der nie so ganz die Nase verlassen will. Dort sammeln sich auch Männer, die offensichtlich Drogen verkaufen.
Hinter den Frauen biegt ein Wagen des Ordnungsamts in den Weg ein und schiebt sich im Schritttempo auf Patrouille durch den Park. Die Beamten wollen sich nicht äußern. Außerhalb ihrer Sichtweite geht ein Paar in seinen 50ern spazieren, sie in magentafarbener Steppweste, er in grauer Anzughose. Sie werden angesprochen von einem der Männer am Eingang. Begrüßen ihn. Erhalten eine kleine Tüte. Spazieren weiter.
Vor einem Café in der Görlitzer Straße sitzen zwei Männer, rauchen und trinken Kaffee mit Blick auf den Zaun. Ein paar Wochen erst sei es her, dass Teenagerkinder eines Bekannten abends nach der Sperrstunde überfallen worden seien. An einen Bankautomaten gebracht, zum Geldabheben gezwungen. Der Mann, der das erzählt, möchte nicht namentlich genannt werden; so wie auch niemand sonst an diesem Tag.
Ein paar Schritte weiter in einem Späti bedient der Betreiber Erkan* einen angetrunkenen Gast und lässt sich über die neue Sperrstunde aus. Seit März verdiene er zwischen 22 und 2 Uhr teilweise keine 20 Euro. Kein normaler Mensch treibe sich mehr gern in dieser Gegend herum, wenn der Görli nicht mehr lockt. „Mit der Drogenkriminalität wird es ja auch nicht besser seit den Schließungen. Die sind einfach weiter am Görlitzer Ufer und in den Straßen.“
„Ich bin halt obdachlos“
An seiner Ladentür wartet eine Frau. Sie möchte Glamour genannt werden, geht ziellose Runden vor dem Späti. Trägt eine schwarze Perücke unter einer Mütze, Stulpen über den Fußknöcheln und eine dünne Leggings. Hält ein Buch und eine DVD-Verpackung vor sich, die sie unbedingt für ein paar Euro – „egal, wie viel“ – an Passanten verkaufen möchte. Von ihrem Bargeld holt sie sich ein Bier in Erkans Späti. Auf dem Weg zurück in ihren Park redet sie mit einer Gruppe männlicher Parkstammgäste, die am Eingang stehen und sie auf Englisch ansprechen. Sie lachen mit ihr. Oder über sie?
Glamour wendet sich ab, geht durch die kleine Männertraube und läuft schneller, findet eine Bank mit Blick auf die Parkmitte. Ein Banner wurde dort aufgespannt, schwarze Schrift auf weißem Laken: „Der Görli bleibt auf! Soziale Lösungen für soziale Konflikte!“
Es sei alles gefährlicher geworden, sagt sie. Erzählt von Schülerinnen, die frühmorgens auf ihrem Schulweg durch den Park niemandem in die Augen gucken wollen. Von ihr bekannten Raubfällen, von Kriminellen in der Gegend, die sie nicht erkennt, von Nazis. „Die waren aber schon vor der Sperrstunde da.“ In Potsdam sei sie groß geworden. „Das ist echt eine gruselige Stadt für Ausländer“, sagt sie und zeigt auf ihre dunkle Haut.
Warum dann Berlin? „Weil es hier wirklich nette Menschen gibt, die versuchen, mich zu verstehen.“ Als ein Polizeiauto für eine Patrouille an ihrer Bank vorbeifährt, versteckt sie ihr Bier hinter vorgehaltenem Arm. Vor März habe sie nachts häufig auf Parkbänken geschlafen. Jetzt muss sie sich andere Übernachtungsmöglichkeiten suchen. Sie sei diesen Monat schon mehrfach aus Treppenhäusern getreten worden, in denen sie Obdach gesucht hatte. Sie fühle sich nachts nicht sicher. „Alle werden aggressiver. Ich bin halt obdachlos.“
„Das wundert mich nicht“, sagt Anwohner Daniel*, angesprochen auf Veränderungen seit der Sperrstunde. Er habe nicht viel Zeit, jagt auf dem Fahrrad durch den Park. „Wer will denn Drogenspritzen in seinem Hausflur haben? Ich nicht.“
Der Park bei Nacht
Es ist 21.45 Uhr, der Park soll in einer Viertelstunde schließen. Die unsichtbare Deadline ist bei vielen zu spüren. Es ist Freitagabend und in benachbarten Kiezen tummeln sich Freundesgruppen und Businessmeetings in Restaurants und Bars. Bis auf die Männergruppen, die sich vorher an den Eingängen aufgehalten haben, sind kaum Anwohner zu sehen. Nur vereinzelte Kundschaft kommt zu den Zäunen und entfernt sich rasch wieder. Jede Person, die auch nur kurz stehenbleibt, wird angesprochen, ob sie etwas kaufen wolle. Ein wohnungsloser Mann hat sich in der Mitte der Torpfosten zur Skalitzer Straße positioniert, hält die Arme minutenlang zur Seite ausgestreckt, summt vor sich hin.
Viele Lieferfahrer nutzen noch die Chance und fahren durch den Park. Ahmed* radelt aus ihm heraus, bleibt vor dem Zaun stehen und setzt die Kopfhörer ab. Er ist einer von ihnen, arbeitet für ein Restaurant, muss seine Route neu einstellen. Seine Hände sind in fingerlose Handschuhe eingepackt, er ballt die rechte Faust immer wieder zusammen, während er auf dem Display seines Handys tippt. Die Schließung des Parks erschwere ihm die Arbeit sehr, sagt er. Für manche Strecken brauche er erheblich länger, weil er spätabends nicht mehr die Abkürzung durch den Park nehmen kann. „Jetzt habe ich noch Glück gehabt.“ Er müsse dringend weiter. Ahmed steigt auf sein Rad und fährt über eine rote Ampel in die Ohlauer Straße.
Neben den Lieferfahrern spazieren selbst nach 22 Uhr noch einige Anwohner mit Hunden durch den Park. Doch die Stimmung ist eine andere als tagsüber. Keiner von ihnen möchte länger sprechen. Eine junge Frau zeigt als Erklärung nur stumm auf die Männer am Eingang und drängt sich mit ihrem Mischling an ihnen vorbei.
Warum denn abends überhaupt noch mit dem Hund durch den Görli ziehen? „Ich hatte noch nie Probleme“, sagt ein Rentner und zieht seinen kleinen Hund näher zu sich. „Man muss ja nicht reden mit den Leuten.“
Ein etwa Zehnjähriger im roten Fußballtrikot fährt um 22.34 Uhr mit seinen Eltern die Görlitzer Straße entlang, er auf einem E-Roller, sie auf Fahrrädern. Er wird langsamer vorm Eingang und dreht sich zu ihnen um. „Ich dachte, der Görli hat zu. Ich dachte, der ist nur bis 22 Uhr offen?“ Selbst einige Minuten später ist von einer Schließung nichts zu sehen. Anwohner-und-Hund-Gespanne gehen weiterhin spazieren, Verkäufer-und-Käufer-Duos gehen weiterhin Geschäfte im Park ein.
Erst um kurz vor 23 Uhr werden die Tore zugeschoben. Letzte Fahrradfahrer zwängen ihre Räder durch die Drehkreuze, die nur noch den Weg aus dem Park heraus ermöglichen. Die Männertrauben stehen in den Straßen und verkaufen weiter.
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